11.02.11

Schaubühne

Berlins bekannteste Fixerin bekommt ein Musical

Nach "Lulu - eine Nuttenrepublik" kommt nun ein weiteres Stück mit Sprengstoffpotential: das Musical "Christiane F." Es soll an der Schaubühne aber nicht zum Elendstheater stilisiert werden. Deshalb fertigte Regisseur Patrick Wengenroth selbst die Bühnenfassung des Bestsellers an.

Foto: Sebastian Gabsch
Schaubuehne, Foto: Sebastian Gabsch
Hier treffen zwei Extremcharaktere aufeinander: Patrick Wengenroth hat sich an Christiane F. angenähert

Wenn Werbung Aufsehen erregt, hat sie ein Ziel erreicht. Insofern könnte sich Patrick Wengenroth beruhigt zurücklegen. Wohl nicht gerade auf dem Boden eines Pissoirs. Das hat er schon hinter sich. Und diese Junkie-Pose sorgte für Diskussionen. Macht sich da etwa jemand lustig über das Elend? Über Christiane F., das legendäre Kind vom Bahnhof Zoo? Das auf dem Strich gehen musste, um das Geld für den nächsten Schuss zusammenzubekommen? Regisseur Wengenroth kann den Trubel nicht ganz verstehen. Das liegt möglicherweise auch an seiner Offenheit gegenüber Trash. Das Shooting bezeichnet er als "einen Versuch, dem Betroffenheits-Tourismus zu entgehen". Er spricht über die ironischen Zutaten auf dem vermeintlichen Skandal-Foto: "Kein Fixer ist so dick wie ich." Außerdem trägt Wengenroth ein T-Shirt mit der Aufschrift "Keine Macht den Drogen" – allerdings auf Englisch. Und das die Toilette strahlt wie frisch geputzt – auch das dürfte im entsprechenden Milieu eher die Ausnahme sein.

Zurücklehnen kann sich Wengenroth natürlich trotzdem nicht. Schließlich hat am Montag seine Inszenierung des Sachbuchklassikers "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" Premiere im Studio der Schaubühne. Vier Tage davor macht der Regisseur beim Interview allerdings einen erstaunlich entspannten Eindruck. Er trägt auch wieder die schwarze Adidas-Jogginghose, die auf dem Werbefoto zu sehen ist. Und erinnert mit seinen langen dunklen Haaren, dem Bart und der Vorliebe für Artikel der Marke mit den drei Streifen ein bisschen an den Künstler Jonathan Meese. Auf dem Kopf trägt Wengenroth eine Mütze mit der Aufschrift "Schietwetter". Er kommt aus Hamburg. Das ist nicht zu überhören, obwohl der 34-Jährige schon zehn Jahre in Berlin lebt. Er war hier einer der Mitbegründer des Theaterdiscounters. Sein dort entwickeltes Show-Format "Planet Porno" läuft mittlerweile im Hebbel am Ufer. An der Schaubühne arbeitet er seit 2009, vorzugsweise im Studio, der Bühne fürs Experimentelle. Ein Spielort, der diesmal zu klein sein könnte. Denn bereits vor der Premiere gibt es kaum noch Karten für die Folgevorstellungen. Das Interesse an dieser Ur-Berliner-Geschichte ist groß.

Er probt immer nur zweieinhalb Wochen, normal sind an Stadt- oder Staatstheatern sechs. Das gehört bei ihm zum Konzept. Man könnte es frei nach Kleist als die Verfertigung der Inszenierung beim Spielen bezeichnen. "Ich arbeite bei meinen Abenden gezielt mit so einer Unterprobtheit", betont Wengenroth. Und schränkt die Aussage gleich etwas ein: "Elemente wie Songs müssen schon eine gewisse Perfektion erreichen." Lieder werden einige zu hören sein. Dazu später mehr. Wengenroth wählt einen Sportvergleich, um seinen Regie-Ansatz zu verdeutlichen. "Das ist ein bisschen so wie beim Basketball: Die Spielzüge sind einstudiert, die Taktik besprochen, die Aufstellung steht. Und dann gibt es 30 Sekunden Auszeit – und eine neue Marschroute." Gewünschter Nebeneffekt: Damit "bewahren wir uns den Glauben, jeden Abend neu zu kreieren und nicht einfach nur abzuspielen."

Bei dieser Methode ist es natürlich von Vorteil, wenn der Regisseur selbst auf der Bühne steht. Wengenroth ist der fünfte im Ensemble. Er spielt – wie alle anderen – Christiane F., die gelegentlich vervielfacht wird, aber daneben auch Sandra Maischberger. In deren Sendung trat die echte Christiane F. vor ein paar Jahren auf. "Das ist der einzige Fremdtext, den wir in der Inszenierung verwenden", so Wengenroth. Ursprünglich wollte er noch einschlägige Passagen berühmter Drogen-Literaten einfließen lassen, "aber die haben wir wieder rausgenommen, weil die Texte von Christiane F. einen großen Sog auf der Bühne entfalten."

Der Regisseur hat selbst die Bühnenfassung des Drogenabsturzaufklärungsklassikers gemacht. Die in der Ich-Form erzählte Geschichte der 14-Jährigen Christiane F. zwischen Kinderstrich, Drogenabstürzen und der Sehnsucht nach glücklicher Zweisamkeit erschien 1978 als Buch – und wurde ein Bestseller. Mittlerweile ist es über zwei Millionen Mal verkauft worden.

Wengenroth bezeichnet das Buch als "Extrembiographie mit literarischem Parabelcharakter". Locker schlägt er den Bogen zu so tragischen Figuren wie Woyzeck oder Hamlet – und erklärt damit, warum der Stoff so attraktiv fürs Publikum ist. Sicher auch, weil sich die Bilder des Films, einst produziert von Bernd Eichinger, bei vielen eingebrannt haben. Solche Elendsmotive wird es im Theater aber nicht geben. "Fixen kann man im Film nachstellen, aber auf einer kleinen Bühne, da würde ich mich kaputtlachen", sagt Wengenroth. Dafür aber gibt es Musicalelemente.

Die Idee dazu hatte der Regisseur bei der Probe. Es ging um die Frage, was man aus "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" auf keinen Fall machen darf. Antwort: Ein Musical. "Also haben wir versucht, diese Unzulässigkeit zu benutzen. Wir brechen in Musicalmomente aus, um nicht in der Betroffenheit zu landen, die dem Topos innewohnt", sagt Wengenroth. Der Regisseur selbst performt die meisten Songs an dem Abend, passenderweise Lieder wie "Schneewittchen" und "Riskante Spiele" von Udo Lindenberg. Das Lindenberg-Album "Panische Nächte", sagt Wengenroth, "spiegelt die depressive Stimmung der 70er Jahre wider, die auch Christiane F. beschreibt." Der 34-Jährige Theatermann kommt noch mal richtig in Fahrt, wenn er von dem Hamburger Musiker schwärmt, dessen Songs er gewissermaßen retrospektiv entdeckt hat. Ein Film von Hark Bohm, im Schulunterricht gezeigt, gab den Ausschlag. Und natürlich hat sich Wengenroth das Lindenberg-Musical am Potsdamer Platz angeschaut. Zu Recherchezwecken. Und scherzt: "Wir machen das geilere Musical."

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