05.02.11

Theater

Ben Becker spielt Alkoholiker ohne Kompromisse

Eugene O'Neills Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist harter Stoff. Sucht und Suff werden von Ulrich Waller am Renaissance Theater inszeniert - ohne mit der Wimper zu zucken.

Foto: dpa/DPA
Fotoprobe "Eines langen Tages Reise in die Nacht"
Ben Becker mimt den Alkoholiker Jamie sehr authentisch

So viele Probleme muss sich eine Familie schon hart erarbeiten: der Vater ein autoritärer Geizhals mit Alkoholproblem, die Mutter drogenabhängig, die erwachsenen Söhne unselbstständig, der eine Alkoholiker und Bordellbesucher, der andere schwindsüchtig. Weil auch eine irisch-stämmige Schauspielerfamilie eine derartige Ballung nicht aushält, lügen sich die Tyrones in Eugene O'Neills Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" etwas vor, bis Suff und Sucht, Wut und Nervenflattern allmählich das ganze, schicksalhaft verknüpfte Elend ans Licht bringen.

Nach dem Krieg wurde der Literaturnobelpreisträger O'Neill in Deutschland, zumal in Berlin, rauf und runter gespielt, weil sich in seinen psychologischen Dramen die Verdrängungen und Lebenslügen einer Generation spiegelten. Heute, wo in jeder Nachmittagstalkshow das Innerste nach Außen gekehrt wird, haben sie es schwerer. Die Übernahme von "Eines langen Tages Reise in die Nacht" vom Hamburger St. Pauli Theater ans Renaissance-Theater zeigt warum. Was immer Ulrich Waller gereizt hat, O'Neills autobiografisches Drama zu inszenieren – man sieht es dieser Produktion nicht an. Sicher, filigrane Seelenverästelungen wirken heute schnell lächerlich. Verzichtet man aber darauf, braucht es Alternativen. Bei Wallers harmlos dahinschnurrendem Abend ersetzen bebende Stimmen jede Seelen-Regung und Lautstärke jede Gefühlsaufwallung, gehen gute zweieinhalb Stunden lang lauwarme Behauptungen über die Bühne.

Raimund Bauer hat dort ein paar abgesessene historische Möbeln und Stehlampen arrangiert; hinten zitiert eine bedruckte Gaze verfallene Altbaugrandezza. Hier geistern die vier Familienmitglieder herum, die sich hasslieben und schuldhaft ineinander verstrickt sind. Wenn die Tyrones anfangs die Konflikte noch unterm Teppich halten, illustriert Waller die Macken der Charaktere mit sprechenden Gags: Während Tyrone seinen Geiz dementiert, markiert er den Stand seines Whiskys mit dem Stift und leitet den auf dem Tisch verschütteten Alkohol eifrig mit der Hand ins Glas.

Später wird das Elend nur noch behauptet. Gerd Böckmann, der in Hamburg unter Rudolf Noelte einst den kränkelnden Sohn spielte, pafft nun selbst die Patriarchen-Zigarren, bleibt aber als eine Art gealterter TV-Serienheld so blass wie sein beiger Anzug. Nur selten deutet er mit einer Geste, hervortretenden Augen, einem vorgeschobenen Kinn an, dass da ein heruntergekommener Schauspieler steht, der die ihm verbliebene Bandbreite seines Könnens dazu nutzt, seine Familie zu tyrannisieren. Noch tyrannischer, auf eine perfide, weil liebenswürdige Weise, ist bei O'Neill die Mutter angelegt. Angela Schmids zwischen künstlich glühender Mädchenhaftigkeit und wunderlicher Alten flackernde Mary balanciert auf der Wackelkante zum Wahnsinn: Wo Schmid immerhin einen Zugriff auf ihre Rolle findet, wenn auch einen etwas eindimensionalen, rumpelt Ben Becker als Loser-Suffkopp James Junior einfach über die Bühne, sagt im sonoren Reibeisensingsang seinen Text auf und verlässt sich auf seinen Koloss-Körper, wenn er später im Alkohol-Rausch mit den Händen in der Luft herumschaufelt wie Käpt'n Blaubär auf hoher See. David Bennents schmächtiger Edmund hüstelt mit großen, traurigen Augen, krächzt selbstmitleidig seine Tiraden hin und lässt keine Gelegenheit aus, einen Lacher einzuheimsen.

Sie alle setzen ihre Charaktere auf eine Spur und lassen sie mal mehr, oft weniger energievoll schnurren. Kollisionen werden behauptet, finden aber nicht statt. Wo das Stück äußerst detailliert die Lebenslügen der Familie Tyrone aufdröselt, wird hier nur so getan, als ob. Das tut niemandem weh – und O'Neill unrecht.

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