RBB-Dokumentation
So war das Leben und Sterben von Chris Gueffroy
"Das kurze Leben des Chris Gueffroy" heißt eine RBB-Dokumentation, die jetzt kurz vor dem 21. Todestag des letzten Berliner Mauertoten ausgestrahlt wird. Der Film gehört dringend in das nationale Programm der ARD.
Von Sven Felix Kellerhoff
Die Schüsse waren kilometerweit zu hören. "Ich konnte komischerweise, obwohl ich müde war, nicht einschlafen", erinnert sich Karin Gueffroy an diese kalte Nacht. Anfang Februar 1989 lebte sie in Treptow, in der Nähe der Mauer. "Und dann hallten diese Schüsse, und das waren so viele. Dann zuckt man schon zusammen – und irgendwann geht man ins Bett." Sie ahnte nicht, dass die Kugel ihrem Sohn gegolten hatten, und noch weniger, dass der erst 20-jährige Chris kurz darauf seinen schweren Verletzungen erlegen war, laut Totenschein am 6. Februar 1989 gegen 0.15 Uhr.
Am heutigen Donnerstag zeigt der RBB die Dokumentation "Das kurze Leben des Chris Gueffroy" von Klaus Salge. Es ist ein ungewöhnlich dichter, gleichzeitig aber ruhiger Film. Salge hat nicht nur intensive Gespräche mit Karin Gueffroy geführt, sondern auch eine Reihe von Freunden von Chris vor die Kamera geholt. Sogar seinen Mitflüchtling Christian Gaudian, der verletzt überlebte und wegen "versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts im schweren Fall" zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.
Warum versuchten die beiden jungen Männer zu flüchten? Rein materiell ging es ihnen für DDR-Verhältnisse gut: Als Kellner in auch von westlichen Besuchern frequentierten Restaurants verdienten sie allein an Trinkgeld weit mehr als der durchschnittliche DDR-Bürger, mehr sogar als hoch qualifizierte Ärzte oder Ingenieure. Doch Geld allein macht Menschen nicht glücklich.
Chris Gueffroy hatte immer Freiheit gewollt, und vor allem: Er wollte sich nicht anpassen. Mehrere Schul- und Jugendfreunde beschreiben in Salges Film, wie sich Druck aufbaute in ihm. Er war als kleiner Junge an der Turnschule des Sportvereins Dynamo aufgenommen worden. Doch das strikte Regime ließ ihm keine Entfaltung – Karin Gueffroy nahm ihren Sohn von der Sportschule. Auch die nächste Idee, eine Ausbildung zum Piloten, würde Chris nicht verwirklichen können, wie die Mutter erkannte. Denn in der DDR führte der Weg zum Pilotenschein ausschließlich über das Militär.
Seine bevorstehende Einberufung zur Wehrpflicht war es sogar, die den Fluchtplan Anfang 1989 konkret werden ließ. Das Risiko erschien Chris und seinem Freund überschaubar: "Im Prinzip herrschte einfach die Meinung: Okay, wenn sie uns kriegen, nehmen sie uns fest. Dann gibt es ein Jahr harmlosen Knast, und dann ist gut", erinnert sich Christian Gaudian: "Aber weder der Knast war harmlos noch der Ausgang der Geschichte war harmlos."
Am 5. Februar 1989 wollten die Freunde ihren Plan in die Tat umsetzen. Gegen 21 Uhr näherten sie sich dem Sperrgebiet, krochen fast drei Stunden durch Schrebergärten und überkletterten dann die Hinterlandmauer. Sie hofften, unbemerkt zu bleiben. Doch als Gueffroy und Gaudian durch den Signalzaun schlüpfen, löste der Alarm aus. Die beiden jungen Männer rannten weiter.
Zwei Grenzposten begannen, auf sie zu schießen. Gueffroy und Gaudian versuchten, den Schüssen zu entkommen. Doch sie liefen auf ein zweites Paar Posten zu, das sie ebenfalls unter Feuer nahm. Wieder knallte es, Funken schlugen aus dem Streckmetallzaun. Plötzlich sackte Gueffroy zusammen: Ein Geschoss hatte ihn in die Brust getroffen und den Herzbeutel verletzt. Schon wenige Minuten später tippte ein Stasi-Offizier im "Zentralen Operativstab" eine Meldung an Minister Erich Mielke: "Verhinderung eines Angriff auf die Staatsgrenze zu Berlin (West). Durch die Grenzposten des Regimentes 33 wurden 22 Warn- und Zielschüsse abgegeben."
Genauso schlimm wie der Mord an Gueffroy, dem letzten Opfer des Schießbefehls an der Mauer, war die anschließende Bespitzelung und "Zersetzung" der Familie Gueffroy und der Freunde des Toten. Gestützt auf Interviews mit der Mutter, aber auch mit dem Onkel wird deutlich, wie die SED-Diktatur auf den Wunsch nach Freiheit eines 20-Jährigen mit Repression gegen die Verwandten reagierte. Klaus Salges Film ist zugleich ein Nachruf und ein Lehrstück. Er gehört dringend in das nationale Programm der ARD.
RBB-Fernsehen, 3. Februar 2011, 22.45 Uhr
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