26.01.11

Berliner Orchester

Die Zeiten des Streiks sind vorbei

Die Tarifverhandlungen um die Berliner Opernorchester haben einen Gewinner: Das Konzerthausorchester wird finanziell begünstigt. Auch ein neuer Chefdirigent steht schon in den Startlöchern.

Von Volker Blech

Von Entspanntheit ist bei der Deutschen Orchester-Vereinigung die Rede, was nicht anderes heißt als: Es ist mit keinen weiteren, nervigen Streiks der Berliner Opernorchester zu rechnen. Das Ende der Tarifverhandlungen, die für Außenstehende sowieso kaum zu verstehen sind, naht. Es gibt einen Fahrplan, und kurioserweise werden am Ende weniger die drei Opernorchester, sondern vielmehr das Konzerthausorchester als Gewinner daraus hervorgehen.

Aber der Reihe nach: Bei den Verhandlungen geht es um "die Wiederankopplung der Orchester an den Öffentlichen Dienst", wie es DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens erklärt. 2002 hatte sich bekanntlich das finanzklamme Berlin aus dem Tarifverbund gelöst und die Gehälter aller ihrer Bediensteten eingefroren. Mit der allgemein vereinbarten Arbeitszeitverkürzung wollten sich die Arbeitgeber der Orchester aber nicht anfreunden, also scherten die Klangkörper weitgehend aus. Mittlerweile werden diese vier hauptstädtischen Orchester 12 Prozent unter Bundesdurchschnitt bezahlt. Bis 2017 sollen sie, gemeinsam mit allen anderen öffentlich Bediensteten, wieder ans Bundesniveau angekoppelt sein.

Aber der Weg bis dahin war und ist steinig. Gestern nun wurde zwischen der DOV als Gewerkschaft und dem Deutschen Bühnenverein als Arbeitgeber ein "Eckpunktepapier auf zwei DIN A4-Seiten" (Mertens) ausgehandelt. Bis Ende März soll der "Übergangstarifvertrag" stehen. Danach werden sich die Musiker nur noch sechs Prozent unter der bundesdeutschen Fläche bewegen, wie es Mertens ausdrückt. In den letzten Wochen muss heftig gefeilscht worden sein. Im neuen Vertrag wird es beispielsweise keinen Ortszuschlag mehr geben. Für Neueingestellte gilt, so Mertens: "Heiraten und Kinder kriegen wird nicht mehr belohnt." Im Gegenzug zu höheren Monatsgehältern tritt auch die lange umstrittene, unentgeltliche Aushilferegelung in Kraft. Das heißt, Musiker, die in ihrem Orchester nicht alle Dienste absolviert haben, können für ein anderes als Aushilfe herangezogen werden. Die neuen Regelungen kommen bei den drei Opernorchestern, die zur eigenständigen Opernstiftung gehören und deren Angestellte von Verdi verhandelt werden, aber erst ab 2015 zur Anwendung.

Dagegen kann das Konzerthausorchester, das unmittelbar dem Land Berlin untersteht, sofort auf die allgemeine Anpassungsschiene gesetzt werden. Das ist bares Geld. Insbesondere die Musiker der Deutschen Oper – die sich eh schon seit Jahren gegen die Zurückstufung gegenüber Barenboims mit Bundesmitteln zusätzlich ausgestatteter Staatskapelle wehren – werden sich darüber ärgern. Bei gleicher Klassifizierung wird ein Konzerthausmusiker rund hundert Euro mehr im Monat verdienen als sie. Für Orchester ist die Bezahlung auch eine Frage des Images, um künstlerisch guten Nachwuchs verpflichten zu können.

Ivan Fischer wird neuer Chefdirigent

Überhaupt zeichnet sich ab, dass dem Konzerthaus mit seinem Orchester bessere Zeiten bevor stehen. Die still im Hintergrund vermittelnde Hand des neuen, charismatischen Intendanten Sebastian Nordmann hat dazu beigetragen, dass die Sympathien gegenüber dem kulturpolitisch lange ungeliebten Konzerthaus spürbar zugenommen haben. Nicht nur bei Sponsoren. Der Vertrag des neuen Chefdirigenten Ivan Fischer, Jahrgang 1951, ist längst ausverhandelt und soll demnächst mit wohl wahlkämpferischer Geste von Klaus Wowereit unterschrieben werden.

Fischer tritt die Nachfolge von Lothar Zagrosek an, der im Sommer aufhört. Der ungarische Topdirigent kann aber erst ein Jahr später antreten. Der Wechsel wird wohl auch eine Neuausrichtung des Konzerthauses mit sich bringen: Man mag es als eine Rückbesinnung auf osteuropäische Musiziertraditionen deuten – was zweifellos eine Marktlücke in Berlin ist. Das Konzerthausorchester, das aus dem von Kurt Sanderling geprägten (Ost-)Berliner Sinfonie-Orchester hervorging, hat beispielsweise eine ureigene Schostakowitsch-Tradition. Aber die sowjet-russische, überhaupt osteuropäische Schule geriet bei den letzten Chefdirigenten beinahe in Vergessenheit.

Nun hat sich Fischer, Musikphilosoph der österreichisch-ungarischen Schule, als ständigen Gastdirigenten den Tschechen Jiri Belohlavek und den Russen Dmitri Kitajenko an die Seite geholt. Die beiden Pult-Altmeister werden bereits die nächste Saison am Gendarmenmarkt einleiten.

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