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16.10.07

Konzert

Amy Winehouse - nun singt sie also doch

Sie ist eine Art weiblicher Pete Doherty - und eine der großen Hoffnungen des Soul. Ihre fantastische Stimme ist wegen ihrer Drogenexzesse und ihrer - vermutlichen - Bulimie-Krankheit jedoch nicht immer wie angekündigt live zu hören. Nun ist Winehouse auf Europa-Tournee, in Berlin blitzte ihr Können nur kurz auf.

© AP
Amy Winehouse

Die Nachrichtenlage um Amy Winehouse war jüngst etwas verwirrend. Im August hatte die alkohol- und drogensüchtige Sängerin etliche Konzerte abgesagt, darunter eines mit den Rolling Stones, und sich selbst freiwillig in eine Londoner Entzugsklinik geschickt. Vergangenes Wochenende erst hieß es, die Ehe mit Blake Fielder-Civil sei am Ende. Der wiederum muss praktisch wöchentlich wegen Prügeleien vors Gericht.

Die 24-jährige Winehouse selbst kam kürzlich betrunken in eine Talkshow, und während eines Auftritts in Londons berühmtem Astoria-Club musste sie sich auf der Bühne übergeben. Zu ihren Essgewohnheiten irgendwo zwischen Magersucht und Bulimie sagte sie einmal: Alle modernen Mädchen sind so, das ist keine große Sache.

Ihre Vorband ist langweilig

Das Potpourri an Exzessen ließ beinahe vergessen, dass dieser weibliche Pete Doherty eine der großen Hoffnungen des neuen Soul ist. Jetzt ist das Stimmenwunder endlich wieder zu hören. Winehouse ist seit Montag auf Europa-Tournee, und sie steht wider Erwarten auch wirklich auf der Bühne.

Dabei ist alles offenbar auf ihre Großstrategie ausgerichtet: Hauptsache, ich hebe mich gegen den Rest ab. Bei den neuen Konzerten soll das offenbar so funktionieren, dass alles drumherum anstrengend mittelmäßig ist und die Sängerin in besonders hellem Licht strahlt.

Das geht so: Zuerst kommt eine rotblonde Langweilerin mit Westerngitarre und dem bescheuerten Namen "Missing Cat" auf die Bühne. Sie sieht aus wie eine Judith Holofernes aus dem Mittleren Westen und klingt nach Yamaha-Musikschule, zweites Jahr. Als diese musikalische Frechheit vorbei ist, lässt der Veranstalter das Licht wieder anknipsen und spielt zwei Stunden lang abgedroschene Motown- und Stevie-Wonder-Nummern, bis auch noch dem größten Fan der Kragen platzt.

Der Auftritt beginnt mit Pfiffen

Amy Winehouse kommt deshalb viel zu spät und unter Pfiffen auf die Bühne, aber, das ist ja das Wichtigste: Sie kommt. Mit der turmhohen Bienenstock-Frisur, und im Kleid mit breitem Gürtel, ganz wie man sie kennt. Auch ihre Handgelenke sehen gar nicht so abgemagert aus, passen bestimmt gerade eben nicht mehr durch den Hals einer Punica-Flasche.

Die Zimmeroptik der Bühne mit sechs roten Stehlampen muss genauso bei der Band Outkast abgeschaut sein wie der wilde, angenehm ausgeflippte Tanzstil der beiden schwarzen Backgroundsänger. Das war's dann auch schon mit Extravaganz. Der Keyboarder hat an seinem Synthesizer einen glockigen Wurlitzer-Klang eingestellt und daddelt uninspiriert die Tonleitern rauf und runter.

Die drei Blechbläser – der Baritonsaxofonist holt immer wieder mal eine Querflöte raus – spielen auf gutem, mittlerem Niveau. Alles ist hier solide, die Band klingt wie frisch von der Jazz-Hochschule. Sauber, glatt und konturlos. Und das ist auch genau richtig so, denn hier soll alles auf eines ausgerichtet sein: Amys fantastische Stimme.

Ihre Stimme beeindruckt wie immer

Die schraubt und knödelt sich mit diesem ureigenen, geheimnisvoll dunklen Timbre durch die Songs vor allem der neueren Platte. Die Bläser spielen sie dazu noch schärfer als auf der CD, bis eine Art Ska-Soul entsteht – warum auch nicht: Die Folie, vor der dieser sich selbst quälende Mezzosopran durch die Jazzharmonik und das Selbstmitleid perlt, ist nebensächlich.

Amy singt, wie immer, von ihrem Leben: In jedem zweiten Song kommt eine Zeile wie "immerhin sauf ich nicht mehr so viel" vor, ihre Musik ist ansonsten ein Bericht der gelinde gesagt wechselhaften Beziehung zu Ehemann Blake. "Back to black" hat sie das Album bekanntlich genannt.

Störrisch war die Tochter eines Londoner Taxifahrers wohl schon immer. Als Teenager besuchte sie eine Schauspielschule, flog nach wenigen Wochen wegen Renitenz raus. Sie studierte ein bisschen Geschichte, machte weiterhin Musik. Ihre erste Band, ein Rap-Duo, bezeichnete sie selbst als das jüdische Salt'n'Pepa. Es hieß allerdings Sweet'n'Sour und natürlich war sie es, die sich darin "sauer" nannte. Mit 18 bekommt sie einen Plattenvertrag.

Winehouse kann noch viel mehr

Ihr erstes Album "Frank" fiel 2003 angenehm auf, das zweite war im vergangenen Jahr schon ein Knüller. Der Song "Rehab" hielt sich so lange, dass er auch gleich der eigentliche Sommerhit 2007 blieb. Die nölend und schnarrend, dabei tödlich cool vorgetragene Nummer klingt einerseits ohnehin großartig, andererseits in den letzten Monaten immer wieder wie eine neue Stufe des ironischen Selbstkommentars der Amy Winehouse.

Auch in Deutschland singt ausgerechnet sie jetzt wieder diese Zeilen: "Sie wollten mich in den Entzug stecken, aber ich geh nicht, nein, nein!" Die Bühnenversion wird allerdings gehetzter gespielt als die der CD, als sei an der Sache etwas faul. Das betrifft natürlich, wenn es denn so sei, nur die Botschaft, nie die Musik. Hier lebt der echte, herzenswarme Rhythm and Blues wieder auf. Also das, was früher einmal so hieß, lange bevor eine Disco-Variante unter dem Schlagwort "R'n'B" die maßlose Genre-Aufspaltung des Pop weiter vorantrieb.

So weich und mächtig wie Winehouse klang im Soul wohl zuletzt Aretha Franklin. Die aber war auch als Sängerin genau die Powerfrau, als die sie in "Blues Brothers" auftrat: Sie knallte dem Publikum immer alles ins Gesicht. Winehouse dagegen ist die mit sich selbst beschäftigte Neurotikerin. Sie nestelt an der ausladenden Frisur, bis die auseinanderfällt, sie fummelt an Oberlippe und Nase, wirft ihr Mikro beinahe um, schmollt den Boden an und lächelt plötzlich wieder frisch ins Publikum. Beinahe lohnt er sich sogar, dieser 60-Minuten-Miniauftritt. Aber nur als Vorahnung. Wenn diese Frau einmal volle Kraft gibt, wird das ein großes Ereignis werden. Diesmal war's noch nicht so weit.

Termine: 16.10. Hamburg, 24.10. München, 28.10. Köln

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