31.12.10

Silvesterkonzert

Warum Thielemann Tristan lebensgefährlich findet

Christian Thielemann dirigiert in diesem Jahr das Silvesterkonzert der Dresdner Staatskapelle. Ein Gespräch über Techno, Wagner und den tödlichen Rausch der Schönheit.

Von Mathias Döpfner
Foto: picture-alliance/Zentralbild

Theiemann wurde 1959 in Berlin geboren. Er begann seine Karriere als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin und gleichzeitig als Assistent von Herbert von Karajan.

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Morgenpost Online: Herr Thielemann, Sie sind im Porsche gekommen. Welche Musik haben sie auf der Fahrt gehört?

Christian Thielemann: Madonna.

Morgenpost Online: Ihr jüngstes Album "Sticky and sweet"?

Christian Thielemann: Ja. Ich finde diese Frau faszinierend. Nicht nur musikalisch. Die Stimme, jooh, na ja. Aber als Gesamtphänomen bewundere ich diese Künstlerin. Wie sie sich immer wieder neu erfindet. Wie sie ganze Moderichtungen prägt und Stiltrends setzt. Das ist unglaublich. Ich würde Madonna gerne mal kennen lernen. Und mit ihr darüber reden, wie sie das macht.

Morgenpost Online: Madonna fasziniert Sie nicht nur als Kultfigur, sondern wirklich als Kulturfigur?

Christian Thielemann: Aber klar. Und das Gute ist, dass nach drei Minuten Schluss ist mit einem Song. Ich finde, man kann als klassischer Musiker doch nicht nur Beethoven oder Schumann hören. Ich muss doch wissen, was los ist.

Morgenpost Online: Hören Sie auch Techno oder House?

Christian Thielemann: Auch das höre ich. Auch wenn es mir manchmal ein bisschen hackig ist.

Morgenpost Online: Wissen Sie, was Trance ist?

Christian Thielemann: Nein.

Morgenpost Online: Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus, sich ständig steigernde Trommelwirbel, und dann die erlösenden Synthesizer-Flächen. Ekstase pur.

Christian Thielemann: Ja, darum geht es immer.

Morgenpost Online: In der Inszenierung der Ekstase von Techno-DJs wie Sven Väth oder Richie Hawtin liegt ja mehr als nur ein simples, repetitives, quasi minimalistisches Musik-Muster.

Christian Thielemann: Das hat etwas mit Wagners "Tristan" zu tun. Das hat viel mehr mit Klassik zu tun, als man denkt. Es geht darum, die Menschen in einen Rauschzustand zu versetzen. Und das tut Techno genauso wie der zweite Akt "Tristan".

Morgenpost Online: Das Gemeinsame von Techno und "Tristan" ist das Rauschhafte, die Entrückung, die Entgrenzung?

Christian Thielemann: Es geht um das Überschreiten von Grenzen. Man überschreitet bei "Tristan" Grenzen, bei Techno auch. Oder nehmen wir die langsame Ballade im Popsong, also das Stück, während dessen früher bei der Party geknutscht wurde. Das ist nichts anderes als der langsame Satz einer Beethoven- oder Mahler-Sinfonie. Musik ist deshalb so geheimnisvoll, weil sie in den Menschen Dinge auslöst, deren Ursache man nicht beschreiben kann.

Morgenpost Online: E. T. A. Hoffmann hat sinngemäß gesagt: Musik ist die höchste aller Künste, weil sie ihr letztes Geheimnis nie preisgibt.

Christian Thielemann: Weil es so viele Dinge gibt, die man gar nicht beschreiben oder analysieren kann. Bin ich so berührt, weil hier die Posaunen so tief gesetzt sind, oder ist es was anderes? Wir können darüber reden, gerne auch musikwissenschaftlich, aber erklären können wir es nicht.

Morgenpost Online: In der bildenden Kunst hat man Formen und Farben, in der Literatur die Sprache. In der Musik nicht. Musik ist eine hermetische Semiotik. Wir können nur ahnen, warum "Tristan" die Menschen seit Generationen berauscht.

Christian Thielemann: "Tristan" ist die Droge an sich. Eine gefährliche Droge, weil sie in uns Gefühle weckt, die wir nicht mehr abschalten können und die keine Grenze kennen. Das macht Angst. Das ist so als wenn man da sitzt und denkt, das hier ist der Planet und dahinter ist das Weltall und was kommt dann? Das ist der "Tristan".

Morgenpost Online: Bei Techno scheint der Fall einfach: Es ist die extreme Betonung des Rhythmus, die weit über dem Herzschlag liegenden, aufputschenden Tempi, die exzessive Beschleunigung, Frequenzvervielfältigung, eine dem Höhepunkt zutreibende Ekstatik. Beim "Tristan" ist es – was? Die chromatische Harmonik, die Klangfarbe?

Christian Thielemann: Techno ist maschinell, funktioniert über das Tempo. Beim "Tristan" ist es nicht das Tempo, sondern im Gegenteil die Langsamkeit, die Verzögerung, der ständig verzögerte Höhepunkt. Es ist der ausbleibende Höhepunkt. Darin liegt eine Grausamkeit. Das ist zerstörerisch. Und es gibt keine Tonart. Eigentlich ist es in der Musik doch so, dass sich jede Spannung in Entspannung auflösen soll. Im "Tristan" aber löst sich die eine Spannung in der nächsten Spannung auf. Das ist widernatürlich. Wenn man lange gearbeitet hat, wenn man lange gewandert ist, ist man irgendwann kaputt und möchte sich ausruhen, einfach ins Bett. Das versagt einem Richard Wagner.

Morgenpost Online: Widernatürlichkeit war es genau, was man Wagner vorgeworfen hat. Dekadente, degenerierte, kranke Musik, sagten seine Feinde.

Christian Thielemann: Das hat er mit Absicht gemacht. Er ist der erste und einzige, der das ästhetisch so unvergleichlich, vor allem unvergleichlich schön inszeniert hat.

Morgenpost Online: Widernatürlich heißt: Es ist Kunst. Kunst überhöht oder konterkariert die Natur. Kunst ist immer widernatürlich.

Christian Thielemann: Genau. Das Kranke ist normalerweise hässlich. Bei Wagner ist es schön.

Morgenpost Online: Thomas Mann hat sich in seiner Jugendstilnovelle "Tristan" mit der kränklichen Überfeinerung der Künstlerseele im Kontrast zur banal kraftstrotzenden Kaufmannsseele befasst. Manns Protagonist, der Schriftsteller und Wagnerianer Detlef Spinell ruft immer wieder unmotiviert aus: "Wie schön! Sehen Sie, wie schön!" Zufall?

Christian Thielemann: Thomas Mann wusste genau, die Schönheit des "Tristan" und seiner besonderen Instrumentierung macht süchtig, macht krank, macht Angst. Zuerst denkt man nur: Ach, ist das schön. Und dann merkt man, wie abgründig diese Schönheit ist. Das ist, als hätte man einen Löffel voll Strychnin und weiß, damit kann ich das ganze Haus hier umbringen. Wagner wusste um diese Wirkung. Deshalb hat er ja gesagt: Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten. Wagner wusste genau, was er tut und was er bewirkt. Es ist eiskalte Konstruktion und Berechnung, das Gift genau so zu mischen, dass es wirkt.

Morgenpost Online: Wollte Wagner Schönheit?

Christian Thielemann: Aber natürlich, sonst hätte er nicht Seidenunterhosen getragen.

Morgenpost Online: Was bedeutet für Sie Schönheit in der Musik?

Christian Thielemann: Zum Beispiel ein runder, warmer Orchesterklang. Das habe ich auch von Karajan gelernt: Was man erreichen kann, wenn ein Orchester homogen klingt. Meine Sehnsucht ist der schöne Klang.

Morgenpost Online: Na, das hätte aber Adorno nicht hören dürfen. Und die Freunde der Originalklangbewegung auch nicht. In der linken Kulturkritik ist Schönheit furchtbar verpönt. Es geht um Brüche, um die Ästhetik des Hässlichen. Warum ist Schönheit so diskreditiert?

Christian Thielemann: Weil es eine Zeit gegeben hat, in der man Schönheit auch dazu missbraucht hat, andere Sachen zu transportieren.

Morgenpost Online: Die Ästhetik der Hässlichkeit als Therapie gegen Hitler und Leni Riefenstahl?

Christian Thielemann: Klar. Deshalb sind ja auch die Propagandafilme bis heute verboten. Weil man Angst davor hat, wenn man "Triumph des Willens" kaufen könnte, dass dann jemand sagt: Na, aber der Lichtdom war schon toll.

Morgenpost Online: Der Punk der Sex Pistols und das Originalklang-Exerzitium als antifaschistisches Gegengift.

Christian Thielemann: Genau. Karajan galt als Riefenstahl-Kapellmeister, weil man ihm Glätte vorgeworfen hat. Was für ein Missverständnis. Nur Glätte ist langweilig. Wir brauchen auch die raue Oberfläche, das Gebrochene, um die Schönheit überhaupt erlebbar zu machen. Aber das Glatte generell, die Schönheit an sich zu verurteilen, das halte ich für falsch.

Morgenpost Online: Der Musikkritiker Eduard Hanslick schrieb im 19. Jahrhundert sein ästhetisches Grundsatzwerk "Vom musikalisch Schönen". Da ging das noch. Bei Adornos "Ästhetischer Theorie" war das dann schwieriger. Adorno hat uns alle ertappt bei der verbotenen "Suche nach den schönen Stellen". Nach dem Motto: Nur dümmliche Reaktionäre hören Musik, die schön ist. Sind die schönen Stellen wirklich so gefährlich?

Christian Thielemann: Das ist nur als Reaktion auf das zu verstehen, was dem voraus ging. Der Zivilisationsriss führte zu einer nötigen Reaktion. Adorno war nötig. Die Frage ist nur, wie die Leute heute damit umgehen.

Morgenpost Online: Das Problem sind Adornos Epigonen. Vor denen muss Adorno selbst in Schutz genommen werden. Aber zurück zum Kern: Heißt das, wenn nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden dürfen, dass auch keine schöne Musik mehr dirigiert werden darf?

Christian Thielemann: Im Gegenteil: Nach Auschwitz muss man umso mehr auf Schönheit achten.

Morgenpost Online: Weil das Barbarische hässlich ist? Weil die zerstörte Humanität nicht das letzte Wort haben darf?

Christian Thielemann: Genau. An Auschwitz ist nun absolut gar nichts Schönes. Ich würde deshalb genau den umgekehrten Schluss ziehen: Die zerstörte Menschlichkeit, die geschundenen Städte, die geschundene Musik – das dürfen wir nicht stehen lassen. Wir müssen Schönheit dagegen setzen.

Morgenpost Online: Totalitäre Systeme tendieren zur Hässlichkeit. Ob das die germanisch-gigantomanische Überwältigungsarchitektur der Nazis gewesen ist oder die Resopalplatten-Geschmacklosigkeit der DDR. Ist die posttotalitäre Bundesrepublik schon so weit, um nach den Traumata der Antiästhetik eine unverklemmte Schönheit der Freiheit zu versuchen?

Christian Thielemann: Ich freue mich, dass da was sprießt. Ich habe beschlossen, für mich beides zu verbinden. Das, was ich weiß, will ich nicht in den Papierkorb werfen, aber ich werde mich dadurch nicht adornös behindern lassen. Kritische Rekonstruktion heißt für mich: Das Berliner Schloss muss wieder her, aber wir haben dennoch die Brüche an vielen Stellen der Stadt. Das gilt auch bei Beethoven. Auch da spüre ich: Brüche und Schönheitssehnsucht. Nach der Wunde kommt die Heilung.

Morgenpost Online: Gibt es Opernregisseure, mit denen Sie darüber reden konnten oder können?

Christian Thielemann: Ruth Berghaus. Mit ihr habe ich "Tristan" in Hamburg gemacht. Eine fabelhafte Regisseurin. Vor allem eine musikalische Regisseurin. Sie stand für Musiktheater, nicht für Theatermusik. Mal war es prima la musica, mal prima la scena. Sie hat hart gearbeitet, genau gewusst, was sie will, aber immer maximale Freiheit gegeben. Sie hatte unglaubliche Autorität. Aber die kam immer von innen, nie von oben.

Morgenpost Online: Mit welchem Regisseur würden Sie in diesem Sinne gerne einmal zusammenarbeiten?

Christian Thielemann: Mit Hans Neuenfels.

Morgenpost Online: Wie bitte?

Christian Thielemann: Ja, weil ich glaube, dass er ein aufregender Geist, ein hochmusikalischer Mann ist. Manchmal kranken solche starken Regie-Persönlichkeiten daran, dass sie zu willfährige Dirigenten haben. Mit dem könnte ich mich reiben. Mit dem würde ein konstruktiver Streit entstehen. Diese intellektuelle Auseinandersetzung ist auch schön, schöner als das nur Glatte.

Morgenpost Online: Ich erinnere mich an Hans Neuenfels "Aida" von 1982 in Frankfurt. Da trat die Hauptdarstellerin als Putzfrau auf, das Publikum wurde mit Hühnerschenkeln beworfen und die Schlussszene spielte in der Gaskammer. Da war was los. Das war ein wirklicher Tabubruch. Langweilig wurde es nur, als den Neuenfels-Epigonen auch zwanzig Jahre danach nichts Neues eingefallen ist.

Christian Thielemann: Das Problem sind immer die Epigonen. Die präsentieren im Gewande der Revolution nur Abgestandenes. Der größte Tabubruch ist "Tristan". Die größte Revolution ist Beethoven.

Morgenpost Online: Wagner hat Beethovens Neunte das "Evangelium der Zukunft" genannt. Danach könne man eigentlich nichts Neues mehr komponieren.

Christian Thielemann: Weil Beethoven in der Neunten Dinge vorausahnt, die bis zu Schönberg reichen. Der Einsatz von Stimmen in der Sinfonik etwa.

Morgenpost Online: In ihrem Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie gab es Momente, die mich an das Duende des spanischen Stierkampfes erinnert haben – den Moment der totalen Konzentration, der Verschmelzung von Stier, Matador und Publikum, hier: von Orchester, Dirigent und Zuhörern. Ein Glücksmoment. Spüren Sie so etwas auch?

Christian Thielemann: Ja. Dann habe ich das Gefühl, das Publikum bohrt sich mir wie ein Messer in den Rücken. Dann spüre ich diese absolute Spannung und Hingabe zugleich.

Morgenpost Online: Dafür machen Sie Musik?

Christian Thielemann: Ja.

Morgenpost Online: Kann es sein, dass Sie über die Jahre hinweg in ihren Tempi schneller geworden sind?

Christian Thielemann: Unbedingt. Das habe ich von Wolfgang Wagner gelernt. Er hat immer gesagt: Junge, du musst flüssiger werden. Das ist meine wichtigste Erfahrung in Bayreuth. Ich habe früher immer alles auskosten wollen, langsam und breit. Heute weiß ich: die höhere Kunst ist es, weniger zu wollen. Die heilige Einfachheit.

Morgenpost Online: Einfachheit ist die letzte Zuflucht des komplizierten Menschen. Ihr "Ring" in Bayreuth ist über die Jahre nicht nur flüssiger geworden, sondern auch klarer.

Christian Thielemann: Deutlichkeit ist nirgendwo so wichtig wie in Bayreuth. Der verdeckte Orchestergraben zwingt dazu. Das ist das große Missverständnis, dem viele Dirigenten in Bayreuth erliegen. Sie glauben, sie müssen weihevoll und nebelig sein. Nein. Klar und deutlich, überdeutlich muss man dirigieren, dann klingt es im Publikum genau richtig. Ich habe früher nur Tiefe gesucht. Heute bin ich leichter und erreiche dadurch mehr Tiefe denn je.

Morgenpost Online: Tiefe ist urdeutsch.

Christian Thielemann: Ja, ich bin urdeutsch. Ich komme aus einer Generation, die es gründlich gelernt hat sich und die deutsche Musik zu hassen. Ich muss sagen, ich komme mit meiner Musik ziemlich gut zurecht. Und nirgendwo kann man das besser lernen als in Bayreuth.

Morgenpost Online: Bayreuth ist Ihr großes Thema. Bedauern Sie es, dass aus der gemeinsamen Festspielleitung mit Katharina Wagner nichts geworden ist?

Christian Thielemann: Es ist nicht nichts geworden, es ist nur anders geworden. Und mit den beiden Schwestern klappt das doch hervorragend. Mal sehen, was noch wird. Wir sind doch alle noch jung.

Morgenpost Online: 2015 dirigieren Sie den "Tristan" in Bayreuth in einer Inszenierung von Katharina Wagner. "Tristan" bleibt Ihr Schicksalsstück. Stimmt es, dass Sie wegen "Tristan" Dirigent geworden sind?

Christian Thielemann: Ja. Das war als ich in Berlin den "Tristan" zum ersten Mal an der Deutschen Oper gehört habe. Da habe ich mir gesagt: Das will ich auch können. Eigentlich wollte ich Organist werden, wegen der Bachschen Klangfülle, bis die Kirche wackelt. Aber nach "Tristan" dachte ich: ach, das ist noch besser. Und das macht ja der Dirigent.

Morgenpost Online: Woher kommt Ihr Ehrgeiz?

Christian Thielemann: Ich hatte immer schon den Drang, es irgendwie gut zu machen. Das ist angeboren. Aber irgendwann hat mich dann die Musik gepackt. Der Beginn der Egmont-Ouvertüre und der "Tristan". Da wusste ich genau, dass ich das tun muss. An meinem Ehrgeiz sind Beethoven und "Tristan" schuld.

Morgenpost Online: "Tristan" war dann auch Ihre erste Wagner-Oper, die sie selbst dirigiert haben. Dennoch sagen Sie, Sie haben Angst vor "Tristan"?

Christian Thielemann: Ja, ich habe Angst, aber ich weiß auch, dass ich es machen muss. Die Intensität ist enorm. Und die Spannung zwischen Herz und Verstand ist maximal. "Tristan" kostet Kraft. "Tristan" ist lebensgefährlich.

Morgenpost Online: Joseph Keilberth ist in einer "Tristan"-Aufführung im zweiten Akt beim Dirigieren an einem Herzinfarkt gestorben.

Christian Thielemann: Nicht nur Keilberth, auch Felix Mottl, ebenfalls im zweiten Akt. Und es gab noch einen dritten Dirigenten, der nach einer "Tristan"-Aufführung gestorben ist. Aber gerade wegen dieser Fälle ist es eine Herausforderung, das Stück so hoch zu kochen wie möglich und dennoch zu überleben.

Morgenpost Online: "Tristan" ist eine Todesoper.

Christian Thielemann: Ja, aber ich kann mich doch von diesem Stück nicht kaputt machen lassen. Ich habe Angst vor diesem Stück, aber Angst ist dazu da, dass man sie überwindet.

Morgenpost Online: Was möchten Sie im nächsten "Tristan" anders machen als im letzten?

Christian Thielemann: Ich möchte ihn weniger weißglütig dirigieren. Die Falle der schlechten Dirigenten ist, zu früh zu viel zu machen. Ich möchte den Rausch noch besser kalkulieren. Die Droge noch besser mischen. Deshalb möchte ich auch bis 2015 "Tristan" nicht mehr dirigieren. Ich bin auf Entzug. Das ist auch der Grund, weshalb ich im Auto Madonna höre.

Morgenpost Online: Was waren die dunkelsten Momente Ihrer bisherigen Karriere?

Christian Thielemann: Die Sache hier in Berlin. Ich habe alle meine Opern der Kindheit hier an der Deutschen Oper gehört. Ich habe hier mit 19 als Korrepetitor angefangen. Ich bin dann 18 Jahre später hier Generalmusikdirektor geworden. Und wenn man dann in der Folge von Intrigen geht, weil man gehen muss, um nicht vor den eigenen Leuten jede Glaubwürdigkeit zu verlieren, dann ist das eine bittere Niederlage. Ich habe das verdaut, aber vergessen werde ich es nie.

Morgenpost Online: Sie sind mit Berlin noch nicht fertig. Da kommt noch was.

Christian Thielemann: Ja, mal sehen. Man muss was für diese Stadt tun.

Morgenpost Online: Jetzt gehen Sie erst einmal nach Dresden.

Christian Thielemann: Das ist eine der glücklichsten Sachen in meinem Leben überhaupt. Ein wunderbares Orchester, das auf einem bestimmten Klangstil beharrt.

Morgenpost Online: Wie ist der?

Christian Thielemann: Weich, durchsichtig, deutsch. Geprägt durch Mozart, Weber, Wagner, Strauss.

Morgenpost Online: Wie soll das Orchester klingen, wenn Sie in fünf oder zehn Jahren gehen?

Christian Thielemann: So wie heute. Nur noch etwas exzessiver. Draufgängerischer.

Morgenpost Online: Von Dresden ist man in ein paar Stunden in Ostpreußen, wo Sie immer wieder hin fliehen. Warum?

Christian Thielemann: Das liegt an der Einfachheit, der Schnörkellosigkeit Landschaft. Eine große Landschaft der großen Gefühle, aber ohne Brimborium. Das macht mich glücklich.

Morgenpost Online: Die Sehnsucht ist nicht familienbiografisch bedingt, sondern intuitiv?

Christian Thielemann: Meine Familie ist halb pommersch, halb sächsisch. Mit Ostpreußen hat das nichts zu tun. Die Faszination war auch musikalisch. Allein die Namen. Königsberg. Was für ein Klang. Gurbinnen, Silginnen. Assaunen. Ach, ist das schön. Die Weite, die Stille der Landschaft.

Morgenpost Online: Die Stille ist ja auch die Grundlage der Musik.

Christian Thielemann: Allerdings. Die Generalpause ist immer noch der Moment größtmöglicher Spannung.

Morgenpost Online: In der ostpreußischen Landschaft, in der Weite und Stille liegt vielleicht auch eine Leere, die in der Fantasie gefüllt werden will.

Christian Thielemann: Wenn ich die Eichenalleen sehe, etwa die vierhundert Jahre alten Eichen von Steinort, dann denke ich immer, wenn die Bäume erzählen könnten. Was die erlebt haben.

Morgenpost Online: Ostpreußen bedient ein Klischee des Reaktionären. Wer nach Ostpreußen fährt, gilt in der Bundesrepublik als Finsterling.

Christian Thielemann: Man könnte es auch anders sehen. In Ostpreußen war die Wolfsschanze, aber da ist auch der Widerstand organisiert worden.

Morgenpost Online: Auf Schloss Steinort zum Beispiel. Da wohnte vorne Ribbentropp zur Untermiete, und hinten sprang Lehndorff auf der Flucht vor den Nazis aus dem Fenster.

Christian Thielemann: Viele ostpreußische Familien haben sich nach einer Phase der Billigung, ja sogar Bewunderung abgewendet und dann mutig gehandelt und im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben riskiert und verloren.

Morgenpost Online: Dazu gehört manchmal mehr Mut und Kraft als schon immer auf der richtigen Seite gewesen zu sein. Der Widerstand zeigt ja: es ging auch anders.

Christian Thielemann: Deshalb wäre es schön, in Steinort einen Gedenkort zu errichten, der als deutsch-polnisches Projekt auch diese Facette unserer Geschichte dokumentiert.

Morgenpost Online: Neben der politischen Idee steht die persönliche Ostsehnsucht. Warum?

Christian Thielemann: Ich weiß es nicht. Die Weite, die Breite, die Eichen. Noch eine Sucht.

Morgenpost Online: Sehnsucht. Wonach?

Christian Thielemann: Daniel Barenboim hat mir einmal gesagt: Du bist so leicht erregbar. Das ist so. Manchmal halte ich es nicht mehr aus. Dann brauche ich eine Pause von Beethoven oder Wagner. Dann ist nicht mehr Tristan oder Techno. Dann ist Ostpreußen.

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