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21.12.10

Riccardo Chailly

"Die Opernsänger von heute sind pervers"

Leipzigs Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly über seine neue Bach-CD und die Geldgier zeitgenössischer Sänger.

picture alliance/ ZB/dpa Zentralbild

Seit 2005 ist Riccardo Chailly Chefdirigent des Gewandhausorchesters Leipzig. 2008 legte er das Amt des Generalmusikdirektors der Oper nieder. "Ich war mit den personellen Entscheidungen nicht zufrieden", sagt er.

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Riccardo Chailly ist der vielleicht prominenteste Generalmusikdirektor in Deutschland. Nach fünfzehn Jahren als Chef des Concertgebouw Orchester in Amsterdam übernahm er 2005 das Amt des Gewandhauskapellmeisters in Leipzig. Gemeinsam mit dem Gewandhausorchester hat mit ihm zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein Dirigent gewagt, mit einem traditionellen Orchester Bach aufzuführen und aufzunehmen.

Morgenpost Online: Herr Chailly, die Kritiken für das "Weihnachtsoratorium" und zuvor die "Matthäus-Passion" fielen zwiespältig aus. Haben Sie nicht um Ihren Ruf gefürchtet?

Riccardo Chailly : Ja, das habe ich tatsächlich. Nicht nur, weil wir keine historischen Instrumente verwendet haben. Sondern auch, weil Bach in Leipzig genauso schwer ist wie Wagner in Bayreuth. Aber ich habe gedacht: Die Zeit der großen Dogmen ist vorbei. Das muss wieder möglich sein.

Morgenpost Online : Was haben Sie anders gemacht?

Chailly : Wir haben zwar unsere traditionellen Instrumente verwendet, aber dennoch ist unsere Spielweise nicht romantisch, sondern orientiert sich an barocken Auffassungen. Meine Vorbilder waren Nikolaus Harnoncourt, dessen Bach-Aufführungen in Amsterdam ich unvergesslich schön fand, und John Eliot Gardiner. Dennoch finden die radikalen Barock-Spezialisten uns vielleicht altmodisch. Sie mögen Recht haben. Ich muss aber sagen, dass wir etliche sehr gute Besprechungen vorzuweisen haben, sogar bei unseren Brandenburgischen Konzerten.

Morgenpost Online : Haben Sie Harnoncourt gefragt, wie er Ihre Aufnahmen findet?

Chailly : Das habe ich mich nicht getraut. Ich habe ihn aber fragen lassen, was er von der Idee halten würde, Bachs Matthäus-Passion in der Fassung von Felix Mendelssohn zu spielen. Ich dachte, Harnoncourt wird explodieren. Aber er meinte, er finde die Idee ganz gut. Leider hat Mendelssohn ein Drittel des Originals gekürzt.

Morgenpost Online : Vor zwei Jahren haben Sie in Leipzig an der Oper gekündigt, um nur noch am Gewandhaus tätig zu sein. Wäre es nicht besser, wenn beide Ämter in einer Hand lägen?

Chailly : Das wäre zweifellos die ideale Lösung. Für mich war es nur nicht mehr machbar, weil meine Zeit als Gewandhaus-Kapellmeister wegen der vielen Reisen des Orchesters immer mehr wurde. Außerdem stiegen die Erwartungen der Stadt Leipzig. Zuerst ging es um eine Produktion pro Saison, plötzlich sollten es mehr sein. Allerdings habe ich Verständnis für diese Haltung, denn Generaldirektor an einem deutschen Opernhaus zu sein, das bedeutet, ein Drittel oder mindestens ein Viertel der Saison aktiv zu gestalten.

Morgenpost Online : Sie haben sowohl mit dem neuen wie mit dem vorherigen Intendanten gehadert. Letztendlich ging es um Machtfragen?

Chailly : Ich war mit den personellen Entscheidungen nicht zufrieden. Also dachte ich: Okay, dann trennen wir besser die Aufgaben, um die Verbindung nicht zu zerstören. Es war riskant. Die Produktionen an der Oper waren aber ein Erfolg. "Maskenball" war zwar szenisch eine Enttäuschung, und auch "Manon Lescaut" war von der Inszenierung her nicht ideal – aber das Orchester hat gezeigt, wie toll es Verdi und Puccini spielen kann.

Morgenpost Online : Fehlt Ihnen die Oper nicht?

Chailly : Natürlich fehlt sie mir, schließlich bin ich in der Oper aufgewachsen. Ich dirigiere wenig Musiktheater, weil ich jedes Mal davon ausgehen kann, in zweifacher Hinsicht enttäuscht zu werden. Erstens wegen der Sänger. Und dann durch die Kämpfe gegen den Regisseur. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Ich dosiere.

Morgenpost Online : Sie finden keine Sänger mehr?

Chailly : Sänger binden sich heutzutage meist nur für eine sehr kurze Periode an ein Haus. Sie sind total uninteressiert an einer kontinuierlichen Arbeit. Sie sehen Oper als Business zum Geldverdienen an, nicht als Kunst. Ich finde das unsagbar deprimierend.

Morgenpost Online : Glauben Sie nicht, dass auch Pavarotti vor allem Geld verdienen wollte?

Chailly : Schon, aber in der richtigen Periode seines Lebens. Was ich verabscheue, ist diese Attitüde, sofort im großen Stil abkassieren zu wollen. Auch von Seiten der Opernhäuser, die den Star der Stunde in selben Augenblick hervorbringen und sich an ihm gesund stoßen wollen. Das ist pervers, ich hasse das. Nehmen Sie Sängerinnen früherer Generationen wie etwa Fiorenza Cossotto oder Giulietta Simmionato. Die haben tagsüber Carmen mit Tullio Serafin studiert und abends ganz kleine Rollen gesungen. Zum Beispiel Un musico in "Manon Lescaut". Eineinhalb Minuten! So ging’s jahrelang.

Morgenpost Online : Heute nicht mehr vorstellbar?

Chailly : Ich hoffe, doch. Deshalb bin ich auch froh darüber, dass in Leipzig jetzt Ulf Schirmer ist, der in diese Richtung denkt. Das ist für mich der einzige Weg, der für die Oper die Zukunft bedeuten kann. Man braucht ein Team. Und ein entsprechendes System.

Morgenpost Online : Was ist von Ihrem geplanten "Ring" in Leipzig übrig geblieben?

Chailly : Gar nichts. Ich liebe Wagner. Und in Leipzig hätte ich das richtige Orchester dafür. Aber fünfzig Meter entfernt von der Oper können Sie keinen Wagner konzertant aufführen.

Morgenpost Online : Wie geht es an der Mailänder Scala mit Ihnen weiter?

Chailly : In der Oper ist aktuell nichts geplant. Ich warte.

Morgenpost Online : Ihr Vertrag in Leipzig geht bis 2015. Wollen Sie verlängern?

Chailly : Menschlich und musikalisch ist es für mich eine wunderbare Konstellation. Ich sehe momentan keinen Grund, warum ich nicht länger bleiben sollte.

Morgenpost Online : Hier im Chefdirigenten-Zimmer hängen die Bilder von Furtwängler, Nikisch und Bruno Walter über dem Schreibtisch – die großen Chefs. Wer wäre der vierte große Dirigent, der über dem Sofa hängen sollte?

Chailly : Ohne Frage: Carlos Kleiber. Er war eines der größten Genies aller Generationen.

Morgenpost Online : Nicht Toscanini?

Chailly : Toscaninis Schlagtechnik war genial, aber die Eleganz und Klarheit von Carlos Kleiber hatte er nicht.

Morgenpost Online : Ihre musikalischen Anfänge haben in Berlin stattgefunden, beim heutigen Deutschen Symphonie-Orchester. Warum kehren Sie nicht gelegentlich zurück?

Chailly : Ich bin treu und liebe es mehr, mich zu konzentrieren. Der Anfang in Berlin war aber unheimlich wichtig. Ohne diese Zeit hätte ich die Bewährungsprobe in Amsterdam nie bestanden. Besonders erinnere ich mich an das Berliner Publikum und an die drei Zyklen mit Mahler-Liedern, die wir mit Dietrich Fischer-Dieskau für das Fernsehen aufgenommen haben. Ich dachte immer, mein Gott, das ist derselbe Mann, der die "Lieder eines fahrenden Gesellen" mit Furtwängler gesungen hat. Da habe ich mich wirklich wie ein ganz kleines Licht gefühlt. Eine Funzel. Die anderen waren groß.

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium, Gewandhausorchester Leipzig, Dresdner Kammerchor, Leitung Riccardo Chailly (Decca)

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