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06.12.10

Konzert in Berlin

Strom und Drang und Fettes Brot

Die norddeutschen HipHopper in der Columbiahalle: Man ist älter geworden, familienfreundlicher - und immer noch unterhaltsam.

© picture alliance / dpa/dpa
1Live Krone
Fettes Brot aus Pinneberg: Beim Konzert in Berlin demonstrierten sie erneut, dass deutscher HipHop eine gestandene musikalische Spielart wie der Deutschrock und der Schlager ist

Zunächst steht nur der Gitarrist mit einem DJ auf der Bühne, um ein flottes Tanzthema zu spielen. Dann gesellt sich ein Bassist hinzu, ein Keyboarder, das Schlagzeug wird beleuchtet, als es einsetzt. Bläser rücken ein und blasen. Als es angerichtet ist, erscheinen die drei Herren, die zu diesem Abend eingeladen haben. "Een, twee, dree", zählen sie vor, und wer kein Plattdeutsch kann, liest von der Videotafel ab. "Nordisch By Nature" heißt das erste Stück, es stammt von 1995. 15 Jahre später ist der deutsche HipHop keine kauzige Beschäftigung für junge Männer aus der Vorstadt mehr, sondern eine gestandene Spielart wie der Deutschrock und der Schlager.

Fettes Brot aus Pinneberg bereisen großzügige Säle, die auch ausverkauft sind, wo Humor und Mundart nicht so schnell verstanden werden wie daheim im Großraum Hamburg. In Berlin gastieren sie in der Columbiahalle. Fettes Brot werden von einer umfangreichen Band begleitet. Jüngst wurde den Dreien ein Musikpreis überreicht, als bester deutscher Live-Act.

Ursprünglich war HipHop weder für die breiten Bühnen gedacht noch für die deutsche Sprache und ihre verschiedenen Dialekte. Als berühmte Rapper in die Mehrzweckhallen zogen, nutzten sie den Platz, um Mitarbeiter vorzuführen und die Gäste mit "Say Yo!"-Spielen zu unterhalten. Ihre sorgsam aufgenommen Originale wurden meist nur kümmerlich reproduziert. Aus kulturellen Gründen waren deutsche Rapper gut beraten, ihren eigenen Weg zu finden.

Einen Stil, der zu den Reihenhäusern passte, in denen die erste Reime auf Kassetten landeten. Wohin es führt, wenn hiesige Großstadt-Rapper sich mit polizeilichen Vermerken schmücken und die Ghetto-Vorbilder kopieren, wissen auch die Veteranen Fettes Brot. Sie rufen: "Sido!" "Nie gehört!", erwidert ihr Besuch. Der Spaß wird mit Bushido wiederholt, danach mit Tschibo und Eduscho. Während Rapper wie Bushido ihre Kunst als Antwort auf die Straße und die Migration vorführen, nehmen Fettes Brot es leichter. Sie verstehen ihre Künste als professionelle Schülerstreiche.

Die Gemeinplätze des härteren HipHop werden so gewendet und gedreht, dass es für alle eine helle Freude ist. Wenn Tausende von "Schwulen Mädchen" singen und "Bettina" bitten, sich doch bitte etwas anzuziehen, ist der Rap sogar wieder dort angekommen, wo er herkam: auf dem Partyboden. König Boris, Doktor Renz und Björn Beton erteilen keine hölzernen Lektionen, sie geben Konzerte. Die präzisen Darbietungen werden plaudernd aufgelockert. Bonn wird mit Berlin verwechselt, es wird mit dem fortgeschrittenen Alter kokettiert und mit der Ankunft im Familienalltag. "Es ist 2010, und verdammt lang her, wo ist die Zeit nur geblieben?", heißt es im Stück "Jein", dem Update ihres Klassikers von 1996.

Ja, wo ist sie hin, die Zeit? Vor 20 Jahren ging das Trio noch zur Schule, nannte sich "Poets Of Peeze", und Wolfgang Schäuble war Innenminister. In "Kontrolle" von 2008 singen sie über Schäuble, zuletzt war er wieder Innenminister. Und vielleicht vergeht die Zeit in Deutschland einfach langsamer.

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