Ausstellung
Schon Leibniz warnte die Europäer vor den Chinesen
Deutsche Museen präsentieren ihre Pläne für den Kunstexport nach Peking. Was hat die europäische Aufklärung mit China zu tun?
Von Wolf Lepenies
Am 1. Oktober 2009 hat China die Gründung der Volksrepublik vor 60 Jahren gefeiert. WELT ONLINE gibt einen Überblick über die Geschichte des Riesenreichs.
"Das Land wird von einem Kaiser regiert, der zur gleichen Zeit das Oberhaupt der Religion ist und Mandarine befehligt, welche im Land die großen Herren sind: Sie besitzen die Freiheit, den Herrscher auf seine Fehler aufmerksam zu machen."
Dies ist die einzige Beobachtung, die den Verfasser des Stichworts "China" in der französischen Enzyklopädie, dem von d'Alembert und Diderot herausgegebenen Hauptbuch der europäischen Aufklärung, zu faszinieren scheint. Ohnehin ist das Stichwort "China" leicht zu übersehen. Es umfasst keine dreißig Zeilen. Der nachfolgende Artikel, der sich mit einer bestimmten Webtechnik ("chiner") beschäftigt, ist mehr als zehn Mal so lang.
China als Projektionsfläche
Der Eintrag der Enzyklopädie führt in die Irre. Die "Mandarine von Paris" interessierte am Reich der Mitte nicht nur die Nähe der chinesischen Intellektuellen zur politischen Macht. In der unterschiedlichen Wahrnehmung und Einschätzung Chinas zeigten sich vielmehr die vielfältigen Facetten der europäischen Aufklärung.
Das Zeitalter der europäischen Aufklärung ist das Zeitalter, in dem China von den Europäern "entdeckt" wird. Die Aufklärung ist das erste geistige Band, das beide Kontinente miteinander verbindet. Von einer "Entdeckung" Chinas, die auf Erfahrung und Augenschein beruht, kann dabei über lange Zeit keine Rede sein.
Die Jesuitenmissionare reisen nach China und berichten davon – doch führen ihre Berichte die europäischen Intellektuellen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen. China wird ein Fantasiegebilde, eine Projektionsfläche, auf der sich europäische Abneigungen und Vorlieben abbilden lassen.
Vorbild und abschreckendes Beispiel
Für Voltaire, der ein Porträt von Konfuzius im Arbeitszimmer hängen hatte, war China ein politisches Vorbild, für Montesquieu und in geringerem Maße für Diderot war es ein abschreckendes Exempel. Ein Kennzeichen der chinesischen Gesellschaft wird von allen Philosophen bewundert: Es ist der aufgeklärte Despotismus, der mit Hilfe einer Intellektuellenkaste den Massen ihr Wohl verordnet.
Das 18. Jahrhundert ist gekennzeichnet durch eine Überfülle an "Chinoiserien". Doch unter der Oberfläche der Schwärmerei verbirgt sich ein Ethnozentrismus, der vom Rassismus nicht weit entfernt ist. Die Chinesen, so liest man im Paris der Aufklärung, sind gebildet und feige, Heuchler und Scharlatane, sie reden viel, ohne etwas zu sagen, besitzen ein Übermaß an Ideogrammen, sind aber arm an Ideen, ihre Moral beruht nicht auf innerer Überzeugung, sondern gehorcht lediglich der Etikette.
Bedrohlich ist die Selbstbeherrschung der Chinesen: Sie warten lange, bis sie auf ein Unrecht reagieren, dann aber rächen sie sich mit Methode. Ein französischer Autor hat für diesen Ethnozentrismus die treffende Formulierung gefunden: "La Chine au XVIIIe siècle appartient aux Lumières, elle ne s'appartient pas." Im 18. Jahrhundert gehört China der Aufklärung, es ist nicht sein eigener Herr.
Schott erahnte 1776 Chinas Chancen
Mit Blick auf China erweist sich ein Rückblick auf die schottische Aufklärung als besonders produktiv. Bereits 1776 erahnte Adam Smith die Zukunftsmöglichkeiten Chinas. In seiner klassischen Abhandlung "Der Wohlstand der Nationen" sah er voraus, dass es in der Wirtschaft Chinas zu einem "Großen Sprung" kommen musste, wenn das Land sich einmal entschloss, seine traditionelle Abneigung gegen den Außenhandel aufzugeben.
Giovanni Arrighi hat in seinem faszinierenden Buch "Adam Smith in Beijing" (2008) gezeigt, dass Smith den heutigen Beobachter vor dem Missverständnis bewahren kann, die rasante Entwicklung Chinas als einen Gewaltakt nachholender Modernisierung zu sehen.
Das chinesische Wirtschaftswunder hat nicht zuletzt chinesische Ursachen. Sie liegen in der Tradition einer autochthonen Marktwirtschaft – ohne Kapitalismus. Adam Smith, eine Ikone der schottischen Aufklärung, lässt uns leichter verstehen, warum in China – immer noch zu unserem Erstaunen – ein liberaler Markt und ein starker Staat zusammenpassen.
Die Aufklärung in verschiedenen Kulturen
Aus europäischer Sicht gehören Aufklärung und Moderne zusammen. Der Vielfalt der Aufklärungen entsprechen die längst zum Schlagwort gewordenen "Multiple Modernities". Die Moderne ist keine europäische Exklusivität; es gibt eine Vielfalt der Modernen.
Zur Vielfalt der Aufklärungen zählen auch ihre außereuropäischen Varianten. Als "Chinesische Aufklärung" wird die so genannte 4. Mai-Bewegung bezeichnet. Das Datum des 4. Mai 1919 markiert den Höhepunkt eines Aufruhrs unter Intellektuellen, die gegen die Versailler Friedensordnung protestierten, weil sie territorialen Ansprüchen Japans an China nachgab.
Nationalstolz verband sich dabei mit einem kritischen Blick auf die Geschichte und die kulturellen Selbstverständlichkeiten des eigenen Landes. Dass in China später Bücher mit Titeln wie "Geschichte des frühen chinesischen Aufklärungsdenkens" publiziert wurden, wäre ohne die patriotische Bewegung des 4. Mai kaum denkbar gewesen.
Die Geschichte des 4. Mai 1919
Aus der Bewegung ging nicht nur die KP Chinas, sondern auch die Guomindang, die Nationalpartei hervor. 2009 wurde der 90. Jahrestag der Bewegung im ganzen Land gefeiert, an der zentralen Zeremonie nahm auch Staatschef Hu Jintao teil.
Die Historikerin Sabine Dabringhaus hat die Vorgeschichte der 4. Mai-Bewegung präzise und faktenreich nachgezeichnet. Im Gegensatz zu manchen ihrer Kollegen scheut sie vor dem Wort "Aufklärung" nicht zurück. Sie rechtfertigt es mit der Tatsache, dass es im 17. und 18. Jahrhundert in China zu einer umfassenden Textkritik kam, die der europäischen Bibelkritik entsprach. Bis heute gelten die Philologen dieser Zeit in China als "Pioniere der Modernität".
Die chinesische Aufklärung wurde dabei paradoxer Weise von den Jesuitenmissionaren befördert, die in Europa der Aufklärung und ihren Vorläuferbewegungen ablehnend gegenüberstanden. Die philologische Textkritik, ihr Slogan lautete "Die Wahrheit in den Fakten suchen", war aber keinesfalls ein europäischer Import; noch wichtiger als der Einfluss der Jesuiten waren ihre innerchinesischen Wurzeln.
China lehnte Gegenschau ab
Es ging bei der Kritik der klassischen Texte nicht zuletzt um eine "Reorganisation der Vergangenheit". Leibniz hatte gewarnt: "Wenn die Chinesen unsere Wissenschaften gelernt haben, jagen sie eines Tages die Europäer fort."
Die Missionstätigkeit der Jesuiten wurde unterbunden. Die Europäer aber profitierten von den Kenntnissen und Erfahrungen, die mit China gemacht wurden. Sie halfen, die eigenen Überzeugungen mit universalem Anspruch zu formulieren.
Im Kontakt mit China gibt es keinen Rückblick auf die Vergangenheit, der nicht aktuelle Implikationen hat. In der Vorbereitung der Pekinger Ausstellung und des Begleitprogramms wurde dies deutlich, als die chinesische Seite den Vorschlag eines Überkreuzarrangements ablehnte, bei dem chinesische Wissenschaftler über die europäische, und deutsche Wissenschaftler über die chinesische Aufklärung sprechen würden.
"Dennoch" als Leitmotiv der Ausstellung
Nun werden beide Seiten sich selbst präsentieren. Es ist eine Chance, die deutsche Aufklärung in den Mittelpunkt zu stellen. Über den Streit zwischen Briten und Franzosen sind Kant, Lessing und viele andere Autoren ungebührlich in den Hintergrund getreten.
In den europäischen Aufklärungen gibt es so manchen blinden Fleck. Ihre Nachtseiten wurden von Goya bis Adorno gesehen. Die "Dialektik der Aufklärung" bedeutete aber keinen Abschied, sondern eine Korrektur. Menschen- und Bürgerrechte, die Würde des Individuums, die Ablehnung von Herrschaft ohne demokratische Legitimation, das Recht, wie Kant schrieb, von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen – es sind nicht nur aufgeklärte Grundprinzipien unserer eigenen Gesellschaft.
Wir glauben an ihre universale Geltung. Wir kennen die Schattenseiten der Aufklärung – und dennoch bekennen wir uns mit Stolz zu ihr. Dieses "Dennoch!" könnte ein Leitmotiv der Pekinger Ausstellung und der sie begleitenden Veranstaltungen sein.
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