Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
11.11.10

Dokumentarfilm

Wie moralisch kann ein Roboter sein?

Jens Schanze untersucht in "Plug & Pray" die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz – mit erschütterndem Ergebnis.

© BoÌ?rres Weiffenbach

In seinem Dokumentarfilm "Plug & Pray" nimmt Jens Schanze den Bereich der Künstlichen Intelligenz unter die Lupe.

6 Bilder

Dass "Plug & Pray" ein Film über die Begrenztheit menschlichen Strebens werden wird, ahnt man schon beim fast an Loriot erinnernden Vorspann: Ein Greis mit traurigem, kämpferischem Blick verzweifelt an seinem Laptop. Und am Kabelsalat. Von wegen "wireless"! Statt "Plug & Play" (anstöpseln und spielen), gilt für die immer einfacher zu bedienenden, aber immer undurchschaubareren Geräte "Plug & Pray" (stöpseln und beten). Hilft nichts. "Die Maschine ist böse mit mir oder sie ist müde – sie geht jetzt in Ruhestand."

In diesen wenigen humorvollen Sekunden bringt Jens Schanzes Dokumentarfilm über den aktuellen Stand der Künstlichen Intelligenz (KI) das Verhältnis eines ihrer berühmtesten Pioniere zur denkenden Maschine, wie sie heute ist, auf den Punkt. Joseph Weizenbaum, 1923 in Berlin geboren und 2008 gestorben, war in Amerika unter anderem an der Entwicklung des ersten Computerbanksystems beteiligt und erfand 1966 das Spracherkennungsprogramm Eliza, bevor er zum schärfsten Kritiker der Robotik und ihrer Befürworter wurde.

Deshalb ist es natürlich umgekehrt auch Weizenbaum, der "böse" mit der Maschine ist, der sich abgewendet hat von der Künstlichen Intelligenz, die er maßgeblich miterschaffen hat. Er ist es, der "in Ruhestand" geht und sich dem geschmeidigen Mitmachen verweigert.

So spannt der Film den diskursiven Bogen zwischen Distanz und Spiegelung, mäandert zwischen Porträt und Einführung in die KI-Szene. Wobei Schanzes Sympathien eindeutig dem alten weisen Mann gelten. Dessen Gesicht fängt er ganz nah ein, mit ihm gondelt er in mythischer Zeitenthobenheit über die Spree, während die fidelen zukunftsfrohen Forscher nur in Büros und Labors interviewt werden.

Etwa Ray Kurzweil, der berühmte Synthesizer-Entwickler, der den Tod abschaffen will und glaubt, dass wir eines Tages Maschinen sein werden. Oder der Japaner Hiroshi Ishiguro, der stolz seinen Doppelgänger-Roboter präsentiert und sich freut, dass seine Familie ihn nun nicht mehr vermissen müsse, wenn er auf Dienstreisen sei. Oder Minori Asada, der bis 2050 ein Team von Robotern entwickeln will, das gegen den amtierenden Fifa-Weltmeister gewinnen soll.

Weizenbaum dagegen warnt unermüdlich vor den Geistern, die der Mensch rief und längst nicht mehr kontrolliere: "Wenn Computer etwas machen, was wir erstens nicht verstehen und zweitens nicht wollen, wo sind wir dann?"

Natürlich mag gruselig erscheinen, woran heutige Frankensteins basteln, doch die Beschwörung des uralten Konflikts zwischen den Utopikern und ihren Mahnern hat hier auch ihre komischen Seiten. Und lässt durch diesen Distanzgewinn wenigstens dem Zuschauer Raum für eigene Gedanken jenseits der Schwarzweißmalerei.

Früher, sagt Weizenbaum einmal, sei man nicht zu dem, sondern in den Computer gegangen. Ein beinahe erotisches Verhältnis und ein Satz, der nach enttäuschter Liebe klingt. Als Weizenbaum 2008 stirbt, betritt der Regisseur noch einmal dessen Berliner Wohnung, und wieder hält er nur fest, was ein Mensch in einem Raum tut: Es ist Weizenbaums Tochter, sie räumt auf, all die unzähligen Laptops, von denen ihr Vater einfach nicht lassen konnte.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote