06.11.10

Rekonstruktion

Digitale Stadtführung durch Hitlers Berlin

Ein neuer Bildband entführt in eine Zeit, bevor Berlin durch Bomben zerstört wurde. Das Berlin der Hitler-Zeit sieht prächtig aus.

Foto: Landesarchiv Berlin/DOM Publishers
Luftschlösser des Dritten Reiches

Gleich dreimal ist Berlins Innenstadt im 20. Jahrhundert systematisch verwüstet worden. Zuerst von Albert Speer zur Vorbereitung der größenwahnsinnigen Neubaupläne, die der "Lieblingsarchitekt" des "Führers" für seinen Herrn und Meister entworfen hatte. Dann von britischen und amerikanischen Bombern, die Hitlers Krieg zurückbrachten an den Ort, von dem er ausgegangen war. Schließlich von den Fantasien von Stadtplanern, die im Dienste einer schönen neuen Welt übrigens im Ost- ebenso wie in den drei West-Sektoren den "Wiederaufbau" zum großflächigen Abriss vermeintlich veralteter Architektur nutzten.

Von der alten Pracht der Innenstadt vor 1933 ist daher in Berlin nur wenig übrig geblieben – anders als etwa in Paris oder Wien. Da sich die meisten heutigen Architekten standhaft gegen jede Form von Rekonstruktion aussprechen, werden auch problemlos historisch zu füllende Baulücken eher mit modernen Fassaden gefüllt. Daher bleiben nur digitale Animationen, um zu zeigen, Berlin einst aussah und wie es jedenfalls in einigen Gebieten problemlos auch wieder aussehen könnte.

Der Computer-Experte und Künstler Christoph Neubauer bringt schon seit einigen Jahren bemerkenswerte digitale Rekonstruktionen Berlins auf DVD heraus. Meist drehen sie sich um Bauten von Albert Speer, etwa die Neue Reichskanzlei, oder um den Führerbunker, der vor allem in der englischsprachigen Welt noch immer auf größtes Interesse stößt. Jetzt erscheint von ihm ein kleiner, sehr gelungener Bildband, der digitale Rekonstruktion von Straßenansichten des Berliner Regierungsviertels mit Fotografien des heutigen Zustandes verbindet.

Der Titel ist marktkonform formuliert: "Stadtführer durch Hitlers Berlin". Doch in Wirklichkeit vermitteln die 30 Gegenüberstellungen, teilweise mit mehreren animierten Bildern, viel mehr: Sie erlauben eine Zeitreise in die Zeit vor den Verwüstungen der Berliner Innenstadt.

Zu den Totalverlusten gehört der Wilhelmplatz, einst das Zentrum des Regierungsviertels und Standort des besten Hotels Berlins, des "Kaiserhofs". Heute sind ein Parkplatz und die als Plattenbau errichtete Botschaft Nordkoreas an die Stelle der legendären Nobelherberge getreten; der Platz selbst ist unter gesichtslosen DDR-Bauten für die damalige tschechoslowakische Botschaft und für hochgestellte Funktionäre verschwunden.

Selbst dort, wo der Bund als Bauherr aufgetreten ist und viel Steuergeld in die Hand nahm, wurde nicht die alte Pracht wenigstens äußerlich wieder hergestellt, sondern gesichtslose Neubauten errichtet. Das zeigt die Gegenüberstellung des historischen und vereinfacht wieder aufgebautem Gebäudes der einstigen Ritterschaftsbank auf der anderen Seite des Wilhelmplatzes mit dem heutigen Bundesarbeitsministerium.

Zu den besonders spannenden Bildpaaren gehört der Blick auf die südliche Seite der Vossstraße, wo einst die Rückseite des größten Warenhauses Europas lag, des legendären Wertheims. Heute ist das Grundstück, dessen Eigentümer und Investoren mehrfach gewechselt haben, immer noch eine Brache.

Nur ein einziges Gebäude der einst geschlossenen Bebauung dieser Straße hat überlebt. Das aus auffallend rotem Granit errichtete frühere Wohnhaus diente ab 1925 als Erweiterung für die wuchernde Verwaltung der Deutschen Reichsbahn. Heute ist der Bau in beklagenswertem Zustand – dabei zeigt die Animation, warum die Vossstraße einst zu den besten Adressen der Innenstadt gezählt wurde.

Das sieht man auch an der Rekonstruktion der anderen Seite der Vossstraße. Die abwechslungsreichen, teils historistischen Wohngebäude hatte Albert Speer ab 1937 niederlegen lassen, um Platz für seine ebenso überdimensioniert wie architektonisch höchst langweilige Neue Reichskanzlei zu gewinnen. Heute stehen hier die letzten Plattenwohnhäuser aus DDR-Zeiten und – als Konsequenz aus der geschlossenen Bebauung durch Speer – mehrere einzeln stehende Geschäftshäuser in zeitgenössischer Architektur. Viel spricht dafür, dass eine enge Anlehnung an die historische Bebauung vom Ende des 19. Jahrhunderts besser gewesen wäre.

Völlig vergessen ist ein einstiges Juwel Berliner Architektur: das eklektizistische Mosse-Palais, der Stadtpalast der deutsch-jüdischen Verlegerfamilie. An seine Stelle trat nach der Enteignung durch die Nazis und die Zerstörung im Krieg zuerst für mehrere Jahrzehnte eine Brache. In den Neunzigerjahren wurde hier ein gleichnamiger Neubau errichtet, der nichts vom übertriebenen, aber eben doch beeindruckenden Schmuck des Altbaus hat und seltsam charakterlos wirkt.

Die digitalen Rekonstruktionen Neubauers sind ebenso wie seine Filme auf DVD ideale Instrumente, um sich in die vergangene Wirklichkeit Berlins einzufühlen. Etwas mehr Geschichtsbewusstsein täte gewiss auch den heutigen Architekten und Stadtplanern gut.

Christoph Neubauer: Stadtführer durch Hitlers Berlin. Flashbach Medien Verlag Frankfurt (Oder) 2010. 80 S., 19,95 Euro

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