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11.10.10

Schaubühne

Ostermeier strandet mit seinem Othello

Macht und Missgunst, Liebe und Eifersucht, das sind die Themen von "Othello". Doch obwohl Thomas Ostermeier seinen Schauspieler knöcheltief im Wasser waten lässt, plätschert seine Inszenierung an der Berliner Schaubühne nur dahin.

Dunkel und schal steht das Wasser auf Knöchelhöhe. Hier ist nichts mit "panta rhei" und Heraklit und alles fließt. Griechenland denkt man trotzdem mit. Im antiken Theater von Epidauros inszenierte Thomas Ostermeier auf Einladung des Hellenic Festivals im August seinen "Othello". Zur Berlin-Premiere hat er jetzt auch die Schaubühne mit der brackigen, abgestandenen Brühe geflutet. Dass es später noch zu der einen oder anderen Schlammschlacht kommen wird, davon künden die Plastikplanen in Bühnennähe.

Vorerst aber kriegen nur die Darsteller nasse Füße: Auf Stühlen sitzen sie im Wasser. Dann hebt Nils Ostendorf zu einem schwül-jazzigen Trompetensolo an, die Band stimmt ein. Ein schneeweißes Bett steht im Zentrum, aber vorher muss der Mohr noch Mohr werden. Desdemona, als Kontrast zu den ganz in weiß gekleideten Herren im kleinen Schwarzen gewandet, hilft ihrem inzwischen nackten Othello mit der dunklen Paste. Mehr als eine verschmierte Kriegsbemalung kommt dabei nicht heraus. Für die Thematik des Fremden interessiert sich Ostermeier nicht weiter. Macht und Missgunst, das mächtige Grollen von Liebe und Eifersucht, das sind seine Themen. Es ist ein atmosphärisch dichtes Vorspiel, das ihm mit der Eröffnungsszene gelingt, sehr zart, fast kühl im Ton. Es macht die Tore weit auf und weckt Erwartungen, die der Regisseur leider nicht in Gänze einlösen kann.

Zu den Umständen: Fähnrich Jago musste eine Karriereschlappe hinnehmen, sein Feldherr Othello hat den unerfahreneren Cassio zum Leutnant gemacht. Jago sinnt auf Rache und nutzt den Umstand, dass sein Feldherr seine frisch angetraute Gattin Desdemona über die Maßen liebt. Er sät Eifersucht in des Feldherrn Seele und spinnt mittels eines verloren gegangenen Taschentuchs ein Komplott, das Othello glauben machen muss, jener frisch beförderte Cassio setze seine Qualitäten nicht nur in der Armee, sondern auch in den Armen seiner holden Desdemona ein.

Genau so einer ist dieser Jago in der Verkörperung von Stefan Stern. Einer, der mit einem erdbeerbestickten Damenschnupftuch Welten zum Wanken bringt, der das Banale ins Böse verdreht, ein schmächtiger Typ, der leicht unterschätzt wird und das Spiel von Schein und Sein zu seinen Gunsten zu nutzen versteht. Stern ist der funkelnde Spielmacher des Abends, wenn er im weißen Glitzersakko am Mikro seine Pläne offen legt oder zu einer Art Geisterbeschwörungstanz anhebt, derweil hinter ihm Glanz und Versuchung in Form von projizierten Leuchtreklamen aufflammt. Sebastian Nakajews Othello bleibt dagegen nur die Rolle des tumben Liebestoren, doch er steigert sich mit all der ihm zur Verfügung stehen wuchtigen Körperlichkeit zur schnaubenden Zeitbombe. Eva Meckbach hat da als Desdemona nicht viel zu melden, ein hübsches, stilles Ding, das sich im Hintergrund hält, während die Männer sich dort mit Holz und Eisen duellieren, wo heute die dicksten Geschäfte gemacht werden: auf dem Golfplatz. Eine Bar hat Bühnenbildner Jan Pappelbaum auch noch aufgebaut, die zeitweise von zwei mit Leuchtstoffröhren besetzen Schiebewänden verdeckt wird.

In diesem Szenario, halb mittelmeermondän, halb kühler Neonlichtraum, inszeniert Thomas Ostermeier seinen Shakespeare in der neuen knackig-coolen Übersetzung seines Dramaturgen Marius von Mayenburg ohne größere Ausschweifungen, ziemlich linear, geradezu klassisch. Das funktioniert die erste Hälfte durchaus, trägt aber nicht den ganzen zweieinhalbstündigen Abend, der zunehmend schwerfälliger wird, weil ihm letztlich doch ein überzeugendes Gesamtkonzept fehlt. Aufregung gibt's nur noch, wenn wieder die Plastikplanen in Stellung gebracht werden. Ansonsten werden ab der Mitte inszenatorisch keinen großen emotionalen Wellen mehr geschlagen, stattdessen gilt: Alles plätschert.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Tel:890023. Termine: 12., 13. und 15-17. Oktober, 20 Uhr.

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