Film
Daniel Brühl und die Wurzel des deutschen Fußballs
Bald kommt der Fußballfilm "Der ganz große Traum des Konrad Koch" in die Kinos. Darin spielt Daniel Brühl den Lehrer, der 1874 den Fußball von England nach Deutschland holte. Morgenpost Online hat den Schauspieler getroffen.
Von Julien Wolff
Die Pfeife hat er sich um den Hals gehängt. Daniel Brühl (32) steckt eine Hand in die Hosentasche und beobachtet, wie eine Horde Kinder in der Sporthalle einer Berliner Grundschule mit dem Ball spielt. Mit seiner Weste und der grauen Hose sieht er aus wie ein Fußball-Trainer im 19. Jahrhundert – und das ist er an diesem Tag auch. Der Schauspieler ("Good Bye, Lenin!") dreht eine der letzten Szenen für seinen neuen Film "Der ganz große Traum des Konrad Koch" (Kinostart 2011).
Er mimt die Titelfigur, die 1874 das erste Fußballmatch in Deutschland organisierte. Koch war Lehrer an einem Braunschweiger Gymnasium und wollte seinen Schülern die englische Sprache spielerisch beibringen. Also ließ er sie unter englischen Kommandos kicken. Mit einem Ball, den ein Kollege aus England besorgt hatte. Vokabeln lernen mal anders. Das Spiel zweier Schülermannschaften war ein Experiment – und wurde zur Geburtsstunde des europäischen Fußballs. Koch schrieb später die ersten deutschen Regeln und etablierte den Sport, obwohl Kollegen und Eltern diesen als "Affentum" und "Krankheit" abtaten.
Die sportbegeisterten Produzenten Raoul Reinert und Anatol Nitschke haben für den Spielfilm jahrelang recherchiert. Und Brühl auch deswegen als Hauptdarsteller gewählt, weil Fußball seine Leidenschaft ist. Der gebürtige Spanier lebt in Barcelona und Berlin, besucht oft Spiele des FC Barcelona und ist ein Fan des 1. FC Köln.
Morgenpost Online: Herr Brühl, Hand aufs Herz: Kannten Sie vor den Dreharbeiten die Geschichte des Konrad Koch?
Daniel Brühl: Nein. Und als ich das Drehbuch las, konnte ich seine Geschichte gar nicht glauben. Es war irre zu merken, dass ich als Fan lange nicht wusste, wie der Fußball damals nach Deutschland gekommen ist. Ich habe dann alles nachgelesen und war sofort von Konrad Koch, seinem Leben und dem Drehbuch begeistert.
Morgenpost Online: Koch hat den Fußball gegen Widerstände der Gesellschaft etabliert. Hat der Sport heute noch so eine starke Kraft wie damals?
Brühl: Total. Fußball ist der Sport, der bei den Menschen am meisten auslöst, die irrsinnigsten Gefühle. Schauen Sie sich nur das dramatische Rückspiel von Werder Bremen neulich gegen Sampdoria Genua in der Qualifikation zur Champions League an. Diese Euphorie bei den Bremer Fans nach den Toren, unfassbar. Während der Weltmeisterschaft in Südafrika habe ich in Frankreich gedreht. Da haben die Franzosen uns Deutschen plötzlich die Daumen gedrückt. Das war schon toll. So was geht nur beim Fußball.
Morgenpost Online: Aber würde Koch der heutige Fußball gefallen? Aus "seinem Sport" ist ein Milliardengeschäft geworden.
Brühl: Die Schattenseiten wie die Wettskandale und der kapitalistische Gedanke mit all den irrwitzigen Ablösesummen wohl nicht. Aber dass er so populär geworden ist, das würde ihm sehr gefallen. Wir sind uns doch alle einig, dass das Positive am Fußball überwiegt. Er ist wahnsinnig wichtig für unser Miteinander. Wenn es Fußball nicht gäbe, würden sich die Leute die Köpfe einhauen. Die Kriminalitätsrate würde unglaublich steigen, die Gefängnisse wären überfüllt. Dieser Sport ist ein unglaubliches Ventil für ganz viele Menschen. Hier finden sie Gleichgesinnte, bauen ihren Frust ab und freuen sich. Fußball ist eine tolle Erfindung. Es gibt Stunden, da muss ich ein Spiel schauen. Ich kann dann gar nicht anders.
Morgenpost Online: Nachdem Sie sich vor und während der Dreharbeiten so intensiv mit der Historie des Fußballs beschäftigt haben: Werden Sie Spiele künftig anders sehen?
Brühl: Der Fußball ist mir in jedem Fall noch näher ans Herz gewachsen.
Morgenpost Online: Sind Fußball-Profis auch Schauspieler?
Brühl: Klar. Sie stehen unter einem enormen Druck und im Fokus der Öffentlichkeit. Um auf Fans, Medien und Intrigen in der Mannschaft reagieren zu können, müssen sie diplomatisches Geschick haben. Und sich manchmal sicher auch verstellen können. Bei Schwalben auf dem Spielfeld sowieso.
Morgenpost Online: Ärgern Sie sich, wenn ein Spieler auf dem Feld schauspielert? Oder erkennen Sie dann schlichtweg sein darstellerisches Talent an?
Brühl: Es nervt mich. Außer, wenn meine Mannschaft es macht. Ich bin großer Fan des FC Barcelona und des 1.FC Köln. Aber selbst da finde ich das nicht so cool. Ich habe viele italienische Freunde, aber im Fußball übertreiben sie es besonders mit der Theatralik.
Morgenpost Online: Also halten Sie es eher mit Lionel Messi als Cristiano Ronaldo.
Brühl: Ja. Was Lionel Messi darstellt, was er verkörpert, das ist etwas ganz anderes als Ronaldo. Er ist wohl der beste Spieler der Welt. Und trotzdem immer noch bescheiden und sagt nach jedem Tor, dass er Glück hatte und der Mannschaft dankt. Er ist wie ein großer Junge, der einfach nur Bock hat, Fußball zu spielen. Auch wegen ihm sehe ich mir so gern Spiele der spanischen Liga an.
Morgenpost Online: Spanien dominiert den Weltfußball. Wird das in den nächsten Jahren so bleiben?
Brühl: Einerseits ist mit dem WM-Titel in Sachen Erfolg der Zenit erreicht. Das Spielniveau wird Spanien aber noch ein paar Jahre halten können. Es hat viel mit dem FC Barcelona zu tun. Die Stärke des Barca-Blocks war in Südafrika entscheidend. Im Vergleich zu Real Madrid hat Barcelona über Jahre hinweg in die Förderung von Talenten investiert. Das macht sich irgendwann bezahlt. Man muss sich nur Messi, Xavi und Andres Iniesta anschauen. Real Madrid hingegen schustert mit Geld eine Mannschaft zusammen. Das Konzept Barcelonas gefällt mir besser, auch wenn Real jetzt eine gute Mannschaft zusammen hat.
Morgenpost Online: Eine bessere als Barcelona?
Brühl: Es wird hart für Barca, wieder Meister zu werden. Ich sehe mir aber jedes Spiel an.
Morgenpost Online: Real hat in Mesut Özil und Sami Khedira gleich zwei Spieler aus der Bundesliga verpflichtet. Welchen Deutschen wünschen Sie sich für Barcelona?
Brühl: Thomas Müller.
Morgenpost Online: Warum?
Brühl: Er spielt toll Fußball und ist ein Typ, der auf dem Teppich bleibt. Und er wird noch besser werden. Man hat bei Özil und Khedira gesehen, dass die internationalen Klubs seit den tollen Leistungen bei der WM zu recht stark auf die deutschen Spieler schauen. Viel mehr als früher. Das haben sie verdient.
Morgenpost Online: Sie leben in Barcelona und Berlin. In Spanien schauen Sie Weltstars zu, zurück in unserer Hauptstadt gibt es nur zwei Zweitligaklubs, Hertha BSC und den 1.FC Union. Ein Fußball-Kulturschock?
Brühl: Ein bisschen schon. Ich bin in Köln aufgewachsen und wie gesagt Fan des FC, aber ich hoffe trotzdem auf eine schnelle Rückkehr Herthas in die Bundesliga. Eine Hauptstadt ohne Erstliga-Fußball, das ist schon bitter.
Morgenpost Online: Sie haben Raul in Spanien oft spielen sehen. Was trauen Sie ihm bei Schalke 04 zu?
Brühl: Er kann immer noch knipsen. Raul wird einige Tore schießen. Ich teile nicht die Meinung, dass er zu alt ist.
Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie mit dem großen Johan Cruyff mal Taxi gefahren sind?
Brühl: Ja. Vor einem Barcelona-Spiel war Stau, und ich kam nicht zum Stadion. Da rief mich ein befreundeter Filmproduzent an, der Cruyffs Nachbar ist. Er wollte mich für eine Rolle und lud mich in die Ehrenloge ein. Mit Cruyff habe ich dann zwei, drei Sätze gewechselt. Ich bin übrigens fast nicht reingekommen, weil ich Jeans trug. In die Barcelona-Logen gehen die Leute aber wie in die Oper, es gibt einen richtigen Dresscode. Erst als Cruyff und der Produzent mit einer Art "Türsteher" sprachen, ließ er mich rein. Ich dachte nur: Leute, es bleibt immer noch Fußball.
Morgenpost Online: Und mit Samuel Eto’o sind Sie in einem Learjet geflogen.
Brühl: Wegen eines Zufalls. Ich war in Cannes bei den Filmfestspielen, und Eto’o war wegen einer Wohltätigkeitsveranstaltung in der Stadt. Ich hatte keinen Rückflug mehr bekommen, und meine Agentin organisierte schließlich, dass ich mit Eto’o im Learjet fliegen konnte. Ich finde es spannend, Fußballer zu treffen. Da bin ich ganz Fan. Bei Gerard Pique bin ich vielleicht bald zum Essen eingeladen, ein Freund von mir ist sein Nachbar. Und ich weiß jetzt, wo Messi essen geht. (lacht)
Morgenpost Online: Wo?
Brühl: In einem italienischen Restaurant in Barcelona. Wie ich gehört habe, bestellt er dort immer dasselbe: Milanese, ein Fleischgericht, und danach Erdbeer-Eis.
Morgenpost Online: Selbst schon mal dagewesen?
Brühl: Ja. Aber ich habe ihn leider nicht getroffen. Mein Traum ist aber ohnehin eher ein Foto mit Iniesta. Er ist mein Held.
Morgenpost Online: Ihr Film heißt "Der ganz große Traum des Konrad Koch". Was ist der ganz große Fußball-Traum des Daniel Brühl?
Brühl: Dass Deutschland nächstes Mal Weltmeister wird. Zum Entsetzen meiner Mutter war ich beim WM-Halbfinale zum ersten Mal bei einem Spiel gegen Spanien für Deutschland. Die haben einfach so irrsinnig gut gespielt. Es war toll, eine so junge und veränderte Mannschaft zu sehen. Sie hat eine riesige Zukunft. Wenn sie so weiter spielt, kann sie 2012 Europameister werden und zwei Jahre später Weltmeister. Ein Double wie Spanien, das wär's.
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