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04.09.10

Expressionisten

Fälschungs-Skandal erschüttert Kunstszene

Trio soll bis zu 20 falsche Expressionisten in Umlauf gebracht haben. Renommierte Händler verkauften sie als echt weiter.

© privat
Pechstein_DW_Politik_FRANKFURT.jpg

Die Falle schnappte zu – ohne dass die Verdächtigen davon etwas hätten ahnen können. Seit Wochen schon waren private und staatliche Ermittler dem Trio auf der Spur. Anfang vergangener Woche konnten sie ihren Verdacht dann endlich belegen, und plötzlich ging alles ganz schnell. Nach Hausdurchsuchungen in verschiedenen deutschen Städten und abgehörten Telefonaten griffen die Beamten am Dienstag zu.

Sie verhafteten nach Informationen der "Welt am Sonntag" in Köln die 57-jährige Jeanette Susanne S., ihre Schwester Helene (52) und deren Ehemann Wolfgang B. (59). Alle drei stehen im Verdacht, mindestens fünf, wahrscheinlich aber knapp 20 gefälschte Kunstwerke, deren Titel dieser Zeitung vorliegen, über Auktionshäuser in Umlauf gebracht zu haben.

Trifft der Vorwurf zu, wäre das einer der größten Kunstfälschungsskandale in der Geschichte der Bundesrepublik. Blamiert stehen eine Reihe von Kunstexperten und Kunsthändlern da, die die mutmaßlich gefälschten Werke für echt erklärt und verkauft haben.

Aufkleber stimmt Ralph Jentsch misstrauisch

Es war ein Rekordpreis, den am 29. November 2006 im Kölner Auktionshaus das "Rote Bild mit Pferden" von Heinrich Campendonk erzielte: 2,4 Millionen Euro – soviel hatte noch nie zuvor ein Werk des deutschen Expressionisten eingespielt. Die Einlieferer, die in Frankreich lebten, konnten berichten, dass sich das Gemälde seit den 1930er-Jahren im Besitz ihres Großvaters, des Kölner Sammlers Werner Jaegers, befunden habe.

Außerdem klebten auf dem rückseitigen Keilrahmen Etiketten der angesehenen Galerien Emil Richter und "Der Sturm" – und ein Aufkleber, der das Gemälde als Teil der Privatsammlung des legendären jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim auswies und ihn auch im Holzschnitt abbildete.

Gerade dieser Aufkleber war es dann aber, der den in Rom lebenden Kunsthistoriker und Flechtheim-Biografen Ralph Jentsch misstrauisch werden ließ. Das darauf enthaltene Flechtheim-Porträt gleicht nämlich eher einer antisemitischen Stürmer-Karikatur als einer selbstbewussten Sammler-Selbstdarstellung.

Kunsthistorikerin wird von Russen unter Druck gesetzt

Misstrauisch war inzwischen auch die neue Eigentümerin des Campendonk-Rekordbildes, die von der Genfer Galerie "Artvera’s" vertretene Handelsgesellschaft Trasteco mit Sitz auf Malta, geworden. Sie bat Lempertz um ein Echtheitsgutachten, das die Autorin des Campendonk-Werkverzeichnisses, Andrea Firmenich, aber erst nach naturwissenschaftlichen Untersuchungen schreiben wollte.

Obwohl dabei in der Farbe Titanweiß nachgewiesen wurde – eine Substanz, die im angeblichen Entstehungsjahr des Bildes, 1914, noch nicht erhältlich war und sich auch nicht mit nachträglichen Übermalungen erklären lässt – bestätigte Firmenich 2008 die Echtheit. Es ist dies nicht das erste falsche Werk des Künstlers, das sie als echt erklärte.

Gegenüber den Ermittlern gab die Kunsthistorikerin an, dass sie kurz zuvor unter Druck gesetzt worden sei. Ein "Herr Schmitz" mit rheinischem Akzent und spanischer Vorwahl habe bei ihr angerufen: In Sachen Campendonk seien russische Interessen betroffen. Man wisse, wo sie wohne.

Auf der Fälschungs-Liste stehen 19 Werke

Unterdessen hatte Ralph Jentsch herausgefunden, dass in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten weitere zweifelhafte Bilder mit dem fragwürdigen Flechtheim-Etikett und anderen wahrscheinlich gefälschten Labels aufgetaucht waren: 1995 und 2006 bei Christie’s zwei weitere Campendonk-Bilder, ebenfalls 2006 das Max-Ernst-Gemälde "La Horde", 2001 und 2003 dann bei Lempertz die angeblichen Pechstein-Gemälde "Seinebrücke in Paris" und "Liegender Akt mit Katze".

Zu beiden konnte die Autorin des Pechstein-Werkverzeichnisses, Aya Soika, nachweisen, dass sie bis in kleinste Umrissdetails hinein authentischen Pechstein-Zeichnungen mit gleichen Motiven entsprechen, die der mutmaßliche Fälscher wohl vergrößert und abgepaust hatte. Die Expertin spricht von "hochkarätigen Fälschungen". Der angeblich 1909 gemalte Akt trägt das Etikett der Galerie Posen & Schames, die aber schon 1906 nicht mehr so hieß. Auch dieser Widerspruch fiel Lempertz offenbar nicht auf.

Purrmann und Derain, Leger und Marcoussis – 19 Werke umfasst die Liste der mutmaßlichen Fälschungen, von denen elf das ominöse Flechtheim-Etikett oder andere Aufkleber tragen. Bei immerhin zwei der Werke – einem Campendonk und einem Pechstein – wurde als Vorbesitzer ein Sammler namens Werner Jägers aus Köln genannt.

Schweizer Gallerie stellt Strafantrag

Was folgte, war akribische Detektivarbeit. An ihrem Ende hatte Jentsch die angebliche Sammlerfamilie identifiziert. Werner Jaegers, geboren 1912 im belgischen Anderlecht, starb 1992 in Köln. Seine Tochter lebt im Bergischen Land, eine Enkelin in Köln, die andere auf einem großen Anwesen im südfranzösischen Meze. Kunstsammler, sagte Jaegers’ Tochter bei einer Befragung, sei ihr Vater allerdings nie gewesen.

Am 17. Juni 2010 erstattete die Schweizer Galerie, die bei Lempertz den Campendonk ersteigert und schon 2008 die Rücknahme verlangt hatte, zusätzlich Strafanzeige. Die Ermittlungen ergaben unter anderem, dass der Ehemann der Jaegers-Tochter Helene B., Wolfgang B., sich als Maler betätigt.

Verhaftet wurden das Ehepaar und die andere Jaegers-Enkelin schließlich, als sie sich nach ersten Befragungen am Telefon gegenseitig vorwarfen, verantwortlich für die Aufdeckung ihrer Machenschaften zu sein. An ein viertes Familienmitglied erging der Auftrag, einen Computer mit sensiblen Geschäftsdaten in Sicherheit zu bringen.

Witwe lehnt Bild als Fälschung ab

Der ebenfalls befragte Inhaber des Auktionshauses Lempertz, Henrik Hanstein, stellt den Skandal um die auch von seinem Haus verbreiteten mutmaßlichen Fälschungen als "Experten-Problem" dar. Der Lokalzeitung "Kölner Stadt-Anzeiger" gegenüber behauptete er, die Jaegers-Werke seien "von allen maßgeblichen Gutachtern" gesichtet und für authentisch erklärt worden.

Für die beiden Pechstein-Bilder jedenfalls lagen, so Aya Soika, keine schriftlichen Gutachten vor. Der inzwischen verstorbene Malersohn Max K. Pechstein hatte nur mündlich die Echtheit der beiden Bilder bestätigt – die Werke aber vor der Einlieferung nicht einmal im Original gesehen. Ohnehin hätte die Provenienz Werner Jägers bei Lempertz alle Signale auf rot schalten müssen.

Ein dort 1995 eingeliefertes Landschaftsbild von Hans Purrmann lehnte dessen Witwe als Fälschung ab, und es wurde zurückgezogen. Der Sammlername war in Köln also bekannt. Trotzdem bot Hanstein Pechsteins "Seinebrücke" nach Aussage mehrerer Zeugen, als die Zweifel an diesem Bild im Frühjahr intern bekannt wurden, einem Berliner Museum als Dauerleihgabe an. Zu besichtigen sei es in Köln.

Unternehmen hat wohl Sorgfaltspflicht verletzt

Auch Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch in Frankfurt, bestätigte gegenüber der "Welt am Sonntag", dass er das Bild dort Mitte April ansehen konnte. Kritischen Geistern wie Ralph Jentsch hingegen erzählte Hanstein kurz zuvor, es befinde sich in Südamerika und könne nicht für eine Untersuchung zur Verfügung gestellt werden.

Galerist Wolfgang Henze, der 2003 bei Lempertz den angeblichen Pechstein-Akt mit Katze für knapp eine halbe Million Euro ersteigerte und an den Würzburger Brücke-Sammler Hermann Gerlinger weiter verkaufte, kommt zu einer entsprechend anderen Einschätzung:

"Da hat ein Kunsthandelsunternehmen seine Sorgfaltspflicht nicht erfüllt. Spätestens nach dem zurückgewiesenen Purrmann hätte sich Lempertz nach der angeblichen Sammlung Jägers erkundigen müssen. Wir haben jetzt innerhalb von zwei Tagen herausgefunden, dass es eine solche Sammlung gar nicht gab. Der Fall Jägers ist nicht, wie Herr Hanstein meint, ein Expertenproblem. Wenn man Experten wichtige Informationen zu Herkunft und zu Zweifeln vorenthält, können auch sie sich irren."

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