Roman "Wölfe"
König Heinrich VIII. und sein Cromwell
Montag, 30. August 2010 16:01 - Von Wieland FreundHeinrich VIII. hatte einen großen Frauenverschleiß. Doch wer die Strippen im Hintergrund zog, erklärt Hilary Mantel.
Er wurde nicht, er wird; er wollte nicht, er will. Verben dirigieren einen Satz, und in Hilary Mantels im vergangenen Herbst mit dem Booker-Preis ausgezeichnetem Roman „Wölfe“ gehorchen die Verben und also die Sätze dem Präsens. Für einen historischen Roman ist das durchaus ungewöhnlich. Wenn Heinrich Mann im „Henri Quatre“ von „jenen Tagen“ spricht etwa, hat das schließlich auch etwas Wohliges.
Nicht der geringste Reiz des historischen Romans besteht darin, dass er eintaucht in eine ferne Welt, eine, die dem Leser nicht gleich auf den Pelz rückt, sondern ihm stattdessen ein bisschen Distanz verspricht – eher zur erlebten Gegenwart übrigens als zur erzählten Vergangenheit. Davon aber will Hilary Mantel nichts wissen. „Und jetzt steh auf“, lautet der erste Satz ihres Romans. Einerseits ist damit natürlich das Programm des historischen Romans formuliert: Er will die Toten zum Leben erwecken. Andererseits liest sich der Satz auch wie eine ruppige Ermunterung an die Adresse des Lesers: Komm! Mach weiter!
Denn der da auf dem Boden liegt, anno 1500, auf den Kopfsteinen einer tristen Hofstelle in Putney, ist ganz offensichtlich einer von uns. 1500, das heißt, Pi mal Daumen: Buchdruck, Amerika, Reformation – Thomas Cromwell (der Urgroßonkel Oliver Cromwells) ist ein Pionier der Neuzeit und, Hilary Mantel lässt keinen Zweifel daran, er ist auch ein guter Mann: skeptisch, liberal, progressiv und derart selbstbestimmt, dass er lieber als Sohn jenes groben Schmieds gelten will, der ihn in Putney auf den Kopfsteinen zusammenschlägt, denn als Nachfahre der Cromwells aus Nottinghamshire, die am Hof Heinrichs VIII. etwas gelten. In die Geschichte ist er als der Strippenzieher eingegangen, der die Heirat Heinrichs VIII. mit Anne Boleyn und die Scheidung Englands von Rom besorgte – „Hammer der Mönche“, „Sendbote des Teufels“ wurde er von Zeitgenossen genannt.
Hilary Mantel spielt mit vielen kleine Details
Hilary Mantel begreift ihn als Protestant des Herzens und als modernen Ökonom, der begriffen hat, dass die Welt „nicht auf Burgmauern, sondern in Kontoren“ gelenkt wird, nicht „durch das Hornsignal, sondern das Klicken des Abakus“. Ihre Darstellung Cromwells – sein Witz, Wille, Wissen – grenzt an Verehrung; jedes scheinbar herrenlose „er“ im Text gilt ihm.
Das schafft Übersicht, und die ist nötig. Das Personenverzeichnis des Romans umfasst fünf Seiten und listet allein vier Marys auf: die zwergenkleine Tochter Heinrichs VIII. aus erster Ehe, die Schwester Anne Boleyns, eine Hofdame sowie die Tochter des Herzogs von Norfolk, dem die Reliquien in den Kleidern klappern und der so ganz anders als Cromwell ist: ein abergläubisches, mittelalterliches Fossil. Jede dieser Marys ist kenntlich, die Herren mit Namen Thomas sind es sowieso: Cromwell selbst, dazu einer seiner Buchhalter, dazu einer seiner Protegés, dazu der Vater der Boleyn-Mädchen, dazu der große Thomas More, dazu der Dichter Thomas Wyatt und schließlich der reliquienklappernde Herzog von Norfolk, der abseits seines Titels Thomas Howard heißt.
Mit dem figuralen Reichtum einher geht ein Reichtum des Details: das dem König auf dem Nachtstuhl gereichte Mulltuch, die zugenähten Briefe, die Barken auf der Themse, die Seidenstoffe in Maulbeere, Pflaume und Gold, und natürlich die Tiere, die dem Menschen damals noch näher waren: der Fuchs im Käfig Thomas Mores, der Affe an der goldenen Kette seiner Frau. Kaum eine Metapher, kaum ein Vergleich wird verschwendet; mit einem scheinbar x-beliebigen „wie“ wird ein quadratischer Kampfhund oder ein bleicher Käse in den Roman gezaubert; mit einem Bild wird englisches Wetter gemacht: ein „Niesel aus Tinte“. Nur ganz vereinzelt schießt Hilary Mantel über das Ziel hinaus; dass sie schreiben kann – gar keine Frage.
Cromwell wird zum Strippenzieher
Die größere Herausforderung war gewiss der Plot. Denn das ist Kardinalproblem eines jeden historischen Romans: Wie es ausgeht, steht in den Geschichtsbüchern; nicht das Was, sondern das Wie muss die Erzählung tragen. Dass Heinrich VIII. die Königin Katherine in die Wüste schickte, ist so bekannt wie die Tatsache, dass auch Anne Boleyn ihm keinen Sohn gebar. Prozessgestaltung also ist alles – was Cromwell, den Strippenzieher, zum idealen Handlungsträger macht.
„So wird das Schicksal von Völkern bestimmt: zwei Männer in einem kleinen Raum“, schreibt Mantel. Und so schreibt sie ihren Roman: als scheinbar endlose Abfolge von Zusammenkünften, Verabredungen, wechselnden Allianzen. Gerade im Mittelteil braucht der Leser deshalb Geduld, aber das Wesen der Intrige besteht ja darin, sie nicht heraufdräuen zu sehen, sich erst vor dem Schutthaufen vollendeter Tatsachen zu fragen, wie es nur so weit hat kommen können.
Das eigentliche Ereignis ist Mantel manchmal nur eine Leerzeile wert. Zu den Glanzstücken zählt eine Szene, in der man Heinrich VIII. am Gesicht ablesen muss, dass Anne Boleyn ihm keinen Sohn, sondern eine Tochter geboren hat. „Im Moment des Aufpralls sind die Augen des Königs geöffnet, sein Körper ist gewappnet für den atteint; mustergültig nimmt er den Schlag entgegen … ‚Gesund?', sagt er.“
Thomas Morus als verschlagener Masochist
Das Ende ist gewiss, Hilary Mantels Kunst besteht darin, nicht vom Ende her zu schreiben. Ihr Heinrich ist brutal kindisch, aber nicht monströs; ihr Thomas Morus ist kein kanonischer Utopiker, sondern ein verschlagener Masochist; ihre Anne Boleyn ist keineswegs das Opfer, zum dem sie ihr Ende macht, sondern in ihrer Härte, Schnelligkeit und Tücke noch am ehesten die, die Thomas Cromwell das Wasser reichen kann. „Wölfe“ ist auch ein feministischer Roman.
Wo fängt (eine) Geschichte an, wo hört sie auf? Hilary Mantel lässt diese mit der Hinrichtung von Thomas Morus enden – Thomas Cromwell ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, und Anne Boleyn ist noch am Leben. Der letzte Satz des Romans jedoch ist so bedacht wie der erste. „Wolf Hall“, heißt er schlicht und löst nach 757 engbedruckten Seiten das Rätsel des (originalen) Titels. In „Wolf Hall“, einem Adelssitz, den der Roman niemals erreicht, ist Jane Seymour zu Hause, die dritte Ehefrau Heinrichs. Thomas Cromwell wird diese dritte Hochzeit mit seinem Leben bezahlen – ebenso wie Anne Boleyn. Am Ende der Geschichte steht der Rachen der Geschichte weit offen.
Hilary Mantel: Wölfe. A. d. Engl. v. Christiane Trabant. DuMont, Köln. 767 S., 22,95 Euro.







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