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28.08.10

Berlin-Konzert

Ostrock-Veteranen Silly begeistern ihre Fans

Es sieht so aus, als seien die Ostrockert Silly 20 Jahre nach der Einheit in ganz Deutschland angekommen. Warum weiß niemand so genau. Denn die Band mit Sängerin Anna Loos macht genau das, was sie immer schon getan haben.

dpa

Seit 2006 prägt die Schauspielerin Anna Loos als Frontfrau die Auftritte von Silly. Jetzt sind sie auf Sommertour. Allein in die Zitadelle in Berlin-Spandau kamen 7000 Fans.

7 Bilder

Nachdem man 90 Minuten lang kaum mehr gesehen hat als farbenfrohe Schirme, spielen Silly "Alles Rot", der Regen hört schlagartig auf, und die Besucher sind begeistert, dass die Band für alle sichtbar wird. Das eigentlich Wunder aber ist die Band an sich: Drei über 50-jährige, die 1996 mit der Sängerin Tamara Danz auch ihr Projekt beerdigt hatten, stehen wieder auf der Bühne. Davor stehen 7000 in der Spandauer Zitadelle, feucht aber zufrieden.

Silly haben eine neue Platte aufgenommen, sie heißt "Alles Rot" und hielt sich wochenlang weit oben in der deutschen Hitparade. Ihre Tour führte sie bis nach Köln und Mainz in ausverkaufte Hallen. Oder wie es Anna Loos ausdrückt, die Stellvertreterin der Sängerin: "Dit is ja Wahnsinn!" Sie sagt, nie habe die Band mehr Zuschauer vor sich gehabt, zumindest abseits aller Ostrock-Festivals.

Es sieht so aus, als seien Silly 20 Jahre nach der Einheit in ganz Deutschland angekommen. Niemand weiß genau, warum. Das aktuelle Album ist nicht besser und nicht schlechter als die alten. Ritchie Barton, Uwe Hassbecker und Jäcki Reznicek sorgen wieder für eingängige Rockmusik, die in der DDR als "liedhaft" galt. Der Dichter Werner Karma hat die Songs betextet, in seiner poetisch umständlichen Weise. "In mir drin ist alles rot, das Gegenteil von tot. Mein Herz, es schlägt sich noch ganz gut", der Kehrreim aus dem Titelstück, ist keine ostdeutsche Gesinnungshymne. Sondern der Protest einer verlassenen Frau in ihren besten Jahren.

Ähnlich sprachen Silly auch vor 1990 ihre Hörer an: persönlich und dabei verklausuliert politisch. Zu den größten Irrtümern der DDR-Bewältigung gehört der Glaube, es habe kein Ich gegeben, nur das kollektive Wir, und jede staatlich anerkannte Rockband hätte jeden überzeugt. Im Rückblick soll das Silly-Album "Februar" von 1989 sogar die Musik zur Wende in der DDR geliefert haben. Daraus spielen Silly heute im gemütlichen Akustikteil das Lied für die "Verlornen Kinder" in den Plattenbauten Ost-Berlins.

Für viele war das damals nur eine humorlose Bestandsaufnahme von Berufsmusikern. Viele hörten in den Wendetagen lieber "Wir woll’n immer artig sein", die lustige Notlüge von Feeling B, der Band, die später zwangsläufig zu Rammstein wurde.

Den verlorenen 1989ern folgt heute im Konzert "Asyl im Paradies" von 1996. Es schien damals irgendwie um eine unwirtliche Außenwelt zu gehen, um die Sehnsucht nach Geborgenheit und um den Tod. Tamara Danz starb kurz nachdem das Lied vollendet worden war, mit 43 Jahren. Sie hatte die Wendezeit aktiv in Talkshows und in Komitees begleitet. Sie war, neben Nina Hagen, wohl der einzige Popstar, den die DDR je hatte.

Anna Loos, die Schauspielerin, ist seit fünf Jahren als Ersatz mit Silly unterwegs, sie hat die Energie dafür, den Trotz und selbst die Stimme. Sie gehört inzwischen zur Familie. Zu den Silly-Söhnen, die am Keyboard stehen und am Schlagzeug sitzen, und zu Ostrock-Überlebenden aus anderen Bands. Nun hat sie sogar ihre eigenen Silly-Lieder, zwischen denen sie "Ihr Lieben!" in den Regen ruft, und die durchweichten Gäste lieben sie zurück.

Es geht in diesen Liedern um Erinnerungen, trügerische Sicherheiten und gesundes Misstrauen: "Ich sag nicht ja. Nicht ohne guten Grund. Ich sage nur, was ich auch fühlen kann." Die Zeiten sind danach, man fühlt sich angesprochen. Von viel Licht und Nebel auf der Bühne, melodieseligem Deutschrock und von einer Band, die nicht mehr vorgesehen war. Michael Pilz

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