Wir sind Helden
Die Helden rücken ab von unbeschwerter Popmusik
Die Berliner Band "Wir sind Helden" bringt ein neues Album heraus. Das alte Erfolgskonzept schiebt sie zur Seite. Die Texte verstören nun teilweise, die Musik ist nicht mehr für Partys gemacht.
Von Stefan Woldach
Wir sind Helden bestehen aus (v. l.) Pola Roy, Judith Holofernes, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette. Eine Aufnahme in Festtagskleidung zur Verleihung des Deutschen Schallplattenpreises Echo in Berlin 2004.
"Alles", die erste Auskopplung des neuen Albums der Berliner Band Wir sind Helden, ist ein gewagter Appetitmacher. Ein Auftakt mit gesenktem Blick. Ein Versprechen, das die Band in den folgenden 44 Minuten nicht halten wird. So laut, unbekümmert und direkt werden die elf anderen Stücke von "Bring mich nach Hause" nur noch selten klingen. Erstaunlich. Bisher machten Sängerin Judith Holofernes und ihre drei männlichen Mitmusiker flotte Popmusik mit deutschen Texten. Da ging es in Hits wie "Guten Tag", "Aurélie" oder "Gekommen um zu bleiben" mit charmantem Wortwitz um die neusten Mitteilungen aus der Wirklichkeit, um Revolte und Romantik, Zärtlichkeit und Tagträume. Nach drei Edelmetallalben ist die unbekümmerte Party-Stimmung nun erst mal vorbei. Die Helden von heute klingen anders.
Drei Jahre hat das Quartett zuletzt pausiert, dem Elternwerden seines Ehepaars Holofernes und Roy von Söhnchen Friedrich (3) und Töchterchen Mimi (1) geschuldet. Holfernes nutzte die Zeit des Songschreibens zur inneren Einkehr und Reflexion ihrer rasanten Erfolgsgeschichte, die der Sängerin viel zu schnell, steil und laut war. Ihren Wunsch nach Beständigkeit und Geborgenheit thematisiert Holofernes nun im verhaltenen, nachdenklichen Titelstück. Das entstand, wie die meisten ihrer Texte und Lieder am heimischen Klavier. Sozusagen lauter intime Momentaufnahmen, verletzlich, anrührend und mitunter von brutaler Offenheit wie die vom Schmerz grotesk verzerrte Ballade "Meine Freundin war im Koma und alles was sie mir mitgebracht hat war dieses lausige T-Shirt". Besser lassen sich Fassungslosigkeit, Leid und Gefühlschaos einer Extremsituation kaum auf den Punkt bringen. Neben intimen Innenansichten zeigt sich Holofernes auch als detailverliebte Beobachterin, wie im nostalgischen Beziehungskisten-Drama "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte", die vermeintlich lustig angelegt mit nur einem Satz völlig kippt. Und mit einem Kloß im Hals endet. Ihr Talent zu eigenwilliger Wortfindung ist auch auf diesem Album präsent, wenn sie im stimmigen Schlaflied "Die Träume anderer Leute" die Zeile sing: "Du schlafwandelst, du bravwandelst, du herdentierst".
Dass so ein Album eine neue Instrumentierung verlangt, ist klar. Die Band inszeniert diesen introvertierten Ansatz verstärkt mit akustischen Klangtupfern, mit Akkordeon, Oud, Banjo oder Glockenspiel. Nebenbei gab es auch einen "fünften Mann": Jörg Holdinghausen von der Band Tele. Er wird die Helden auch auf der Tour verstärken. Zudem verzichtete die sonst bis zur Selbstauflösung demokratische Band diesmal auf ihre bewährte Gruppenarbeitsweise, weil man diesmal nicht die Gefahr sah, sich wieder "in aller Freundschaft zu zerfleischen." Die bisherige Erfolgsformel aus 28 Prozent Synthie, 34 Prozent Punk und 38 Prozent Pop gilt nicht mehr. Auch wenn das neue Album immer noch 100 Prozent Wir sind Helden ergibt. Nur ist heute "Alles" anders.
Das Album Wir sind Helden: Bring mich nach Hause (Columbia), erscheint am Freitag, 27. 8.
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