19.08.10

Konzert in Berlin

Leonard Cohen bringt die Waldbühne ins Schwelgen

Mit 75 Jahren tourt Leonard Cohen wieder – auch weil er das Geld braucht. Doch selten erlebten 12.000 Fans in der Berliner Waldbühne ein Konzert von solcher Emotionalität, solcher Endgültigkeit, solcher Wahrhaftigkeit. Und das mehr als drei Stunden lang.

Von Peter E. Müller
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa
Leonard Cohen
Wie ein guter Whiskey - wlird mit dem Alter immer besser: Leonard Cohen

Am Ende geschieht etwas Wunderbares. Sechs Zugaben haben Leonard Cohen und seine Band schon gegeben. Und dann kommt nach dreieinhalb Stunden jener Song, den er nur allzu selten live spielt, das Stück, das ihm 1974 seinen einzigen deutschen Top-Ten-Hit beschert hatte: "Lover Lover Lover". Eine Ballade, die wie ein leichtes Liebeslied daherkommt und auch meist so verstanden wird, obwohl sie doch die Konflikte eines Gläubigen mit Gott zum Inhalt hat. Er spielt den Song selten, aber hier, am Mittwochabend in der mit rund 12.000 Besuchern gefüllten Waldbühne, ist er das Finale eines überwältigenden Konzerts mit einem der bewegendsten Songpoeten unserer Tage. Und das Amphitheaterrund vibriert vor Enthusiasmus und Dankbarkeit.

Seit zwei Jahren ist Leonard Cohen nun wieder auf Tournee. Im September wird er 76 Jahre alt und er hat, auch wenn die Umstände zunächst nicht glücklich waren, den Weg zurück zu seinem Publikum gefunden. Als er sich Mitte der 90er-Jahre in das buddhistische Mount Baldy Kloster in Kalifornien verzog, schien er für das irdische Entertainment endgültig verloren. Doch seine Managerin und zeitweilige Lebensgefährtin hat in dieser Zeit der Meditation sein ganzes Vermögen durchgebracht, seine Altersversorgung war dahin. Mehr als fünf Millionen Dollar, so heißt es. Alles weg. Leonard Cohen brauchte Geld, um seinen Lebensabend zu finanzieren. So profan waren die Gründe für seine Wiederkehr. Doch hatte der infame Raubzug der falschen Freundin letztlich auch etwas Gutes. Denn selten erlebt man heutzutage ein Konzert von solcher Emotionalität, solcher Endgültigkeit, solcher Wahrhaftigkeit.

Cohen nennt Publikum "Meine Freunde"

Es ist das dritte Berlin-Gastspiel, das Cohen und seine exzellente Band nun im Rahmen dieser Tournee geben. Das Programm ist nahezu identisch mit dem in der O2 World 2008 und 2009. Und doch hat auch dieser Abend in der Waldbühne etwas Einzigartiges, ja Ergreifendes. Hier geht es geht immer um das letzte Mal, um Abschied, um Verzicht, um den Zwist mit dem Dasein und den Kampf gegen die Resignation - aber auch um Hoffnung. "Meine Freunde" nennt er sein Publikum immer wieder und verneigt sich geradezu ehrfurchtsvoll, vor den Fans, vor den Musikern, vor den Liedern.

Der Bohemien, der sich im New York der 60er Jahre im Umfeld von Andy Warhols Factory herumtrieb, der exzessiven Trinker und Frauenheld, der seine Affären zu Liedern und Gedichten verschlüsselte, der Gottsucher, der sein Heil im Buddhismus fand, ist zu einem große weisen Mann gereift, der nachfolgende Musikergenerationen animiert und inspiriert hat. Er vereint Kinder, Eltern und Großeltern vor sich, wenn er einem Prediger gleich all seine großen Erfolge in feinsinnigen Arrangements singt. Mit "Dance Me To The End Of Love" beginnt der Songreigen, jenem vom Holocaust inspirierten Lied, das von der Liebe, die den Tod überdauert erzählt. "Bird On A Wire" "So Long, Marianne", "Take This Waltz", "Who By Fire", "First We Take Manhattan (Then We Take Berlin)", "Famous Blue Raincoat", "Suzanne" - es sind Jahrhundertsongs, die der Popmusik etwas von ihrer Beliebigkeit genommen und ihnen Würde verliehen haben.

Von Engelsstimmen veredelt

Cohen, im dunklen Anzug, mit Hut und Bolo-Tie um den grauen Kragen, hat spürbar Spaß inmitten seiner Musik, er tänzelt, geht auf die Knie, zieht immer wieder seinen Hut, und lächelt. Er kann sich bei seinem musikalischen Hochamt auf eine großartige Band verlassen. Sein langjähriger Weggefährte, der Bassist Roscoe Beck, ist musikalischer Leiter des Unternehmens. Der bluesbeseelte Gitarrist Bob Metzger ist wieder dabei. Der Spanier Javier Mas spielt mit andalusischem Flamenco-Flair Laute und Zwölfsaitige, Neil Larsson die schwere Hammond-B3-Orgel, Saxofonist Dino Soldo und Schlagzeuger Rafael Gayol komplettieren die Band, die von drei wunderbaren Engelsstimmen veredelt wird: von der soulstarken Sharon Robinson, die auch Ko-Autorin etlicher Cohen-Songs ist, und von den himmlischen Webb-Schwestern Charley und Hattie, die im Zugabenteil mit einer bewegenden Version von Cohens "If It Be Your Will" Gänsehaut provozieren.

Lieder für die Ewigkeit

Schriftsteller zu sein war sein Ziel. Etliche Bücher mit Lyrik und Prosa hat Cohen veröffentlicht, das erste Buch "Let Us Compare Mythologies" erschien bereits 1955. Doch erst nachdem 1968 mit "Songs of Leonard Cohen" die erste LP erschienen war, begann sich eine neugierige Hippie-Generation auch mit dem literarischen Werk zu beschäftigen, wie dem 1964 erschienenen Gedichtband "Rosen für Hitler" oder dem kryptischen Roman "Das Lieblingsspiel". Leonard Cohen war im laut aufbegehrenden Rockgeschäft der rebellische, grüblerische, fragende Gegenpol. Und er schuf Lieder, die für die Ewigkeit gemacht sind, Volkslieder im besten Sinne.

Cohensongs sind Erinnerungssongs. An frühe Liebschaften, an gefährliche Nächte, an Enttäuschungen, die ein einziges Lied lindern konnte. Jeder hier im Publikum hat seinen ganz speziellen Cohentitel im Herzen. Und der Meister singt sie alle, mit tiefer, angerauter Stimme, mit gütiger Geste, mit einem weisen Leuchten im Blick. Ab und zu wandelt sich die Gottesdienst-Atmosphäre, wenn beispielsweise bei "First We Take Manhattan" ein rockiger Dance-Beat durch die Waldbühne rattert und - das gibt es wahrscheinlich nur in dieser Stadt - Tausende Stimmen den Refrain "Then We Take Berlin" mitsingen. Cohen nimmt es sichtlich erfreut zur Kenntnis.

Bei "Hallelujah" schwelgt die ganze Walbühne

Bei "Hallelujah", diesem mit biblischen Elementen spielenden Lovesong, fügt Cohen wieder die Zeile "I didn't come all the way to Berlin to fool you" ein. Es ist eines seiner meist gecoverten Stücke, es gibt Versionen von John Cale, Jeff Buckley, Rufus Wainwright, Bob Dylan, ja sogar Berlins Wir sind Helden hatten "Hallelujah" im Repertoire. Hier schwelgt die ganze Waldbühne, Wunderkerzen flimmern, alles singt andächtig mit. In der vordergründigen Leichtigkeit schwingt jedoch immer eine in Moll getönte Schwermut mit. Denn Cohen erzählt in seinen klugen Beobachtungen vor allem auch von der Endlichkeit allen Lebens, von Rückschlägen, Bedrohungen, von Ängsten. Wie in "The Future", wo es heißt: "Gebt mir die Berliner Mauer zurück, gebt mir Stalin und Paulus, Ich habe die Zukunft gesehen, Brüder, sie ist mörderisch."

Man kann dem verehrungswürdigen alten Mann gar nicht genug dafür danken, dass er sich den Strapazen einer so lang andauernden Welttournee aussetzt. Dass er wieder live auf der Bühne steht und an seiner großen Kunst teilhaben lässt. Als Leonard Cohen nach "Lover Lover Lover" abtritt, hat das tatsächlich etwas Endgültiges. Im lang anhaltenden Applaus schwingt auch die Hoffnung mit, dass er noch möglichst oft zurückkehren möge. Hallelujah!

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