Bayreuther Festspiele
Katharina Wagner kommt nicht zur Ruhe
Samstag, 14. August 2010 05:02 - Von Lucas WiegelmannFerienzeit ist Festspielzeit. Für Katharina Wagner sind es die härtesten Wochen des Jahres. Ein Treffen mit der Managerin.
Einer von Katharina Wagners Lieblingsplätzen in Bayreuth liegt an der Autobahn. „Ich habe gerne die Straße im Blick, auf der ich wegfahren könnte“, sagt sie und lacht ihr derbes, fränkisches Gelächter, als hätte sie den Satz nicht so gemeint. Wagner sitzt an einem Tisch auf der Terrasse des „Café del Sol“ und will brunchen. Es ist halb zwölf vormittags, das ist so die Zeit für ihre erste Mahlzeit am Tag. Davor fehlt ihr der Appetit, zum Frühstück gibt es immer nur eine Tasse Kaffee und in den Stunden danach ein paar Zigaretten. Auch jetzt halten ihre Finger mit den irritierend langen, weißen Nägeln eine qualmende Lucky Strike. Das Restaurant soll mit seinen flachen Giebeln wahrscheinlich wie eine Finca aussehen, erinnert aber mit der A9 München-Berlin und der Shell-Tankstelle daneben eher an eine Fernfahrer-Kneipe.
So sieht also Katharina Wagners Stammlokal aus. Sie ist fast jeden Tag hier, sagt sie, jedenfalls während der Festspiele. Meistens kommt sie abends nach der Vorstellung, um mit Dirigenten oder Sängern zu essen. Wenn sie in irgendeinem Traditionsgasthaus mit Sandsteinfassade in der Innenstadt ihren Feierabend verbringen würde, würde sie ständig irgendein Wagnerianer fotografieren oder um ein Autogramm bitten. In der Fernfahrer-Kneipe verkehren keine Festspielbesucher. Zu billig, zu einfach, zu weit draußen.
Und von der Terrasse aus kann man immer die Straße sehen, sagt Wagner. Als wäre sie eine Klaustrophobikerin, Bayreuth ein enges Zimmer, und sie schielt ständig zur Tür.
Katharina Wagner kommt nicht zur Ruhe
Unterwegs mit der Urenkelin des Genies in der Stadt des Genies. Es sind Ferien, aus der ganzen Welt kommen die Menschen hierher, um sich zu entspannen, ihren Wohlstand zu genießen, Opern zu hören. Alle amüsieren sich. Nur Katharina Wagner kommt nicht zur Ruhe. Dabei ist heute ihr erster freier Vormittag seit Wochen. Sie will über ihr Bayreuth sprechen. Sie will Orte besuchen, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben, an denen sie sich entspannen kann, die ihr sonst irgendwie wichtig sind. Aber wer mit ihr durch die Straßen fährt, spürt: So was ist für sie nicht so einfach zu finden. Wie soll man in dieser Stadt auch frei haben, wenn man heißt wie sie? Man könnte sagen: Wagner fremdelt mit Bayreuth.
„Es gibt hier gar nicht so viele spannende Orte“, sagt sie. Die 32-Jährige kommt am Morgen zum Treffen vor dem Festspielhaus, schwarzes Kostüm, hellbraune Handtasche mit goldenem Louis-Vuitton-Aufdruck. Sie ist zu Fuß gekommen, ihr Haus ist ja auf der anderen Straßenseite. An ihrer Seite ihr Assistent und ein Fotograf, den man Hoffotograf nennen darf, wenn man Katharina Wagner für eine Art Aristokratin hält. Das tun hier in Bayreuth viele.
Am liebsten wäre sie mal wieder zu dem alten Kino gefahren, in dem sie als Jugendliche oft war und das mittlerweile geschlossen ist. Aber ihr Assistent hat den Besitzer nicht ans Telefon bekommen, um nach dem Schlüssel zu fragen. Deshalb geht es als erstes im silbernen Dienst-Audi zu ihrer früheren Schule. Das Auto biegt vom Hohenzollernring ab auf die Wieland-Wagner-Straße. Wieland war Katharinas Onkel. Eine Minute später hält der Wagen vor einem grauen Zweckbau aus Beton, dem Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium Bayreuth. Am Rand des Parkplatzes steht eine Werbetafel mit der Aufschrift „Erleben Sie unser Bayreuth“ und Richard Wagner im Profil. Da soll man nicht irgendwann wahnsinnig werden? Katharina Wagner sagt: „Ich nehme solche Plakate genauso wahr, wie ich Werbung von Entsorgungsunternehmen wahrnehme. Man darf nicht ständig darüber nachdenken, dass man die Urenkelin ist.“
Zum Erholen geht es nach Gran Canaria
Am Rande des Schulhofs steht ein kleiner bräunlicher Pavillon, darin ist die Schultoilette untergebracht. Wagner hat hier früher heimlich geraucht. Aber sonst konnte oder wollte sie sich nie gehen lassen in der Schulzeit. Exzesse oder wilde Partys habe es praktisch nie gegeben, sagt sie, und das ist bis heute so geblieben. Wo sollte sie hier auch feiern? In den Gasthöfen der Innenstadt stehen die Wagner-Fans an der Theke, ihre alte Jugenddisko „Crazy Elephant“ wurde vor Jahren geschlossen. Wenn Katharina Wagner sich mal einen Urlaubsschwips antrinkt oder die Nacht durchtanzt, dann macht sie das auf ihrer Ferieninsel Gran Canaria.
Aufgelehnt hat sie sich offenbar nie, gegen die Enge, gegen die Familie, gegen ihre Bestimmung. Wohl auch deshalb nicht, weil Wolfgang Wagner sie liberal erzog. Vater und Tochter verband bis zuletzt innige Zuneigung. Den Ort, an dem Wolfgang Wagner begraben liegt, kennt nur Katharina Wagner. Er wird wohl irgendwo in Bayreuth sein, aber dorthin möchte sie jetzt nicht fahren. Den intimsten Ort in der Stadt gibt sie nicht preis.
Stattdessen fährt Wagner zum Volksfestplatz an der Friedrich-Ebert-Straße, einem riesigen Asphaltfeld mit Schotter und Reihenhäusern am Rand. Zweimal im Jahr gibt es hier eine Kirmes mit Geisterbahn und Zuckerwatteständen. Mit dem Platz ist es so ähnlich wie mit dem Festspielhaus: Eigentlich ein Freizeitort, aber frei haben hier immer nur die anderen, Katharina Wagner wird ständig von ihrem Job eingeholt. 2013, wenn der Meister zweihundert Jahre alt geworden wäre, will sie hier ein Theaterzelt aufbauen und die Frühwerke des Uropas aufführen: Rienzi, Das Liebesverbot und Die Feen. Selbst leere Schotterplätze haben in dieser Stadt mit Richard Wagner zu tun.
Zwischen Heiligenverehrung und Hexenjagd
Wenn Kirmes ist und Katharina Wagner an den Fahrgeschäften vorbeischlendert, erkennt jeder Bayreuther ihren blonden Schopf schon. Aber die Einheimischen lassen sie in Ruhe. Schwieriger sind die Wagnerianer, die von außerhalb kommen. Sie haben ein zwiespältiges Verhältnis zu ihr. Es schwankt zwischen Heiligenverehrung und Hexenjagd. Als Katharina Wagner mit den „Meistersingern“ ihr Regiedebüt auf dem Grünen Hügel gab, wurde sie nach der Vorstellung auf der Bühne ausgebuht, ein Fan warf ihr ein Sitzkissen an den Kopf. Andererseits verkaufen Souvenirshops Krawatten oder Pralinen mit Katharinenbildern. Manchmal versuchen orthodoxe Wagner-Jünger, die Urenkelin zu berühren, einer hat sie schon mal um eine Haarlocke als Reliquie gebeten. Sie findet das absurd. „Natürlich hat Wagner etwas Sakrales. Aber ich bin normal. Meine ausgebürsteten Haare landen im Mülleimer.“
Aber was heißt schon normal, wenn man als Kind die größten Musiker der Welt zum Kaffeekränzchen oder zum Dinner ein- und ausgehen sieht? Wenn man mit einem Dienstmädchen Schneckenessen oder Hummerzerlegen üben muss? Wagner erzählt davon, als sei das nichts Ungewöhnliches. Natürlich weiß die Regisseurin, dass ihre Sippe Marotten hat, einen Hunde-Fimmel zum Beispiel. Und sie gibt zu, dass sie eine Schwäche für Luxus hat: Sie sammelt Handtaschen. Sie joggt auf dem Laufband im eigenen Fitnessstudio, da kann sie nebenher Youtube-Videos schauen, unter freiem Himmel wird ihr das Laufen schnell langweilig. Vor einigen Wochen drohte sie damit, nicht mehr ans Telefon zu gehen, sollte ihr Assistent ihr nicht das neue iPhone 4 aus den USA besorgen.
Dass das alles eben nicht normal ist, scheint Katharina Wagner gar nicht zu merken, vielleicht will sie es auch nicht. Und es ist ja auch nicht so, dass sie verzärtelt wirkt, im Gegenteil. Es fällt schwer, ihre saloppe Art nicht sympathisch zu finden, oder die tiefe Stimme – ein Taxifahrer soll sie einmal gefragt haben, ob sie Pornofilme synchronisiert. Jetzt sitzt sie auf der Terrasse des „Café del Sol“, der letzten Station der Rundfahrt, und erzählt von dem Ort, wo sie ihre freie Zeit viel lieber verbringt als in Bayreuth: „Wenn ich nicht die Festspielleitung übernommen hätte, würde ich wohl das ganze Jahr über in Berlin wohnen.“ Da wären ihr viel mehr tolle Orte eingefallen, sagt Wagner.
Was sie an der Hauptstadt fasziniert, sind die Abgründe. Sie schwärmt von der morbiden Stimmung in den verfallenden Lungenheilanstalten von Beelitz bei Berlin. In den Fußgängerzonen fotografiert sie skurril angezogene Passanten. Und wenn sie in einer Strandbar im Liegestuhl liegt, will keiner eine Haarlocke von ihr. In Berlin kann Wagner leben – in Bayreuth arbeitet sie. Außerhalb der Festspielzeit setzt sie sich donnerstagabends ab in ihre Berliner Wohnung und kommt montags wieder zurück. Am liebsten fährt sie Autobahn.







Stellenmarkt
Wohnungen
Branchenbuch
Kleinanzeigen
Veranstaltungen
Kinoprogramm










Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich