Konzert in der Zitadelle
Neue Zähne, neues Glück - The Pogues in Berlin
Vor 6000 Besuchern haben The Pogues in der Spandauer Zitadelle ihre berühmten 80er-Hymnen zum Besten gegeben. Doch die alten Gewohnheiten haben die Folkpunk-Veteranen abgelegt. Statt Whiskey fließt Wasser. Und Sänger Shane MacGowan hat sogar neue Zähne.
Von Michael Pilz
Es ist ein Wunder: Alle sind am Leben; alle spielen wieder miteinander. Und wer es geschafft hat, das Mirakel aus der Nähe zu bestaunen, im Gedränge vor der Bühne, sieht, dass Shane MacGowan nicht nur lebt und mitspielt, sondern auch mit neuen Zähnen glänzt. Das früher schadhafte Gebiss ist renoviert, vervollständigt und ausgebessert wie die Zinnen auf der Zitadelle, wo die Pogues nach 17 Jahren wieder in Berlin gastieren. 6000 Besucher haben sich nach Spandau aufgemacht. Und Shane MacGowan, 52 Jahre alt, leicht hinkend und von malerischer Blässe, spricht noch unverständlicher als damals. Als er noch der "Mann der vielen Worte und der wenigen Zähne" war. Man ahnt, dass er sich freut, zurück zu sein. Er lüftet seinen Hut und nuschelt etwas, das sich wie ein aufrichtiges Dankeschön anhört. Dann stimmt er "Streams Of Whiskey" an. Aber dass Schnaps in Strömen fließt, ist heute nur noch Poesie. Hätten die Pogues ihre besungenen Gewohnheiten nicht gründlich abgelegt, stünden sie längst nicht mehr gemeinsam auf der Bühne.
Hymnen für die Achtzigerjahre-Überlebenden
Shane MacGowan war schon in den Achtzigerjahren häufig zu betrunken, um zu musizieren, bei Terminen war er plötzlich unauffindbar. 1990 brach er bei einem Konzert zusammen. Er wurde ersetzt, zunächst von Clash-Sänger Joe Strummer, später vom Flötisten Spider Stacy, der die Gruppe 1996 kurzerhand für aufgelöst erklärte. Shane MacGowan unterhielt inzwischen seine eigene Band, sie hieß The Popes. 2005 fanden die Pogues erneut zusammen, integrierten ihren Hauptdarsteller und sind seither regelmäßig unterwegs. James Fearnley am Akkordeon mag dick und kahl sein, Spider Stacy literweise Wasser trinken und Jem Finer gleichgültig am Banjo zupfen: Es ist schön, dass es die Pogues noch gibt.
Es geht heute gesittet zu bei ihren Auftritten, das ist der Preis. Am frühen Abend, vor acht Uhr, betreten sie bereits die Bühne, um vor zehn Uhr nüchtern wieder zu verschwinden. Die Kulisse ist mit einstürzenden Neubauten bemalt. Gespielt werden "If I Should Fall From Grace With God", "Boys From The Country Hell", "Dirty Old Town" und "Irish Rover", also alle Hymnen, die der Achtzigerjahre-Überlebenden sich wünschen kann. Verzichtet wird auf "Fairytale From New York", aus Rücksicht auf die früh verstorbene, großartige Sängerin Kirsty MacColl, die 1988 an den Aufnahmen beteiligt war. Wenn etwas aus den Neunzigern erklingt wie "Tuesday Morning", das gesungen wird von Spider Stacy, dann um Shane MacGowan eine Kunstpause zu gönnen.
Shane MacGowan – ein Poet wie im Buche
Auch das Publikum verhält sich vorbildlich. Gelegentlich segelt ein halb gefüllter Bierbecher zur Bühne, soviel Nostalgie muss sein. Ein so gesetzter Auftritt hat auch einiges für sich: Man genießt den Folk aus einer Zeit, in der Folk nur beschleunigt und als Punk betrachtet zu ertragen war und nicht so biedermeierlich und ernst wie heute. Und wer Shane MacGowan bloß dafür bewunderte, dass er vor seinem eigenen Körper keine Achtung hatte, hört an diesem regnerischen Sommerabend auf der Zitadelle vielleicht aufmerksamer zu - um zu verstehen, dass er nicht nur von Getränken und von Selbstzerstörung singt.
Es geht, man kann die Texte ja auch nachlesen, um Herkunft und um Heimat. Was einen so umtreibt, wenn die Eltern Iren sind und man als Engländer zur Welt kommt und den Namen einer schottischen Familie trägt wie Shane MacGowan. Er ist ein Poet wie er im Buche steht, bei Brendan Behan etwa oder Roddy Doyle. Er tut den wenigen Leuten, die womöglich immer noch gekommen sind, um zu erleben, wie er seinen Text vergisst oder über die Bühne kriecht, nicht den Gefallen und verwandelt sich in eine tragische Figur zurück. Er raucht, er lächelt, singt und zeigt sein strahlendes Gebiss.
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