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02.08.10

Grüner Hügel

Heldentenor Schmidts geglückter Bayreuth-Abschied

Wolfgang Schmidt sang den Siegfried unglaublich oft, auch den bösen Nibelungen Mime – doch diese Saison soll die letzte des Sängers sein.

AP

Sie haben es geschafft. Richard Wagners Urenkelinnen Katharina und Eva leiten die Bayreuther Festspiele.

27 Bilder

Das blonde Haarteil gehört zu seinem alten Leben. Egal, welche Heldenrolle er gerade zu singen hatte, und egal, wer die Regie führte: Er musste praktisch immer eine Perücke tragen. Wolfgang Schmidt jedoch hat eine Glatze, und auf der Opernbühne sollen Helden keine Glatze haben.

Heute, in seinem neuen Leben, sind die Haarteile längst in irgendwelchen Requisitendepots eingelagert. Auf der Bühne hat Wolfgang Schmidt jetzt meistens einen kahlen Kopf. Auch in Bayreuth, wo er dieses Jahr den bösen Zwerg Mime singt, mit Glatze und grüner Farbe im Gesicht. Schmidt braucht keine Perücken mehr. Weil er keine Helden mehr spielt.

Schmidt: "Ich bin jetzt in der zweiten Reihe"

Bei den Bayreuther Festspielen wird in diesem Jahr eine kleine Ära zu Ende gehen. Der Düsseldorfer Sänger Wolfgang Schmidt, einer der erfolgreichsten Heldentenöre der vergangenen Jahrzehnte, wird sich nach dieser Saison wohl für immer vom Grünen Hügel verabschieden.

Hier war er Tannhäuser und Tristan, vor allem aber war er Siegfried: Kein Sänger hat in Bayreuth diese Rolle so oft gesungen wie Schmidt. Zwischen 1994 und 2004 stand er in 18 Produktionen ("Siegfried" und "Götterdämmerung") als Siegfried auf der Bühne und damit häufiger als Legenden wie Wolfgang Windgassen oder Siegfried Jerusalem. Dies wird nun seine letzte Saison hier. Es gehört zu seinem neuen Job, dass das kaum jemand bemerken wird.

Seit einigen Jahren singt Wolfgang Schmidt die kleineren Partien, kürzere, tiefere. Gesprochen wird jetzt nicht mehr über ihn, sondern über die anderen. Zum Beispiel über den schönen Startenor Jonas Kaufmann, der in Hans Neuenfels’ Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung die Titelrolle singt. Über den jungen Dirigenten Andris Nelsons, der sein Festspieldebüt gibt. Und natürlich, wie in jedem Jahr, über die Wagner-Schwestern und Christian Thielemann, den mächtigsten Mann der Festspiele. Über Zwerge mit grün angemalten Glatzen spricht keiner, solange sie nicht im "Rheingold" aus Versehen in den Orchestergraben fallen.

"Ich bin jetzt eher in der zweiten Reihe", sagt Schmidt. Er sitzt auf einer Bank im Garten der Villa Wahnfried und erzählt von seinem Rollenwechsel, selbstbewusst, fast ein bisschen unbescheiden. Der kahle Kopf ist braun gebrannt vom Cabriofahren, das Gesicht glüht manchmal rot vor Lachen, der Bauch wölbt sich unter einem weißen Polohemd. Er sieht aus, als gehöre er zu den vielen Urlaubern, die an diesem Sonnentag gekommen sind, um sich an Richard Wagners Grabplatte unter blauem Himmel zu fotografieren. Schmidt ist gern hier, er kennt Lokalpolitiker und Museumsleiter, er hat im August Geburtstag, also immer in der Festspielzeit, er feiert jedes Jahr mit den Musikern in der Eremitage. Dieses Jahr wird er 54.

Geld verdienen, nicht mit, aber durch Bayreuth

Es war im Jahr 2003, als Wolfgang Schmidt beschloss, kein Held mehr zu sein. Er hatte sich immer vorgenommen, den Absprung nicht zu verpassen, und nun war es so weit. Die Rezensionen in den Zeitungen waren unfreundlicher geworden, die Anfragen kamen spärlicher. Bühnen, die sich vorher um ihn gerissen hatten, wollten neue Stars. Dazu kam die körperliche Belastung eines Tenors, der in Mammutaufführungen ständig die lautesten und höchsten Töne zu singen hat. "Die Stimme ist ein Muskel. Der hat seine Zeit", sagt Schmidt heute. "Ich habe diese Rollen fast 15 Jahre lang gesungen. Wir werden alle nicht jünger." Ein früherer Intendant von ihm habe immer gesagt, das Sängerdasein sei wie Salamischneiden. Jede Aufführung sei eine Scheibe, und niemand wisse, wie lang die Wurst ist.

Früher war Wolfgang Schmidt das, was Jonas Kaufmann heute ist. Die große Wagner-Hoffnung. Sein Aufstieg, sagt er, sei eng mit Bayreuth verbunden gewesen. Ende der 1980er Jahre suchte Wolfgang Wagner für seinen "Tannhäuser" einen Sänger für die Partie des Walther, eine Nebenrolle. Die Hauptrolle war schon besetzt. Wagner fuhr nach Düsseldorf, um sich eine Opernaufführung mit dem jungen Schmidt anzuhören, und schickte ihn danach zum Vorsingen zu Giuseppe Sinopoli, der damals den Bayreuther "Tannhäuser" dirigierte. Doch Sinopoli lehnte ihn ab: "Wenn Sie die Nebenrolle singen – wer soll dann noch die Hauptrolle singen?"

1992 debütierte dann Wolfgang Schmidt folgerichtig selbst als sündiger Minnesänger Tannhäuser, und unmittelbar danach nahm seine Karriere rasch Fahrt auf. In der Branche gilt die Faustregel: Das Geld verdient man nicht in Bayreuth (weil dort die Gagen vergleichsweise niedrig sind) – sondern durch Bayreuth. Ist man am Hügel erfolgreich, weckt das international Begehrlichkeiten – und Schmidt wurde gefeiert. Er lernte immer mehr Wagner-Rollen und wurde schnell berühmt dafür, auch die sentimentalen Seiten der Helden zum Klingen zu bringen, nicht nur immerzu die wilden und triumphalen. Jahrelang reiste er mit seinen Wagner-Rollen um die Welt, Paris, Salzburg, die Mailänder Scala, die Met in New York, irgendwann gab es keine bedeutende Opernbühne mehr, auf der er noch kein Schwert durch die Luft geschwungen hatte. Das war vielleicht das Problem.

Der Abschied nach dem Abschied

"Sobald man einmal herumgereicht wurde, werden die Angebote spärlicher", sagt Schmidt heute. Sicher: Er hätte auf kleineren Bühnen weiter den Helden spielen können. Aber er wollte in der ersten Liga bleiben. Schmidt entschied sich, das Schwert und die blonde Perücke an den Nagel zu hängen und künftig andere Rollen singen. In der Branche nennt man so etwas vornehm "Charakterwechsel", vom "Heldenfach" zum "Charakterfach". Ein Charaktertenor singt oft die zweideutigen, zerrissenen, gestrandeten Figuren, daher die Bezeichnung. Die berühmtesten Beispiele sind der Herodes aus "Salome", Peter Grimes aus der gleichnamigen Britten-Oper, die Hexe in "Hänsel und Gretel", Loge aus Wagners "Ring" – oder eben der Nibelungenzwerg Mime. Nicht immer, aber oft sind es Nebenrollen.

Früher, als er noch Siegfried war, musste Wolfgang Schmidt in Bayreuth immer den Drachen töten, die schönste Frau der Welt erobern und den Chef der Götter besiegen. Heute lässt er sich von einem Zwergenkollegen am Ohr über die Bühne ziehen und wird vom jüngeren Siegfried-Sänger erschlagen. Und die Gage ist auch noch geringer als früher. Ein Freund von ihm sagt manchmal: "Wolfgang ist als Michael Ballack aus Bayreuth weggegangen und als Innenverteidiger wiedergekommen."

Vor sechs Jahren hatte Schmidt schon einmal Abschied genommen. Damals lief der Flimm-"Ring" aus, er musste in der "Götterdämmerung" immer Buchstaben auf ein Boot malen, und in der allerletzten Vorstellung schrieb er "Tschüss Bayreuth!". Doch als letztes Jahr der Mime im "Ring" von Tankred Dorst absagte, bekam Schmidt nach seinem Fachwechsel noch einmal einen Anruf aus Bayreuth.

"Siegfried"-Aufführungen sind für Schmidt nun kürzer

2009 stand er zum ersten Mal als Zwerg im Festspielhaus auf der Bühne. Es war ein ungewöhnliches Comeback – vor ihm gab es erst einen anderen Tenor, der auch schon einmal beide Rollen bei den Festspielen gesungen hat. Dieses Jahr spielt Schmidt noch einmal den Nibelungen, dann wird der Dorst-"Ring" beendet.

Schmidt singt woanders weiter, nicht nur in der Düsseldorfer Oper, wo er seit 1988 zum Ensemble gehört. Ans Aufhören hat er nie gedacht. "Die neuen Rollen machen mehr Spaß als die Helden", sagt er. "Man ist schauspielerisch mehr gefordert." Außerdem ist die körperliche Belastung nicht mehr ganz so groß, Schmidt kann sich noch mehr als bisher auf die musikalische Gestaltung konzentrieren.

Es gibt wieder mehr als genug Engagements, mit seinem guten Namen musste er nicht wieder bei null anfangen und Klinken putzen. Sein Einkommen hat er "einigermaßen" gehalten, sagt er, und auf den Jubel am Ende einer Vorstellung muss er auch nicht verzichten. Schmidt glaubt, dass vielen Kollegen der Gedanke schwerfällt, nicht mehr die wichtigste Figur des Werkes zu sein, das beherrschende Thema bei den Pausengesprächen und in der Presse. "Viele Tenöre hören eher zu früh auf als zu spät", sagt er. Aber er ist versöhnt mit dem Weg, den seine Karriere genommen hat, seine früheren Arien singt er nicht einmal heimlich unter der Dusche.

Und die ewig langen "Siegfried"-Aufführungen lassen sich jetzt auch ein bisschen entspannter angehen, Schließlich stirbt Schmidt als Zwerg Mime schon im zweiten Akt. Manchmal geht Schmidt in der Pause danach noch kurz in die Garderobe, wo der Siegfried-Sänger auf den dritten Akt wartet. Dann sagt er ihm: "Ich bin einer der wenigen Menschen auf der Welt, die wissen, was dir jetzt noch bevorsteht. Viel Glück – ich trinke schon mal ein Bier für dich mit."

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