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Kriminal-Literatur

Ferdinand von Schirach sät Zweifel am Rechtsstaat

Sein Buch "Verbrechen" wurde zum Bestseller. Jetzt legt der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach einen weiteren Band mit Stories aus seiner Kanzlei nach. "Schuld" heißt die Sammlung mit Krimi-Erzählungen.

Ferdinand von Schirach (Autor) in Venedig
Foto: Reto Klar
Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, wuchs in München auf. Nach seinem Studium ließ er sich 1994 in Berlin als Rechtsanwalt nieder, spezialisiert auf Strafrecht. Von Schirach gilt hier als Promi-Anwalt und vertrat unter anderen Günter Schabowski im so genannten Politbüroprozess. Er machte im Rahmen der Liechtenstein-Affäre auf sich aufmerksam, als er Strafanzeige gegen den Bundesnachrichtendienst erstattete. Im August 2009 veröffentlichte er den Geschichten-Band "Verbrechen", der 45 Wochen in den Spiegel-Bestsellerlisten stand. Dafür wurde er kürzlich mit dem Kleistpreis ausgezeichnet

Unser Vertrauen in das Rechtssystem ist immer dann am größten, wenn wir nichts mit ihm zu tun haben. Entspannt blättern wir im BGB oder im Strafgesetzbuch und bewundern die Umsicht, mit der dort alle erdenklichen Wechselfälle des Lebens berücksichtigt, bewertet und in eine einleuchtende Struktur gebracht werden. Beruhigt nehmen wir die Strafprozessordnung zur Hand mit dem Gefühl, in diesem Kompendium sei die juristische Weisheit von Jahrhunderten versammelt.

Aber wehe, wenn ein konkreter Fall uns beschäftigt, oder wenn wir, was Gott und unsere Besonnenheit verhüten mögen, in einen verwickelt werden. Dann brechen Recht und Rechtsempfinden nicht selten himmelweit auseinander, dann lassen sich die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und die Möglichkeiten irdischer Rechtsprechung fast nie ernsthaft zur Deckung bringen. Mit einem Mal spürt man, was für eine brüchige Institution das Gesetz ist, spürt, dass es kaum mehr sein kann als ein läppischer Regenschirm, mit dem wir uns vor Felsschlag zu schützen versuchen.

Mandanten-Kartei geplündert

Das sind die Erfahrungen, aus denen Ferdinand von Schirach seine „Stories“ gemacht hat. Ein zweiter Band erscheint jetzt unter dem Titel „Schuld“. Der erste Band „Verbrechen“ stand lange auf den Bestsellerlisten, was von Schirach naturgemäß eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit, leider aber auch manche der hierzulande üblichen intellektuellen Vorbehalte gegenüber erfolgreichen Autoren eintrug. Da er ein Strafverteidiger mit renommierter Kanzlei in Berlin ist, hielt man ihm gelegentlich vor, für seine Kurzgeschichten lediglich seine Mandanten-Kartei geplündert zu haben: Sein Talent beschränke sich darauf, kuriose Fälle unterhaltsam nachzuerzählen.

Doch damit sitzt man, so scheint mir, dem literarischen Unterstatement dieser Stories auf. Es sind kleine Meisterwerke darunter von enormer sprachlicher Präzision und Darstellungskraft. Von Schirach prunkt nicht mit seinem erzählerischen Können, sondern stellt es so konsequent in den Dienst des Erzählten, dass es auf den ersten Blick dahinter zu verschwinden scheint. Vor allem aber gehen solche Vorwürfe an dem philosophischen Gehalt seiner Kurzgeschichten vorbei: Von Schirach erzählt sie nicht ihrer Kuriosität halber, sondern weil sie von jenem oft genug unauflöslichen Widerspruch zwischen Recht und Rechtsempfinden zeugen, von der Weisheit und Dummheit der Gesetze und der aussichtslosen Hoffnung, mit ihrer Hilfe so etwas wie Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen.

Haarsträubende Justizskandale

Es scheint so, als wolle von Schirach seine Kritiker in dem neuen Band mit der Nase auf diese Qualitäten seiner Geschichten stoßen. Gleich die erste führt die bittere Logik eines Verfahrens vor Augen, das sich streng an die Verfahrensordnung hält, aber gerade deshalb die Wahrheitsfindung unmöglich macht und eklatant gegen jedes Gerechtigkeitsempfinden verstößt: Auf einem Volksfest wird eine 17-jährige Kellnerin von den Mitgliedern einer Blaskapelle vergewaltigt. Nur einer der Musiker beteiligt sich nicht und informiert anonym die Polizei. Da sie alle für ihren Auftritt verkleidet und geschminkt waren, kann das Opfer keinen der Täter identifizieren. Alle anderen Beweismittel werden durch unglückliche Umstände vernichtet. Also müssen die Anwälte den Verdächtigten raten, sich zur Tat nicht zu äußern, da sie sich sonst selbst belasten könnten. Und da es keine Zeugen gibt, bleibt dem Ermittlungsrichter nichts anderes übrig, als alle Verdächtigen freizulassen.

Keinem Krimi-Autor würde man einen solchen Fall abkaufen, zu viele Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle sind für ihn nötig. Doch dieser hier stammt, das macht die Geschichte eindeutig klar, aus Schirachs anwaltlicher Berufspraxis. Die Tatsache, dass die Erzählung zumindest in ihren wesentlichen Zügen authentisch ist (ein ansonsten eher unliterarisches Kriterium), wird damit zu einem besonderen Faktor dieser Geschichte: Die vorgeführten Unzulänglichkeiten der Rechtsprechung entspringen eben nicht der Fantasie des Autors, sondern dem Alltag und sind damit für jedes Gerechtigkeitsempfinden ein unaufhebbarer Skandal.

Kurz: Die Stories von Schirach haben im Kern etwas Kleistisches. Sie erzählen von der gebrechlichen Einrichtung unserer Rechts-Welt. Auch Kleist hat seine große Justiz-Novelle „Michael Kohlhaas“ einem authentischen historischen Vorbild, dem Schicksal des Berliners Hans Kohlhase, nachgestaltet und machte so klar, dass es ihm keineswegs um ein literarisches Denkmodell, sondern um ein nur allzu reales Dilemma ging. Von Schirach ist sich dieser literaturgeschichtlichen Verwandtschaft offenkundig bewusst: In einer seiner neuen Geschichten lässt er ein Paar, das sich gemeinsam aus großem Elend rettete, aber dann doch von jahrzehntealter Schuld eingeholt wird, in einer Senke am Wannsee Selbstmord begehen, wie seinerzeit Kleist und Henriette Vogel.

Schirachs Vorbild ist Hemingway

Das wichtigste stilistische Vorbild von Schirach ist jedoch nicht Kleist, sondern Hemingway. Wie der amerikanische Großmeister der Short-Story liebt von Schirach die klaren, schnörkellosen und scheinbar nüchternen Hauptsätze. Er reiht sie hintereinander wie Blöcke, wuchtig und faktenschwer. Sie lesen sich, als würde man den Schritten eines Unheils lauschen, das unaufhaltsam vorwärts drängt. Daneben aber hat er einen fabelhaften Sinn für Details, die er wie im Vorbeigehen nur knapp benennt. Sie verleihen seinen Geschichten eine großartige atmosphärische Dichte. Dahinter steht eine bewundernswerte kompositorische Sicherheit und sprachliche Disziplin dieses Autors. Wie von einem verhängnisvollen Sog werden die Figuren immer tiefer in ihre Lebens-Katastrophen hineingezogen.

Der neue Band trägt den Titel „Schuld“ nicht aus Zufall. Die Frage, was Schuld ist, wie sie entsteht, ob und wie sie gebüßt werden kann, wird in den Geschichten in ihren verschiedenen Facetten durchgespielt. Die Mitglieder jener Blaskapelle zum Beispiel, die die junge Kellnerin vergewaltigen, waren vor und nach der Tat unauffällige gesetzestreue Bürger. Gerieten sie also während des Volksfests unter den fatalen Einfluss von Alkohol und Hitze in eine schwer steuerbare Situation? Inwieweit hätte das ihre Schuld vor Gericht, wenn es zu einem Verfahren gekommen wäre, gemindert? Doch hätte das wiederum ihr Opfer trösten können?

Und was ist mit der Schuld der Anwälte, die mit ihrem Verfahrens-Trick einen Prozess verhinderten und so acht Täter straflos davonkommen ließen? Gleich in mehreren Beispielen führt von Schirach in seinem neuen Buch vor, wie durch juristische Verfahrensweisen Schuld erst hervorgebracht und einer Person zugeschrieben, oder aber wie sie durch ein paar Federstriche angeblich zum Verschwinden gebracht wird.

Von Schirach ist ein Erzähler von beachtlichem Format. Neben Judith Hermann und Ingo Schulze hat er einige der eindrucksvollsten deutschen Kurzgeschichten der letzten Jahre geschrieben.

Das Buch Ferdinand von Schirach: Schuld. Piper Verlag, 208 S., 17,95 Euro.

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