Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
30.07.10

Berliner Ensemble

Hochhuth-Musical setzt auf Klamauk

Rolf Hochhuths "Inselkomödie" wurde bereits 1974 uraufgeführt. Nun gab es das Stück als Musical-Fassung - und mit dem 106-Jährigen Johannes Heesters im Berliner Ensemble. Leider werden die Pointen des Stücks im Tempo erstickt.

An den Türen sollst du eine gute Komödie erkennen. Schwingtüren sorgen fürs Tempo im Verwechslungsspiel. Die Eingangstür in die Gaststube des Inselgriechen Konstantinos dagegen lässt Bühnenbildner Lutz Brand nur nach innen öffnen. Das ist bei Kneipen, wo der Gastwirt mit einem Fußtritt unerwünschte Gäste nach draußen befördern kann, von jeher unüblich und sorgt in Rolf Hochhuths "Inselkomödie" für wiederkehrende Ungeschicklichkeiten der Wegeilenden.

Das ist tragisch, denn das Komödiantische lebt von der Unberechenbarkeit, nicht vom Vorhersehbaren. Das gilt selbst für Running-Gags durch Kneipentüren.

In diesem von Heiko Stang inszenierten Sommerspaß ist leider zu vieles Vorhersagbar. Ansonsten befindet sich auf der Bühne im Theater am Schiffbauerdamm linkerhand der Tresen, natürlich für den Ouzo, und in der Mitte die Operetten-typische Aufgangstreppe. Hier haben normalerweise die Glamourstars der Produktion – unter Jubel – mit großer Geste zu erscheinen.

Diesmal aber sitzt der eigentliche Star zerbrechlich in sich zusammen gekauert auf einem Sessel in Bühnenmitte und hält einfach nur Monologe. Wenn Johannes Heesters spricht, dann sind es die wenigen Momente des Innehaltens, der Zeitlosigkeit und des Mitfühlens. Der 106-Jährige ist der König – auch im Stück, in dem es diese Rolle eigentlich gar nicht gibt, aber sein Herrscher-Bildnis die ganze Zeit über mahnend im Bühnenhintergrund hängt. Heesters hat jenseits dieses sexistisch aufgedrehten Hin und Her seine eigene Rolle gefunden, die des Zeitzeugen eines Jahrhunderts voller Gewalt. Er rezitiert nicht nur Hochhuth, sondern auch "Traurige Zeiten" des 1907 verstorbenen, flämischen Dichters Gentil Theodoor Antheunis. Es geht um Familienverluste in Zeiten, "wenn der Krieg wütet".

Beiläufig kann das Publikum vom alten Mimen lernen, wie die Sprache einst bis aufs letzte Komma hinter einem Gedanken ausgelotet wurde. Eine Tiefe, die ansonsten in dieser Inszenierung vernachlässigt wird – die jungen Akteure machen sich Hochhuths Aphorismen ungern zu eigen, selten werden auf der Bühne so viele Pointen im Tempo erstickt. Heesters bleibt des Dramatikers bester Mann im neuen Musical, auch, weil wenigstens er glaubhaft daran erinnert, dass Hochhuths "Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato" zuerst pazifistische Ansprüche hat.

Die Musical-Handlung ist schnell erzählt: Ein unbekanntes griechisches Eiland soll von der Nato übernommen werden, um den USA einen Raketenstützpunkt zu ermöglichen. Die Bauern wollen ihr Land verkaufen, die Ehefrauen das verhindern. Denn eigentlich herrscht Trauer auf der Insel, nachdem zwei Kinder von einer Panzerkette erschlagen wurden. Nach Aristophanes’ Vorbild der Lysistrata verweigern sich die Ehefrauen ihren Männern, ja, sie werden aufgefordert, mit den Soldaten fremdzugehen, um das atomare Unheil von der Insel abzuwenden.

Jedes große Kunstwerk versteht sich als die letzte Botschaft vor dem Weltuntergang. Hochhuths "Inselkomödie" erschien bereits 1974, die Botschaft ist zweifellos etwas in die Jahre gekommen. Auch wenn der große Mann des Dokumentartheaters weiterhin bis ins Programmheft hinein wettert und mahnt: "Wir Westeuropäer, seit bald 70 Jahren geschichtslos vor uns hin dämmernd, haben total vergessen, dass die Nato in genau dem Maße an Bedrohung für uns zunimmt, wie sie den Russen – entgegen den Versprechen Kohls an Gorbatschow! – stillschweigend um 1000 Kilometer näher auf den Leib gerückt ist…" Und schließlich hofft der Autor: "Sollte ein Musical nur dazu gut sein, überhaupt noch an diese Gefahr zu erinnern – hätte es seinen Zweck erfüllt."

Aber Heiko Stang, der kurzfristig als Regisseur eingesprungen war, misstraut der politischen Botschaft ebenso wie zweifelnden Seelen. Der Berliner Musicaldarsteller, Jahrgang 1963, groß geworden mit halbnackten Bondgirls und "Tutti frutti"-TV-Fantasien, setzt lieber auf die pralle Weiblichkeit. Stang will gewissermaßen "Fünf Engel für Hochhuth" auf die Bühne bringen, einen Auflauf der selbstbewussten Models.

Caroline Beil ist als Abgeordnete Lystistrate eine beeindruckende Sing-Amazone, voller Stärke und kühlem Charme. Ihr zur Seite Andreas Goebel als uneinsichtiger, aber entflammbarer Oberst Manussis. Isabel Dörfler (Kellnerin) und Jan-Andreas Kemna (Kellner) gehen enthemmter zur Sache. Michael Marwitz verkörpert überraschend sensibel den bigotten Minister. Der Berliner "Lindenstraßen"-TV-Gastwirt Kostas Papanastasiou spielt, na was wohl, den Gastwirt Konstantinos – und dass mit etwas melancholischer Geste. Er sagt Sätze wie "Bäuche trauern nicht".

Die Inszenierung kollidiert mit Hochhuths Wortspielereien. Oberflächlichkeiten kontra Tiefsinn. Ein Beispiel: Ein Ehepaar beschimpft sich aufs derbste wegen der Fremdgeherei. Und was sagt schließlich das schicke Luder? "Widersprechen führt zu Widersprüchen." Solche Sätze machen sprachlos. Insofern hat das Musical seine ganz eigene Friedensbotschaft.

Das neue Musical steht in einer guten Berliner Tradition, bereits 1902 hatte Paul Lincke seine ambitionierte "Lysistrata" auf die Operettenbühnen gebracht. Mit preußischem Offizierslametta und knackigen Sprüchen. Und das "Glühwürmchen-Idyll" haben wir bis heute im Ohr.

Evergreens liegen dem Komponisten Florian Fries nicht in der Feder. Seine schmissigen, leichtgewichtigen Schlager leben bereits im Gestern, irgendwo in den Siebzigern. Dass er sich selbst als "Gebrauchsmusiker" bezeichnet, hätte Hochhuth stutzig machen müssen. Seine Komödie hätte jemanden benötigt, der ihm verspricht, Schönbergs Zwölftontechnik mit Bernsteins Feeling in die urbane Zerrissenheit zu transportieren. Sprich: einen genialen Hochstapler. Heesters’ Klavierbegleiter Fries dagegen will der Florian Silbereisen unter den Musicalkomponisten sein, immer fröhlich, ein wenig frech und möglichst ohne Dissonanzen.

Am Ende, nach drei Stunden, gab es Jubel. Und stehende Ovationen für Heesters. Hochhuth kam nicht auf die Bühne.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote