Algorithmen
Endlich erkennt der Computer – Du bist Shakespeare
Auf der Website "I write like" können Autoren ihr Stil beurteilen lassen. Und sind auf einmal Nabokov oder Poe.
Von Wieland Freund
Das zumindest behauptet der in Montenegro lebende Russe Dmitry Chestnykh. Mit seinem Algorithmus könne sie bald wie Stephen King (Foto) schreiben, bescheinigte Chestnykhs Programm keiner Geringeren als der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood.
Wie die Evolutionstheorie hält der Algorithmus jede Menge Kränkungen bereit. Jedes Jahr, klagte Gary Shteyngart neulich, verliere er wissenschaftlichen Schätzungen zufolge sechs bis acht Prozent seiner Menschlichkeit. Bis 2020 werde die Operationalisierung so weit gediehen sein, dass man ihn vollständig berechnen könne wie das Drehmoment eines Audi. Gary Shteyngart, muss man wissen, ist Schriftsteller – an der Unberechenbarkeit seiner Kunst ist ihm also ebenso gelegen wie an seiner Originalität. Dass seine kulturkritische Klage im Stil Vladmir Nabokovs verfasst ist, wird er also, so schmeichelhaft das sein mag, nicht gerne hören. Doch genau das kommt heraus, wenn man Shteyngarts Text bei "I write like" analysieren lässt: Shteyngart schreibt gar nicht wie Shteyngart.
Die Website "I write like", erreichbar unter iwl.me, ist unter englischsprachigen Intellektuellen das derzeit vielleicht angesagteste Spielzeug im Netz. Erfunden hat es ein in Montenegro ansässiger 27 Jahre alter Russe namens Dmitry Chestnykh, der in schönster Google-Manier ("Don’t be evil") behauptet, Usern so zu einem besserem Stil verhelfen zu wollen. Chestnykh hat einen Algorithmus entwickelt, der so ähnlich wie ein Spam-Filter funktioniert: Man muss bloß ein paar englischsprachige Sätze in ein Textfeld kopieren, auf "Analysieren" klicken, und schon hat man es Schwarz auf Weiß: "Sie schreiben wie William Shakespeare." Im Idealfall.
Wenn Lady Gaga wie ein Klassiker klingt
"I write like" ist seit zehn Tagen online, hat aber nur fünf Tage gebraucht, um die Hunderttausend-Besucher-Marke zu knacken, und ist mittlerweile zu einem der Lieblingsthemen von Bloggern und Twitterern avanciert. So zwitscherte die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood vor ein paar Tagen, dass sie, "I write like" zufolge, wie Stephen King schreiben würde. Andere wiederum brachten mit Chestnykhs Hilfe heraus, dass der notorische Mel Gibson im Stil Margaret Atwoods die Fassung verliert. Selten wurde die These, dass jedes Sprechen auf Poesie beruht, hemdsärmeliger umgesetzt.
Shteyngart, der unfreiwillige Nabokov-Epigone, darf also aufatmen: Noch ist "I write like" in seiner Unvollkommenheit ein Spaß. Chestnykh, für den Englisch Fremdsprache ist, hat seinem Algorithmus nämlich erst jeweils drei Werke von einem halben Hundert Schriftsteller einverleiben können. Herman Melville etwa fehlt, wie Margaret Atwood klingt deshalb auch er wie Stephen King. Doch immerhin: Shakespeare klingt nach Shakespeare – wie übrigens überraschenderweise auch der Lady-Gaga-Song "Alejandro".
Wenigstens dem Nicht-Schriftsteller also schmiert "I write like" gleich töpfeweise Honig ums Maul, denn schlimmer als "Sie schreiben wie Dan Brown" kann es nicht kommen. Barack Obama darf sich jetzt rühmen, wie Amerikas Hyperintellektueller David Foster Wallace zu klingen. Und sollten Sie sich fragen, woran Sie dieser Text erinnert: Er ist im Stil des großen Klaustrophobikers Edgar Allen Poe verfasst.
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