18.07.10

Karate-Kid-Remake

Jackie Chan macht dem Dalai Lama Konkurrenz

In "Karate Kid 2010" zeigt Kampf-Künstler Jackie Chan, wie man mit meditativer Ruhe und waghalsigen Kung-Fu-Tricks zum Jugend-Idol wird.

Quelle: reuters
20.07.10 2:06 min.
Der neue Film mit Kung-Fu-Altmeister Jackie Chan sorgt auch in Deutschland für Aufsehen. In Berlin präsentierten Will Smith, sein Frau und ihr Sohn Jaden zusammen mit Jackie

Als 1984 der Film "Karate Kid" ins Kino kam, gab's in Deutschland im Prinzip nur zwei Arten von Jungs: Die, die Fußball spielten, und die, die keinen Fußball spielten. Die Fußballer trafen sich nach der Schule auf dem Bolzplatz und übten die Bananenflanken von Manni Kaltz, danach tranken sie kalte Fanta mit den Mädchen, die ihnen bei den Bananenflanken zugeguckt hatten. Denen, die keinen Fußball spielten, blieb eigentlich nur die kalte Fanta und vielleicht noch das Heft "Yps mit Gimmick", es kostete damals 2 Mark 50.

Die Nichtfußballer waren Außenseiter, Freaks, Versprengte – so lange, bis sie in "Karate Kid" gesehen hatten, wie der sonst dreimal täglich verprügelte Schwächling Daniel LaRusso, gespielt von dem Milchgesicht Ralph Macchio, vom alten japanischen Karatemeister Mister Miyagi in Kampfkunst und Meditation unterwiesen wurde.

Miyagi, eine Art Jedi-Ritter wie Yoda aus "Krieg der Sterne", ließ LaRusso wochenlang Autos waschen und Zäune streichen und sprach Sätze wie "Gewinnen, verlieren, das egal, für dich nur wichtig guten Kampf machen, dann alle dich respektieren und keiner mehr Ärger machen". Das gab den Versprengten Hoffnung. Überall auf der Welt traten sie in Karateschulen ein, um einen Ziehvater wie Mr. Miyagi zu finden, der ihnen das Leben erklärte und die Peiniger besiegen half.

Weil der Film so ein Millionenerfolg war und es heute noch Millionen mittelalte ehemaliger Nichtfußballer gibt, die nach ein paar Wodka-Tonics LaRussos berühmten Kranich-Kick aufführen (auf einem Bein stehen, Arme überm Kopf ausstrecken, Handgelenke abwinkeln, Augen zu, konzentrieren, dann mit dem noch stehenden Bein in die Luft kicken, Richtung Himmel, Sonne, Gegnerkinn) kommt nun das Remake in die Kinos.

Es ist eine Art Familienproduktion geworden: Will Smith und seine Frau Jada Pinkett-Smith haben produziert, die Hauptrolle spielt ihr Sohn Jaden, und dass er erst elf ist, merkt man ihm kaum an, denn: Er trägt erstens eine Afrozopf-Frisur wie ein Rapper der Gruppe Wu Tang Clan (ebenfalls Kampfkünstler, sie beziehen sich auf den Kult der Shaolin-Mönche), zweitens hat er Bauchmuskeln, die fast so eisenhart sind wie die von Rocky Balboa in seiner besten Phase ("Rocky I-II") und vor allem er guckt in fast jeder Einstellung genauso skeptisch wie sein Vater in zum Beispiel "Ali" oder "I am Legend".

Das passt aber trotzdem ganz gut, denn "Karate Kid" ist ein Entwicklungsfilm, und zu jeder Entwicklung gehören Schmerzen, bevor's zur Weisheit oder Erlösung kommt und du dir das Mädchen abholen darfst, so läuft das Spiel. Irritierend ist allerdings, dass der Film "Karate Kid" heißt und nicht "Kung Fu Kid", denn die Handlung, früher in Amerika, wurde nach China verlegt, Peking, und dort lernt Jaden, im Film heißt er Dre, nicht Karate bei einem japanischen Karatelehrer, sondern Kung-Fu bei einem chinesischen Kung-Fu-Lehrer, um sich gegen seine Widersacher durchzusetzen, eine Gang kleiner böser Schulhof-Prügelchinesen.

Jaden Smith, der in Fernsehinterviews schon Schauspieltipps gibt ("Du musst die Rolle sein, nicht spielen, Mann!") und so auftritt wie eine Hollywood-Legende, die schon Kokainentzüge und einige gescheiterte Ehen hinter sich hat, erklärte in der "David Letterman Show" diese verwirrende Tatsache damit, dass man den ursprünglichen Karate-Kid-Erfinder Robert Kamen dadurch hätte ehren wollen.

Auch mit dieser Argumentation beweist Jaden Smith sein Schauspiel- und Lügentalent, denn wahrscheinlicher ist, dass die Produzenten an den Irrsinnserfolg des Originals andocken wollten und bloß Angst hatten, dass "Kung Fu Kid" wie eine chinesische B-Movie-Adaption geklungen hätte, die erst als Raub-DVD für sechs Renminbi (knapp ein Dollar) bekannt geworden wäre, wenn überhaupt.

Trotzdem ist der Film besser geworden als das durchschnittliche Remake: Kameramann Roger Pratt findet schöne Bilder, als Dre und seine alleinerziehende Mutter (nervt in der deutschen Synchronisation leider sehr) von der Ruinenstadt Detroit nach Peking umziehen, weil nur dort die Autoindustrie noch eine Chance hat. Wir sehen das neue China mit seinem Herzog&DeMeuron-Olympiastadion und OMAs CCTV-Tower genauso wie das alte mit seinen Gassen und der Verbotenen Stadt.

Magisch ist eine Szene in den Wudang-Bergen im Süden Chinas, in der eine Kung-Fu-Schülerin eine Kobra hypnotisiert; sie ist praktisch die mythologische Entsprechung des Kranich-Kicks im Original. Selbst die Kobra aber, ein Prachtexemplar, ist nichts gegen den eigentlichen Star des Films: Das Kampfkunst-Genie Jackie Chan ("Der Mann mit der Todeskralle", "Rumble in the Bronx", "Shanghai Noon") in der Rolle des Mister Han, eines einsamen Hausmeisters, der Dres Kung-Fu-Lehrer und Mentor wird so wie einst Mr Miyagi.

Chan, Akrobat, Stuntman, Komödiant und praktisch der einzige Mensch der Welt, der wirklich fliegen kann, füllt die Rolle des weisen Alten noch besser aus als damals Pat Norita, der Schauspieler des Original-Miyagi. Er ist der komplettere Kämpfer, Norita hätte keine Chance gegen ihn. Dazu scheint Chan vor dem Dreh viel Dustin Hoffman geguckt zu haben: Wie Chan mit gekrümmtem Gang, verlorenem Blick und stets etwas betäubt in seinem Blaumann durch Peking tippelt, erinnert an Hoffmans Rollen in "Rain Man" oder "Asphalt Cowboy".

Und wenn Mister Han seine Gegner mit ihren eigenen Ärmeln zu Pullover-Paketen verknäult oder Dre seine Jacke hundertmal an- und wieder ausziehen lässt, um ihm Demut und Konzentration beizubringen, ist er dem Dalai Lama viel näher als Mao Tse-tung; eher warm als kalt also, eher prä- als postkulturrevolutionär. Wenn schon China, dann so.

Gut möglich, dass sich nach "Karate Kid 2010" wieder viele Nichtsportler in den Kung-Fu-Schulen dieser Welt anmelden, diesmal, um zu werden wie Jackie Chan. Sie sollten allerdings vorsichtig sein. Chan hat sich jeden Knochen in seinem Körper schon mindestens fünfmal gebrochen. Mindestens.

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