11.07.10

"Barbier von Sevilla"

Ensemble der Deutschen Oper rast durch Istanbul

Fast wäre das Gastspiel der Deutschen Oper im Regen von Istanbul untergegangen. Am Montag entern die Berliner nun aber doch eine Ausweichbühne.

Wenn Tränen das Blut der Seele sind, dann waren sie den Berliner Opernleuten zugestanden. Während draußen im Open-air-Stadion das Istanbuler Publikum vor heftigem Regen floh, flossen hinter den Kulissen leise Kullertränchen, dort, wo sich ratlose Mitarbeiter nach dem Abbruch der Vorstellung zusammen gefunden hatten. Was für ein Fiasko: Knapp 180 Mitstreiter der Deutschen Oper Berlin waren mit großem Gepäck an den Bosporus gereist, um in der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 an zwei Abenden Rossinis "Barbier von Sevilla" im Cemil Topuzlu Open-Air Theatre aufzuführen. Es sollte eigentlich ein Saisonfinale mit Sonne im Herzen werden.

Regisseurin Katharina Thalbach nahm selbst die Einrichtung ihrer Berliner Produktion vor, es gab Probleme über Probleme. Der grüne Traktor nebst Hänger fand kaum Platz auf der engen Bühne. Die akustischen Bedingungen in der 4500-Plätze-Arena trieben die Sänger an die Grenzen, die achtlos aufgestellten, ratternden Stromgeneratoren konkurrierten in der Generalprobe mühelos mit dem Orchester. Die Beleuchtungsprobe dauerte bis in die Morgenstunden hinein. Schließlich begann die erste Vorstellung – und musste bereits nach fünfzehn Minuten unterbrochen werden. Nach bangen Regen-Minuten ließ die türkische Festivalleiterin Yekta Kara die Open-air-Vorstellung und wegen Unwetterwarnung auch die am nächsten Tag absagen. Beschwichtigend lud sie das restliche Publikum für den nächsten Abend in irgendeine Kongresshalle ein. Das zog relaxt von dannen, zurück blieb eine Operncrew, die nicht wusste, was am nächsten Tag passieren würde.

Die Oper lebt auch vom Chaos

Das scheußliche Gerücht einer konzertanten Aufführung, bei der doch nur Sänger und Orchester gebraucht würden, kursierte. Verständlicherweise konnte das auch Geschäftsführer Axel Baisch nicht entkräften. Intendantin Kirsten Harms sagte dazu gar nichts, sie hatte sich kurz vor der Vorstellung per Fax entschuldigt, dass sie nicht kommen könne, weil sie gerade beim Puccini-Festival in Torre del Lago inszeniere und sich dort ihre Probenpläne kurzfristig geändert hätten. Beiläufig war also beim Gastspiel zu erfahren, dass sich die Deutsche Oper wieder einmal in einer riskanten Übergangsphase befindet. Die alte Leitung lässt mit dem Herzen langsam los, die neue kann noch nicht zupacken.

Es gab einiges zu lernen bei diesem Gastspiel. Zum Beispiel über Klischees. Demnach sind die deutschen Opernmacher zuverlässig, aber unflexibel. Bei den türkischen Mitarbeitern soll es genau umgekehrt sein. Die Klischees haben sich bestätigt und zugleich, wie der nächste Tag zeigen sollte, so ganz und gar nicht.

Yekta Kara, die Leiterin des 1. Internationalen Opernfestivals Istanbul, meinte im Gespräch am Rande, dass sie am liebsten deutsche Opernleute einlade, weil man sich so wunderbar auf sie verlassen könne. In anderen Ländern ginge es viel chaotischer zu. Die Opernregisseurin Kara kennt sich in Deutschland bestens aus. Sie hat in München studiert und bezeichnet sich selbst stolz als letzte Schülerin des Regie-Intendanten Günther Rennert. In Istanbul war sie lange Jahre Opernintendantin und ist heute Chefregisseurin aller sechs türkischen Opernhäuser, die zentral von einem Generalintendanten in der Hauptstadt Ankara geleitet werden. Lähmende Bürokratie gibt es auch im türkischen Opernbetrieb.

Frau Kara schwört auf das deutsche Regietheater, das sich aber in der Türkei erst noch durchsetzen müsse. Bislang seien die Regisseure von der italienischen Schule beeinflusst. Darüber hinaus schwört sie auf die Deutsche Oper Berlin, auf die Glanzzeiten von Götz Friedrich. Dass sie mit Kirsten Harms gut reden könne, gibt sie augenzwinkernd zu, wäre doch verständlich: Schließlich seien sie beide Frauen, beide Regisseurinnen – und auch sie sei einmal Intendantin eines Hauses gewesen. Demnächst wolle sie mit Frau Harms darüber reden, ob sie nicht im nächsten Sommer beim zweiten Opernfestival in Istanbul ihren Abschied als Intendantin feiern wolle.

Um 22 Uhr beginnt die Vorstellung

Frau Kara ist eine beachtliche Krisenmanagerin. Da die Istanbuler Oper seit zwei Jahren wegen Sanierung geschlossen ist, fuhren die Opernmacher am nächsten Morgen quer durch die Stadt, um sich die Halic Congre Merkezi, malerisch am Goldenen Horn gelegen, anzuschauen. Im leeren Saal, auf leerer Bühne kehrte langsam wieder das Lächeln in manch müde Augen zurück. Krisen bergen immer auch Chancen: Aber was ist in zehn Stunden, bis das Publikum eingelassen wird, auf unbekannter Bühne real machbar? Es ist schon merkwürdig zu beobachten, wie sich der Opernbetrieb in Männer- und Frauenwelten aufteilt. Die spontanen Planungsgespräche fanden in zwei Grüppchen statt. In der einen sammelten sich die Damen, um über mögliche Requisiten und variable Szenenabläufe zu reden. Der Männerbund rechnete derweil Bodenbelastungen durch, und ob der Bühnenanhänger (3 Meter ohne Räder) überhaupt durch den Bühneneingang passt. Wohin mit Traktor und Oldtimer auf der schmalen Konzertbühne? Dann wurden logistische Varianten des Transports quer durch die Stadt besprochen. Alles schien möglich und zugleich unmöglich. Die türkische Bühnencrew gab sich ausgesprochen cool. Kurz: Es war das Schlimmste zu befürchten.

Die 15-Millionen-Metropole Istanbul hat das Opernpublikum, von dem mitteleuropäische Hauptstädte träumen. Es waren überwiegend junge (und fröhliche) Leute, die sich am Abend im Kongresszentrum einfanden. Geschätztes Durchschnittsalter: 30 bis 35. Und dabei gilt die Oper durchaus als etwas Elitäres.

Insgesamt 2700 Neugierige haben kurzfristig den Weg ins Ausweichquartier gefunden. In Istanbul läuft viel über Radiowerbung, heißt es. Brav wartete das Massenpublikum im Foyer und tauschte die alten Eintrittskarten um. Die neuen wurden der Reihe nach von einem Kartenblock herunter gerissen. Schlechtere Plätze erwischt? Keiner murrte. Aber die Zeit verging. An den Buffets gab es Hamburger mit Lammfleisch und türkischen Wein. Kurz vor 22 Uhr begann schließlich die Vorstellung.

Und was war zu erleben? Die Deutsche Oper hatte sich in nur wenigen Stunden die neue Bühne erobert. Ein wunderbar gestimmtes Orchester und sprühende Sänger waren zu erleben. Das Szenische – gut, das ein oder andere Accessoire hatte es nicht mehr auf die Bühne geschafft – fand höchst aufmerksame Zuschauer. Am Ende, lange nach Mitternacht, gab es Ovationen. Am leidenschaftlichsten wird die gute alte Oper im künstlerischen Chaos. Das gilt wohl immer und überall.

Die Reportage erfolgte auf Einladung der Deutschen Oper Berlin.

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