O2 World
Rod Stewart - Ein Sportsmann hat Spaß in Berlin
Rod Stewart war in der O2 World. Tausende Berliner erlebten einen Abend voller Humor, Herzenswärme und Partystimmung. Da war es unwichtig, dass nicht die hohe Kunst der Rockmusik zu hören war.
Von Michael Pilz
Er erscheint nicht, er tritt auch nicht auf. Rod Stewart kommt herein. Und die O2 World scheint zu einer Tanzdiele zu schrumpfen. Weg mit dem Theatervorhang, auf dem brüllend grün sein Name prangt über dem rosafar-benen Liebeszug, dem "Love Train"; fort mit der Krawatte und dem goldenen Sakko: Ohne weitere Umstände macht sich Rod Stewart an die Arbeit. Während er vom "Love Train" singt, zeigt er auf seinem Bühnenbildschirm, wie die Menschen sich in Tokio in die überfüllten Zügen pressen. Die Liebe in Zeiten des Nahverkehrs, Gelächter im Gestühl. Wo Opa Rod die alten Lieder vorträgt, bleibt kein Auge trocken.
Niemand, jedenfalls kein Popstar seines Schlages, lebt und musiziert so ungeniert. Rod Stewart hat sich seinen Ruf beizeiten ruiniert. Nicht nur durch "Sailing" (heute als Lied 20 auf der Liste), eine Schnulze, die empfindsame Gemüter seit Jahrzehnten foltert. Snobs einer verbürgerlichten Rockkultur waren entsetzt über Britt Ekland, Rachel Hunter, Penny Lancaster, über die form-vollendeten Blondinen, die Rod Stewart noch mit 65 wechselweise bei sich trägt. Seine Maxime unterstrich er 1977 durch den Song "Hot Legs" (Lied 18). Als ihn Frauenrechtler dafür in die Mangel nahmen, lachte er sein rauhes Lachen und nannte das folgende Album "Blondes Have More Fun". Dann ging er einen trinken. Oder Fußball spielen.
In Vergessenheit geriet darüber, dass Rod Stewart vor seiner Karriere als vom Volk verehrter Kratzehals und anzüglicher Mehrzweckhallen-Sänger eine Reihe unglaublicher Platten hinterlassen hatte. Heute darf man sich als Fürsprecher Rod Stewarts fast schon in der Außenseiterrolle sonnen. Wie der Romancier Nick Hornby schreibt: "Man kann es sich kaum noch vorstellen, aber 1973 Rod Stewart zu mögen war so ziemlich dasselbe wie 1994 Oasis oder 1989 die Stone Roses - mit anderen Worten, es machte einen nicht zum coolsten Jungen der Klasse, aber es war bestimmt nichts, dessen man sich schämen musste."
In Berlin sind 7500 Besucher unter sich. Rod Stewart singt "Some Guys Have All The Luck", und damit wäre alles zu seiner Person gesagt - zum Glück des kleinen Mannes, der bescheiden schweigt über die Arbeit, die ihn dieses Glück gekostet hat. Geboren im trüben Londoner Highgate als Sohn eines schottischen Klempners und einer englischen Hausfrau, brach er die Kunstschule ab, verdingte sich als Schildermaler, Totengräber, Fußballspieler und versenkte alle Einkünften in Plattenläden. 21 war er, als der Gitarrist Jeff Beck ihn in ein Studio holte. Wer am weißen, spitznasigen Bluessänger Rod Stewart zweifelt, sollte dessen Alben mit Jeff Beck anhören, dann seine fünf Soloplatten bis September 1973, anschließend die Aufnahmen der Band The Faces, die er aus den Überresten der Small Faces mit dem Kneipenfreund Ron Wood im Suff ins Leben rief. Wer kann ihn da für einen einfältigen, großspurigen, überschätzten Schreihals halten?
Er hat sicher sein Talent verschwendet. Aber man darf alles, was Rod Stewart in den letzten 35 Jahren angekreidet wurde, auch als große Unterhaltung feiern. Seine Band berücksichtigt die Frauenquote und das Beute-schema ihres Chefs. Sechs Damen, darunter zwei blonde Bläserinnen, die ihn überragen, stehen sieben unauffälligen Musikanten gegenüber. Er vollführt mit Fußbällen gekonnte Dribblings auf der Bühne und schlägt Flanken auf die Köpfe seiner Gäste. Er zeigt Fotos, wie Prince Charles ihn, "den Sohn eines Installateurs", zum Ritter schlägt. Er singt "You’re In My Heart" für Celtic Glagow, "Maggie Mae" für Menschen mit vernünftigen Platten im Regal und "Havin’ A Party" für einen gelungenen Abend.
Noch einmal der Schriftsteller Nick Hornby: "Er war der Sänger, der mich lehrte, dass Interpretation eine Kunst ist." Seiner Faulheit und dem ungebrochenen Fansein ist es zu verdanken, dass Rod Stewart häufig Klassi-ker aus fremder Feder umwerfender vorträgt als die Schöpfer selbst. An diesem Abend sind es Originale von Tom Waits, Sam Cooke, Chuck Berry, Jackie Wilson. "Da Ya Think I’m Sexy" hat er selber von Jorge Ben geklaut. Jüngst sang es sogar Paris Hilton, ihm gefiel es. In Rod Stewarts Auftritten mischen sich Hedonismus, Herzenswärme und Humor mit grenzenlosem Sportsgeist. Oder wie er einmal abschließend auf einem Album ausrief: "Thank you for your time! And for your money!" Dieses Geld gibt er mit vollen Händen für Blondinen, Fußball und Getränke aus. Deshalb muss er nach "Baby Jane", nach 21 Liedern, dringend wieder los.
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