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03.06.10

Song Contest

Das Feuilleton kann in Sachen Lena nur stammeln

Lenas hilfloser Versuch, Freude und Überrraschung medienwirksam rüberzubringen, wirkte unprofessionell. Viel professioneller liest sich auch nicht, was das Feuilleton über ihren Auftritt faselt.

Getty Images/Getty

Mit diesen Bildern schrieb sie Grand-Prix-Geschichte:

25 Bilder

Manchmal ist alles wieder wie damals, im Oberseminar, am späten Nachmittag. Ein paar übermüdete Brillenträger kippeln auf ihren Stühlen, und kaum jemand hat die handkopierten Vorlagen, die auf den Tischen herumliegen, wirklich durchgearbeitet. Trotzdem hagelt es Thesen. Gibt es da einen geschichtsphilosophischen Subtext? Muss man einen versteckten Gender-Diskurs freilegen? Oder geht es am Ende einfach nur um die Befreiung des Signifikanten?

So lief das an deutschen Hochschulen, wo auch das Popfeuilleton seine geistige Heimat hat, noch um die Jahrtausendwende. Man hatte Luhmann, Derrida und die "Spex" studiert – und suchte nach Fallbeispielen für die herrschenden Großtheorien. Genau so behandelte man dann später, in Amt und Würden, auch die Hervorbringungen der Unterhaltungsindustrie, nämlich als Steilvorlagen für die immergleichen Hypothesen.

Nach Lena ist die Medienmaschine im Leerlauf

Nun war das Lieblingsbeispiel professioneller Redekünstler, denen ein Dummy für ihren Argumentationsgang fehlte, schon immer eine gutaussehende Frau. Gorgias zum Beispiel, der erste Sophist und Schrecken des Athener Markplatzes, widmete seine berühmteste Rede der schönen Helena – nur um zu beweisen, dass er mit den Mitteln der Sprache selbst diese unbeliebte Prominente, die immerhin einen Krieg verursacht hatte, in den Heldenstand erheben konnte.

Auch Popjournalisten liebten es, weibliche Stars mit dem analytischen Besteck der Geisteswissenschaften zu sezieren – natürlich bei lebendigem Leibe. Wie oft durften wir in den Nullerjahren lesen, dass sich Madonna unentwegt neu erfindet, dass sie ein raffiniertes Spiel mit ihrer Geschlechtsidentität betreibt oder Klassengrenzen mit ihrem Sound überschreitet? Gedanken, die in den Festvorträgen Akademischer Oberräte einschläfernd wirkten, erschienen plötzlich sexy, wenn man sie dem Rauschen der Charts abgelauscht hatte: Das Radio war die bessere Bibliothek.

Es ist schon viel geschrieben worden über das Ende des Popjournalismus, das mit dem Ende der Popliteratur und wohl auch der Poptheorie zusammenfiel. Aber wenn es noch eines allerletzten Beweises bedürfte, dann hat Lena Meyer-Landrut ihn geliefert. Der Sensationserfolg der Gesamtschülerin aus Hannover – wie es immer wieder unter soziologischem Kopfschütteln heißt – bringt die ganze Hilflosigkeit der Interpretationsindustrie ans Licht. Denn seit Lena den Eurovision Song Contest gewonnen hat, läuft die Maschinerie im Leerlauf.

Früher rieb sich Popkultur an der Gegenkultur

Wer nicht nur Deutschland, sondern sogar Europa hinter sich versammelt, der steigt automatisch in den Rang eines Symbols auf. Doch wofür steht es? Die Tatsache, dass dieses neunzehnjährige Mädchen ohne semantischen Beipackzettel daherkommt, motiviert beispiellose sophistische Verrenkungen. Da heißt es zum Beispiel in der "Frankfurter Rundschau" über den Triumph von Oslo: "Lenas Geheimnis besteht darin, dass sie für nichts stehen will außer sich selbst. Ihr Lied hat keine Botschaft."

Das sind Banalitäten, wie man sie früher über die Lyrik von Ingeborg Bachmann zum Besten gab, wenn man im germanistischen Seminar nicht schweigen wollte. Weiter im Text: "Sie gehört einer Generation an, die nachzuahmen gelernt hat: Kopieren geht über studieren." Das wiederum ist Generationenkunde aus der untersten Schublade, ein onkelhafter Gemeinplatz über die Jugend von heute. Hatten wir das Argument nicht schon so ähnlich in der Causa Hegemann, die den Furor der männlichen Hermeneuten ja auch schon entfachte?

Die Popkritik hat ihre Werkzeuge jahrzehntelang an Gegenständen der Gegenkultur geschärft, am Klang der Minderheiten und an subversiven Texten. Und selbst dort, wo sie ihren Blick auf den Mainstream richtete, verwandelte der sich sofort in eine untergründige Strömung, die kritische Inhalte transportierte.

Lena erteilt Kritikern eine Lektion in Demut

Bei Lena Meyer-Landrut funktioniert dieses Muster nicht mehr. So stellt die "taz" fest, dass Lena einen "Standpunkt zu Pop-, Popdiskurs- und popfeministischen Thesen" vermissen lässt – als wollte sie der Sängerin nahelegen, jetzt aber bitte noch ein paar Blockseminare Popdiskurstheorie bei Professor Diedrich Diederichsen zu belegen, damit sie in Zukunft auch Stoff für wirklich gehaltvolle Debatten liefert.

Und die "Süddeutsche Zeitung", der auch nichts Rechtes einfällt zu diesem Aufmacherthema, zieht sich auf die ausgelutschteste Popkulturbeobachtung überhaupt zurück, wenn sie Lena Meyer-Landrut als "Performerin ihrer selbst" entlarvt – als gälte es immer noch, ein paar begriffsstutzigen Erstsemestern klarzumachen, dass in unserer Medienwelt alles nur das Resultat von ausgebufften Inszenierungen ist.

Am Ende kann die versammelte Pop-Intelligenz über Lena Meyer-Landrut nicht mehr vermelden, als dass es sich um eine verdammt gute Interpretin handelt, die auf ziemlich originelle Weise singt und tanzt. Das reicht nicht aus, um einen Wissensvorsprung gegenüber dem begeisterten Fernsehpublikum herauszuarbeiten, das Lena wohnblockweise feiert. Damit steht das Selbstverständnis der modernen Intellektuellen auf dem Spiel, die auch in Belangen der Massenkultur am Ende immer die Deutungshoheit behaupten wollen. Vielleicht ist das Scheitern des Lenalogie im Angesicht der Lenamania keine Tragödie, sondern bloß eine Lektion in Demut. Es darf in einer aufgeklärten Gesellschaft auch thesenfreie Räume geben.

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