O2 World
Michael Bublé nimmt Berliner mit in die Bar
Eigentlich mag er keine großen Hallen. Aber Michael Bublé schafft es, dass sich rund Berliner 11.000 Fans fühlen, als sei der Sänger mit ihnen in einer kleinen, intimen Bar – und nicht in der O2 World. Auch wenn der kanadische Crooner Songs singt, von denen es inzwischen Hunderte Coverversionen gibt, auch wenn Barklassiker in sprühender Pyrotechnik ertränkt werden: Bublé liefert seinem Publikum die perfekte Illusion.
Von Peter E. Müller
Eigentlich sollte man jetzt in einem schwül-verrauchten Nachtclub sitzen, mit einem eiswürfelgekühlten Longdrink in der Hand und freiem Blick zur funzelig illuminierten Bühne, auf der sich ein windiger Entertainer mit seiner ausgebufften Band durch das Poprepertoire der 40er-, 50er- und 60er-Jahre swingt. Und mit leicht angerauter Stimme "Cry Me A River" ins Mikrofon keucht. Eigentlich. Aber wir sind in einer High-Tech-Mehrzweckhalle. Was hier raucht ist allenfalls kurzfristig eingesetzter Bühnennebel und von intimer Clubatmosphäre kann inmitten von rund 11.000 Besuchern nicht die Rede sein. Und dennoch: Kaum ist der Vorhang gefallen, kaum hat das Orchester sich eingespielt, kaum steht Entertainer Michael Bublé am Freitagabend auf der Bühne der O2 World, ist das ganze Eishockeyhallenumfeld vergessen. Und man fühlt sich wirklich wie bei der Late-Night-Show in einer, okay, ziemlich noblen, Casinobar.
Es ist bewundernswert, wie dieser kanadische Sänger die Illusion von Intimität zu beschwören versteht. Dabei kennt er sich aus mit den Tricks des Showgeschäfts. Später an diesem Abend wird er freimütig erzählen, dass solche großen Hallen ja nicht für ihn geeignet seien. Aber gleichzeitig suggeriert er dem Publikum, dass der Riesenraum allein durch die Kraft seiner Songs schrumpfen wird und alle ganz nah bei ihm sein werden. Und siehe da, der Trick funktioniert. Der Mentalist hätte es nicht besser hinbekommen. Aber erst mal, klar, "Cry Me A River", der Julie London Hit aus den 50er-Jahren, von dem es inzwischen gefühlte 350 Cover-Versionen gibt. Michael Bublé setzt den Klassiker an den Anfang seiner neuen Tournee-Show, lässt ihn in einem pyrotechnischen Funkenregen enden und hat das Publikum sofort auf seiner Seite.
Mit "All Of Me" lässt er, standesgemäß in Schlips und schwarzem Edelzwirn, einen Jazz-Showkracher aus den frühen 30er-Jahren folgen, der durch Louis Armstrong populär wurde. Schnell ist klar: hier wird in der schier bodenlosen Kiste des frühen und sehr frühen Pop gekramt und hervorgeholt, was noch immer das Herz bewegt. Dabei kopiert der 35-jährige die swingend-melodieseligen Standards keineswegs schnöde eins zu eins. Er peppt sie auf, er bremst sie aus, er formt sie sich zurecht. Und er macht sie sich in neuem Arrangement und eigensinniger Interpretation zu eigen. Eine 13 Mann starke Jazzband stärkt ihm dabei den Rücken, eine versierte Mannschaft, die sich in der stilistisch breitgefächerten Welt des jazzverliebten Charmeurs bestens zurecht findet. Denn neben klassischem Rat-Pack-Repertoire flirtet er mit Rock’n’Roll ("Twist and Shout"), Motown-Soul ("How Sweet It Is") und Westcoast-Sound ("Heartache Tonight").
Michael Bublé ist, das untermauert er mit seiner neuen Show, einer der schillerndsten Bühnenentertainer unserer Tage. Und schon früh hat er sich ein gefügiges Publikum in Deutschland ersungen. Bereits 2006 wurde er für sein zweites Album "It’s Time" mit einen Echo-Musikpreis gekürt, lange vor seinen bisher zwei Grammys (2008 und 2010). Auch mit seinem neuen Album schoss er bei uns in die Top-5 – in Großbritannien und den USA auf Platz 1. Er hat es geschafft, mit seinem qualitätsvollen Mainstream Pop- wie Jazzliebhaber gleichermaßen auf seine Seite zu bringen. Die Bühne ist von mehreren Videowänden umzingelt, die ein übriges tun, um Nähe vorzutäuschen. Inzwischen nimmt er sich Stevie Wonders "For Once In My Life" vor, allerdings in der langsameren, balladenhafteren Version der Temptations und bei "If You Don’t Know Me By Now" von Harold Melvin & The Blue Notes samt kraftvoll-tönendem Trompeten-Solo wird es so richtig gefühlig.
Zwischen den Songs kommt der immer leicht strubbelig Bublé auch immer wieder ins plaudern, albert mit Witz und Ironie wie ein nüchterner Dean Martin mit dem Publikum, erzählt freimütig, dass er inzwischen verlobt sei und hält seinen Verlobungsring ins Publikum. Endlich wissen wir, dass die Teenagerkomödie "Ferris macht blau" einer seine Lieblingsfilme ist und dass Michael Jackson das Idol seiner Jugend war. Um das zu unterstreichen zitiert er kurz aber in bestechender Perfektion "Billy Jean", Griff in den Schritt inklusive.
Und dann sucht er tatsächlich die Nähe zum Publikum. Bei seiner Version von "All I Do Is Dream Of You" (von Debbie Reynolds aus dem Filmmusical "Singing In The Rain") steigt Michael Bublé von der Bühne herab und marschiert singend und von Bodyguards begleitet quer durch die Halle. Stimmlich gestärkt wird er dabei von der furiosen A-Cappella-Formation Naturally 7, die das Vorprogramm für dieses Konzert bestritten hatten. Längst steht alles in der Halle, feiert den kanadischen King of Swing und singt mit, was mitzusingen geht, von "Save The Last Dance For Me" bis "Me And Mrs. Jones". Michael Bublé definiert kurzerhand das Great American Songbook neu, er zieht wie ein Rockstar durch die größten Hallen der Welt – und schickt seine Fans nach gut eineinhalb swingenden, schwelgenden Stunden mit der bewegend von Herzen kommenden Ballade "Song For You" glücklich in die Berliner Nacht.
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