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23.05.10

Kunst

Stephen Kings erster Comic

Das werk heißt "American Vampire" und ist der erste wirklich nach einem Skript von King gezeichnete Comic. Richtig, King hat in den Achtzigerjahren mal zwei Seiten für die "X-Men" abgeliefert - aber noch nie einen eigenen Comic. Insofern eine echte Premiere - und was für eine.

Es beginnt, wie oft bei Stephen King, mit einem Schriftsteller. "Ich habe nur einen Roman in meinem Leben geschrieben - 'Böses Blut' -aber das hat genügt, um mich reich zu machen", beginnt der fiktive Autor Will Bunting seine Erzählung von dem Desperado Skinner Sweet, der in Colorado in den letzten Tages des Wilden Westen von einem Vampir gebissen und so selbst zum Blutsauger wird. Es ist die Erzählung einer Erzählung. Kings finaler Dreh: "American Vampire", eine Geschichte über Blutsauger und Bücher, ist kein Buch, sondern ein Comic.

Wettstreit von Vater und Sohn

Das ist eine Sensation. Es ist der erste wirklich nach einem Skript von King gezeichnete Comic, sieht man von zwei Seiten "X-Men" der Achtziger ab. Graphic Novels sind Neuland für den Schreckensmeister. Und viel Neuland gibt es für ihn nicht mehr. Längst agiert King multimedial, er ist sein eigener Medienkonzern. Bereits in den 80er-Jahren begann er, Filmregie zu führen. Zu diversen seiner Romanverfilmungen hat er selbst die Drehbücher verfasst. Er hat Hörspiele geschrieben und war einer der ersten E-Book-Autoren. Nur Comics hat er nie gemacht. Kings Sohn veröffentlicht, unter dem Pseudonym Joe Hill, nicht nur Romane, sondern seit 2008 die Comicserie "Locke & Key". Von Papa King gibt es zwar eine stattliche Anzahl Graphic Novels, die seinen Namen auf dem Cover tragen. Doch kein einziges Wort in diesen Bilderzählungen stammt von King, der seinen Erzählkosmos an andere Autoren ausgelagert hat. So lässt sich "American Vampire", King Seniors erster originärer Comic, wie ein inner-familiärer Wettbewerb zwischen Vater und Sohn um den besseren Comic lesen.

Vor allem aber ist es, wie so oft in den jüngeren Werken Kings, eine Geschichte über Amerika. King, der schon immer die Werkzeuge des Gruselschockers als Kontrastmittel verwandte, um seine Heimat zu analysieren, taucht tief ein in die Historie. In zwei parallelen Erzählsträngen verfolgt "American Vampire" Skinners Lebenswege, einmal im Mittleren Westen ab 1880, dann in Kalifornien ab 1925.

Nur der erste Teil ist von King selbst verfasst. Die andere Hälfte stammt von Scott Snyder, einem jungen Horrorautor, der sein Glück noch gar nicht fassen kann. Laut eigener Schilderung hatte Snyder, mit gerade mal einem Buch auf dem Markt, dem Doyen der Horrorliteratur das Projekt unterbreitet, um King einen Werbespruch für das Cover der geplanten Comics zu entlocken. King habe dann von sich aus seine Zusammenarbeit angeboten.

Beide Erzählstränge handeln von Licht. Von elektrischem Licht. 1880 wurde erstmals eine Stadt in den USA mit Glühbirnen beleuchtet. Und 1925 reden Filmangestellte unter massiven Studioscheinwerfern über eine obskure neue Erfindung namens Tonfilm. Die neue Zeit schreckt Skinner Sweet nicht, ihm macht das Licht nichts aus. Er ist als neuzeitlicher Vampir dagegen immun. "American Vampire" ist eine Reflexion über die Anpassungsfähigkeit des Bösen. Der klassische Fledermausvampir wird ersetzt durch den elektrischen Daywalker.

King und Snyder erzählen in lakonischen Dialogen und staubtrockenen Bildern (gezeichnet von Rafael Albuquerque, auch ein Neuling im Geschäft) auch von einem Ende: Der Vampir, der Sweet beißt und dann in Sonnenlicht und Kugelhagel vergeht, markiert in dieser Geschichte das alte Europa. Es schleicht sich darum ein wehmütiger Ton in die Erzählung ein. Sicher nicht zufällig ähnelt der europäische Vampir der Darstellung Max Schrecks als "Nosferatu" in Murnaus Stummfilm. Wie überhaupt der Comic eine sehr liebevolle Hommage an das Kino ist.

Das King nun Comics schreibt, kommt den US-Verlagen gerade recht. Denn deren Markt befindet sich an einem Wendepunkt. Zwar verkaufen sich Comics im Buchhandel immer besser. Allerdings befinden sich die Verkaufszahlen der monatlichen Heftserien im freien Fall. Besonders schlimm hat es das Vertigo-Label getroffen. In den Neunzigerjahren stand es für eine neue, erfolgreiche Art des Comicerzählens, Werke wie "V wie Vendetta" und "The Sandman" erschienen dort in Bestsellerauflagen. Mittlerweile verkauft sich ein aktueller Vertigo-Titel im Schnitt keine zehntausend Mal mehr. Es steht außer Frage, dass "American Vampire" Vertigo nun helfen wird.

Verstärkung von Bestsellerautoren

Auch andere Bestseller-Schreiber stehen schon bereit. "Comics sollten viel mehr Leser erreichen, als sie es derzeit tun", wird Thriller-Autor James Patterson zitiert. Unter seinem Namen startet im Mai eine ganze Comicedition beim Kleinverlag IDW, mit Adaptionen seiner Bücher, aber auch neuem Material. Ebenso haben Stephenie Meyer ("Twilight") und Charlaine Harris ("True Blood") ihre Romane zur Comicadaption freigegeben; der Manga zu "Twilight" hat sich bereits in der ersten Woche über 66 000 Mal verkauft. Rekord für eine Graphic Novel. Und ein sarkastisches Omen für King, der seiner Verachtung für Meyers Vampire schon früher lautstark Ausdruck verliehen hat.

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