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30.04.10

Late Night "Maybrit Illner"

Kreuz, Kopftuch und die Kruzi-Türkin Aygül Özkan

Während das Parlament in Belgien das öffentliche Tragen von Burkas verbot, wurde kurz zuvor in Niedersachsen die erste muslimische Ministerin vereidigt. Warum gibt es in Berlin nicht so eine Brückenbauerin wie Aygül Özkan? Was Bürgermeister Wowereit darauf antwortete, sagte mehr über die Gründe aus als gewollt.

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Mit Aygül Özkan ist erstmals eine muslimische Ministerin in Deutschland vereidigt worden. Noch vor ihrem Dienstantritt hatte sie jedoch mit ihren Äußerungen zu Kruzifixen in Klassenzimmern eine Diskussion ausgelöst. Inzwischen hat sich Özkan dafür entschuldigt, doch die Diskussion wird bei Maybrit Illner weitergeführt. Der islamkritische Publizist Henryk M. Broder traf dabei unter anderem auf Klaus Wowereit (SPD), den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland (IRD) und die Juristin Seyran Ates.

Die Runde diskutierte lebhaft über Kruzifixe, Kopftücher und Integration. Die Frage, ob Deutschland für eine muslimische Ministerin bereit sei, war erstaunlich schnell geklärt, denn keiner der Gäste störte sich an der Religion der niedersächsischen Ministerin. Man sah ihre Ernennung als ein Zeichen des Fortschritts und ein Beispiel gelungener Integration. Selbst Alexander Dobrindt (CSU) störte sich nur daran, dass Özkan keine Kruzifixe in Schulen sehen wollte und gab ansonsten den Verteidiger der bayerischen Gipfelkreuze.

Nur Klaus Wowereit (SPD) war gar nicht zufrieden und nutzte als braver Parteisoldat jede Gelegenheit, um gegen die Entscheidung von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zu stänkern. Er kritisierte, dass Wulff sich für eine angeblich mutige Entscheidung loben lasse, die doch eigentlich reine Symbolpolitik sei. Was war eigentlich so mutig daran, fragte der Bürgermeister Berlins, der Özkan auch schon nahe gelegt hatte, die CDU zu verlassen und in die SPD zu wechseln.

Özkan hatte das Angebot abgelehnt und Wowereit musste sich bei Illner nun dafür rechtfertigen, dass Berlin sich zwar ständig seiner Toleranz rühme, jedoch keinen vergleichbaren Integrationserfolg vorzuweisen habe. "Die haben ihnen den Gag geklaut", stichelte Henryk M. Broder gegen den schlecht gelaunten Wowereit. Der Berliner Bürgermeister konnte mit dem Thema Integration nicht viel anfangen und trat in der Diskussion genervt und arrogant auf. Er drückte sich davor, die Probleme konkret zu benennen und hatte außer Appellen an die Toleranz nicht viel beizutragen. Wer mit offenen Augen durch Berlin geht und die Probleme mit der Integration mancher Migranten beobachtet, den wird das nicht unbedingt überrascht haben.

Wowereit sah jedenfalls kein spezifisch islamisches Phänomen, denn Probleme mit Fanatikern gebe es schließlich in allen Religionen. Er verwies auf erzkonservative Katholiken und orthodoxe Juden, die ein ebenso problematisches Frauen- und Familienbild hätten. "Alle Demokratinnen und Demokraten" sollten Intoleranz bekämpfen und Grundwerte leben, forderte der Sozialdemokrat. Die halbherzigen Versuche sein offensichtliches Desinteresse am Thema zu kaschieren, endeten oft in sinnentleertem Wortbrei aus Floskeln und Phrasen.

"Das war eine wunderbare Rede für ihren nächsten Bezirksparteitag, aber es entspricht nicht der Realität", meinte Henryk M. Broder. Er machte unmissverständlich klar, wo er das Problem sah. Es gehe nicht um Chinesen oder Italiener. Wenn von den Problemen der Migration geredet werde, gehe es natürlich zu 99 Prozent um Moslems, stellte der streitbare Journalist fest. Man müsse lange suchen, um Ehrenmorde in konservativen jüdischen oder christlichen Familien zu finden, "aber Sie machen mit Ihrer sozialdemokratischen Güte mal wieder alle gleich", sagte er zu Wowereit. Broder war mit dem Applaus zufrieden und der Berliner OB zog es vor, für den Rest der Sendung zu schweigen.

Alexander Dobrindt von der CSU meinte nun auch verstanden zu haben, warum Integration in Berlin bundesweit am schlechtesten funktioniere. Statt Wowereits philosophischen Betrachtungen zuzuhören, wollte er lieber ergründen, warum es ausgerechnet bei der Integration türkischstämmiger Migranten so viele Probleme gebe. Das versprach interessant zu werden, immerhin hatte man mit Ali Kizilkaya und Seyran Ates zwei kompetente und erfolgreich integrierte Gäste in der Runde.

Die wurden allerdings gar nicht erst gefragt. Stattdessen trat der deutsch-türkische Unternehmer Alparslan Marx als Pausenclown auf. Der Hobby-Kabarettist ("Der Integrator") hatte aus Angst vor Diskriminierung den Namen seiner Frau angenommen und scheiterte bei seinem Versuch, dem Publikum ein Lachen zu entlocken. Seine flachen Witze über die Deutschen und ihre angeblichen Vorurteile überzeugten nicht. Auch mit seinen gewagten Thesen zur Integration löste er keine Begeisterung aus: Als Migrant werde man von der Gesellschaft sowieso nie voll akzeptiert, deshalb müsse ein neuer Name für alle in Deutschland lebenden Menschen her und das Pulverfass Religion solle am besten ganz aus dem Alltagsleben verschwinden.

Der Kern des Problems, warum Integration zu häufig scheitert, wurde nicht ergründet. Kruzifixe und Kopftücher in Klassenzimmern sind vergleichsweise winzige Details, die im täglichen Leben wahrscheinlich keine überragende Rolle spielen. Nur Henryk M. Broder glaubte eine Antwort gefunden zu haben: Er sah vor allem die Migranten in der Pflicht, sich selbst darum zu kümmern. Laut Broder hätten sich eine halbe Million Polen problemlos im Ruhrgebiet integriert, während es heute mit den muslimischen Einwanderern immer wieder Probleme gäbe.

Dass das damals eher geklappt hat als heute, hinge wahrscheinlich damit zusammen, dass es noch keine Migrationsforscher und Kiezmanager gab, witzelte Broder und warnte vor einer staatlichen Überversorgung, die den Menschen ihre Verantwortung abnehmen würde.

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