21.03.10

Leipziger Buchmesse

Roadkill auf der Straße zum E-Book

Rückblick auf die Leipziger Buchmesse: Sie war, was sie immer war, ein literarisches Volksfest. Begeisterte Schulklassen wecken Optimismus, aber die vage Angst vor dem elektronischen Buchersatz geht um. Schon der übernächste literarische Grottenolm könnte als Datensatz durchs Dorf gejagt werden.

Foto: dpa/DPA
Leipziger Buchmesse - E-Book

Reden wir – das ist ja nicht mehr selbstverständlich im Zusammenhang mit Literatur – von etwas Positivem. Vom Wetter. Die Sonne schien in die Messehalle als Georg Klein den Preis der Leipziger Buchmesse entgegen nahm.

Über Nacht war es warm geworden in Leipzig. Die ersten Krokusse schossen durch den Boden und die ersten Pollen den Besuchern draußen in die Nasen. Man hätte sich beinahe leicht gefühlt. Der elend lange, elendiglich ernüchternde Feuilletonwinter schien endlich ausgetrieben mit seiner ganzen intellektuellen Grottenolmigkeit.

Ausgetrieben mit etwas erfrischend anderem, mit dem Gegengift gegen alle wahnhaften Metadebatten um Plagiat, Original und Fälschung der vergangenen Wochen. Ausgetrieben mit den Mitteln der Literatur.

Brav saß das bedauernswerte Mädchen Helene Hegemann mit seinem kleinenkleinen Roman da, auf dessen schmalem Rücken sich hochmögende Feuilletonistinnen an den Rand der intellektuellen Satisfaktionsfähigkeit gebracht hatten. Dann war sie weg. Einfach weg.

Verschwunden. Der Spuk war vorbei, und den hegemannisierten Betriebshysterikern dämmerte endgültig, dass man mit der vielen Metatinte der vergangenen Monate vielleicht doch etwas Gescheiteres hätte tun müssen, als sie in eine zunehmend hermetische Debatte zu investieren – das nämlich wozu Literaturkritik da ist, gute Bücher zu vermakeln an hungrige Leser.

Auf einmal – ob man das wollte oder nicht – war alles schlicht wie immer auf der Leipziger Buchmesse. Der Börsenvereinsvorsteher wurde nicht müde, das gedruckte Buch zu verteidigen. Das klang auch wie immer, wie die Mutmachsprüche eines Kindes im dunklen Keller nämlich. Und wieder gebetsmühlte er den Satz von den Totgesagten, die länger leben.

Morgens in der Straßenbahn stand man wie immer unter johlendem Jungvolk eingequetscht wie Sardinen in der Dose. Weswegen man wie in jedem Jahr voreilig schon Abschied nehmen wollte von der allgemeinen Angst vor dem Untergang des literarischen Abendlandes.

Voreilig, weil die scheinbar enthusiasmierten Schulklassen wie immer Wandertag hatten, was die Begeisterung über die vermeintliche Buchaffinität der Jugend immerhin einschränkt.

Dennoch wurde wie immer gelesen. 2000 Veranstaltungen in vier Tagen. Es wurde überall gelesen. In der ganzen Stadt. Sie lasen und sie ließen lesen.

Es herrschte ein babylonisches Rauschen in den wie immer vollen Hallen. Geschichten wurden erzählt, Bilder gemalt. Menschen machten Musik. Menschen strömten an komplett absurden Kleinverlagen vorbei. Menschen standen im Weg. Menschen klauten Bücher. Der Sicherheitsdienst hatte wie immer alle Hände voll zu tun. Und konnte wie immer doch nichts machen. Die Leipziger Buchmesse war, was sie immer war, ein literarisches Volksfest.

Alles wie immer? Natürlich nicht.

Selten war der Gegensatz zwischen dem, was man in den sonnenüberstrahlten Hallen sah, und dem dunklen Grummeln aus dem verlegerischen Off größer als in diesem Jahr. Was man sah, hatte mehr als sonst Züge einer hübschen Angstblüte: Dass nämlich die Dinger, die man auf dieser Messe suchen musste wie eine Nadel im Heuhaufen, die elektronischen Bücher nämlich, den deutschen Buchmarkt vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber im nächsten Jahrzehnt revolutionieren werden, ist selbst Berufsbesitzstandswahrern längst klar.

Noch sind aber die Deutschen weit entfernt von der E-Book-Hysterie der Amerikaner, was vor allem etwas mit der Qualität der Geräte zu tun hat. Die E-Book-Monsterwelle wird sicher kommen, weswegen hinter den schicken Regalwänden mit den schicken Büchern hektische Betriebsamkeit herrscht in den Rechtsabteilungen der Verlage, die Zeit zu nutzen, sich zu wappnen, das Geschäftsmodell abzusichern, um nicht vom technischen Fortschritt ähnlich zermetzelt zu werden wie die Musikbranche.

Dabei kommt es schon jetzt zu reichlich absurd erscheinenden Kämpfen unter Kollegen. Amerikanische Verlage zum Beispiel zersplittern zunehmend den Verkauf ihrer Lizenzen, versuchen deutschen Verlagen die deutschen E-Book-Rechte zu verweigern, der Rechte also an Büchern, die von den deutschen Verlagen für teuer Geld übersetzt, ediert, beworben, überhaupt verlegerisch betreut worden sind. Es wird noch etliche derartige Kämpfe geben.

Dass es Bücher immer geben wird wie die wunderbare neue Ausgabe von Rilkes "Malte Laurids Brigge" von Manesse, in edlem Einband, fantasie- und liebevoll layoutet, darauf kann man sich zwar jederzeit einigen. Einen Publikumsverlag kann sich damit aber nicht finanzieren.

Den finanziert man mit den jeweiligen Hegemann-Roche-Tommy-Jauds des Jahres. Verderbliche Ware, für deren Verbreitung in – seien wir vorsichtig optimistisch – in zehn Jahren keine Bäume mehr sterben müssen. Schon der übernächste literarische Grottenolm, der durchs Dorf gejagt wird, könnte als Datensatz durchs Dorf gejagt werden. Millionenfach kopiert, vermailt, am enteigneten Verlag, am enteigneten Urheber vorbei.

Gelesen wird es dennoch werden, Deutschlands next Topaxolotl. Vorgelesen auch. Und auch die Georg Kleins und Thomas Langs und Ulrike Draesners, Lutz Seilers und Jan Faktors, die es noch viel mehr zu lesen, vorzulesen lohnt. Weswegen man sich um einiges Sorgen machen kann, nicht aber um Lesefestivals wie litCologne und Leipzig. Die bleiben und vertreiben selbst den grottenolmigsten Winter.

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