70. Geburtstag
Bertolucci ist der letzte kommunistische Kinokaiser
Montag, 28. Juni 2010 13:26 - Von Gerhard MiddingSeine Filme stammen aus einer Zeit, in der sich Menschen über Schlagwörter wie "Ideal" oder "Freie Liebe" noch streiten konnten. Der bekennende Kommunist und Regisseur Bernardo Bertolucci wird jetzt 70. Der Rückblick auf sein Schaffen zeigt: Sex und Selbstbestimmung gehören für ihn zusammen.
Unter all den Projekten, die Bernardo Bertolucci nicht realisiert hat, bietet die Verfilmung von Dashiell Hammetts "Rote Ernte" den größten Anlass des Bedauerns. Hammetts Detektiv gerät in eine korrupte Kleinstadt, die von verfeindeten Gangsterbanden regiert wird.
Aufgegeben hat Bertolucci seinen lang gehegten Plan erst in den Achtzigerjahren, weil er endgültig zu der Überzeugung gelangt war, dass man in Amerika seine Auffassung von Dialektik nicht verstanden hätte. Bis dahin hatte er allerdings erklecklich von transatlantischen Missverständnissen profitiert.
Seine Alberto-Moravia-Verfilmung "Der große Irrtum" war in den Siebzigern in den USA einer der stilistisch einflussreichsten Filme. Seine eleganten, raumgreifenden Kamerafahrten wurden von Francis Ford Coppola und Martin Scorsese bewundert; seinem Kameramann Vittorio Storaro verschafften sie das Entree nach Hollywood.
Stars wie Marlon Brando, Burt Lancaster, Robert De Niro und John Malkovich rissen sich darum, unter seiner Regie zu spielen. Die großen Studios waren sogar bereit, Bertoluccis marxistisches Epos "1900" mitzufinanzieren.
Aber der Widerspruch zwischen Individualität und Konformität und das transgressive Spiel mit der Sexualität, das stets auf dem Antagonismus beruht, waren ihnen am Ende dann doch nicht geheuer.
Diese Dialektik zieht sich seit seinem Regiedebüt "La Commare secca" von 1962, wo Bertolucci versucht, den Neorealismus mit dem Film Noir zu vermählen, durch sein gesamtes Werk. Schon mit 15 Jahren drehte er seinen ersten Kurzfilm, mit Anfang 20 veröffentlichte er einen ersten Gedichtband.
Endgültig zum Kino kam der in Parma geborene Regisseur, als ihn sein Vater, der Literat Attilo Bertolucci, mit Pier Paolo Pasolini bekannt machte. Der war mit seiner Arbeit als Regieassistent bei "Accatone" so zufrieden, dass er ihm ein Drehbuch für dessen Regiedebüt anbot.
Internationales Aufsehen erregte er 1964 in Cannes mit der politischen Parabel "Vor der Revolution", die auf Motiven aus Stendhals "Die Kartause von Parma" beruht. Bertolucci beweist darin eine hellsichtige Zeitgenossenschaft, wobei er seine gesellschaftlichen Befunde stets mit filmischen Reverenzen untermauert.
Seither hält sein Kino die Kluft zwischen Inhalt und Stil wacker aus. In seinen besten Zeiten gelang es diesem redlichen Manieristen, formale Experimente mit opulenten Schauwerten zu vereinen.
Er ist ein Meister des filmischen Widerhalls, der es versteht, Ideen in eine opulente Symbolsprache zu übersetzten - welcher andere Regisseur hätte Platons Höhlengleichnis derart bestrickend in eine Metapher für das Kino verwandelt?
In seinen Filmen ist das Ambiente stets beredt. Bertoluccis Meisterwerk "Der große Irrtum" erkundet die Mentalität des Faschismus an Hand ihrer monumentalen Architektur. Nicht nur in seinen erotischen Kammerspielen "Der letzte Tango von Paris" und "Die Träumer" herrscht unentrinnbare Klaustrophobie.
Auch seine Epen führt er auf einen intimen Kern zurück: "Der letzte Kaiser" kreist um die Zerrissenheit zwischen privaten Bedürfnissen und den Geboten der Staatsführung.
Es wäre ein Leichtes, die Radikalität seines Frühwerks gegen seine spätere Kommerzialisierung auszuspielen, gegen das Schwelgen in prunkenden Dekors und das Kalkül mit dem Skandalträchtigen. Aber schon damals hatte er die Schauwerte fest im Blick.
Seinen kryptischen Experimentalfilm "Partner", der dem Tumult der Pariser Studentenrevolte und Bertoluccis gerade begonnener Psychoanalyse ebenso viel zu verdanken hat wie der literarischen Vorlage Dostojewskis, hat er in prächtigem Cinemascope gedreht - dem, wie es im Film heißt, idealen Format für große Ideen.
Erschienen am 16.03.2010







Stellenmarkt
Wohnungen
Branchenbuch
Kleinanzeigen
Veranstaltungen
Kinoprogramm










Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich