Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
10.03.10

Late Night "Maischberger"

Die Schuld der 68er am Missbrauch in der Kirche

Nach jahrzehntelangem Schweigen melden sich immer mehr Missbrauchsopfer zu Wort. Bei Sandra Maischberger reden Opfer über ihre Peiniger und ihre persönlichen Schicksale, während andere die Theorie des Augsburger Weihbischofs Walter Mixa über die Schuld der 68er-Generation hochhalten.

© picture-alliance //picture alliance
Bei Sandra Maischberger ging es um den Missbrauchsskandal
Bei Sandra Maischberger ging es um den Missbrauchsskandal

Beklemmend: Plötzlich steht Peter K. hinter dem zwölfjährigen Benedikt, umarmt ihn und fordert den Jungen auf, seine Hosen fallen zu lassen. Der Kaplan will den Jungen "aufklären", sagt er einschmeichelnd. Benedikts Geschwister spielen im Nebenraum des Dachgeschosses. Unten feiern die Familien der katholischen Kirchengemeinde das Osterfest.

Der Junge von damals ist heute 23 Jahre alt und erzählt seine Geschichte auf dem Sofa von Sandra Maischberger. Benedikt Treimer hat die Hand des Kaplans Peter K. nur bei einem Vorfall in seiner Hose gespürt und mit seinen kindlichen zwölf Jahren gemerkt, "dass da etwas nicht stimmt". Daheim haben die drei Geschwister ihren Eltern von dem Missbrauch erzählt. Die Familie weiht den Stadtpfarrer ein. Dieser reagiert sofort: Peter K. wird versetzt, schon wenige Tage später.

Doch bald findet der pädophile Täter erneut ein Opfer. Das hat nicht so viel Glück wie Benedikt. Es bleibt nicht bei dem einen Mal. Drei Jahre nachdem sich der Peter K. an dem zwölfjährigen Benedikt vergriffen hat, bekommt der Kaplan erneut Gelegenheit, sich in einer Kirchengemeinde an Kinder heranzumachen. Sein neues Opfer missbraucht er über mehrere Jahre 22 Mal – die Gemeinde liegt nur 80 Kilometer entfernt von dem anderen Tatort.

"Die Priester und der Sex: Verschweigen, verleugnen, vertuschen?", fragt Sandra Maischberger in der aktuellen Sendung ihres Late-Night-Talks. Deutschland ist schockiert über den Skandal, der zurzeit die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Doch nicht nur die katholische Kirche ist betroffen. Es gibt auch Opfer aus der weltlichen Odenwald-Schule, ein reformpädagogisches Internat.

Das Schweigen der Lämmer ist vorbei. Sie reden über den Missbrauch. Sie reden über ihre Qualen, die sie zum Teil Jahrzehnte geheim gehalten haben, aus Scheu und Scham. Der Theaterregisseur und Komponist Franz Wittenbrink hat schon früher über die sadistischen Strafen in der Internatsschule der Regensburger Domspatzen gesprochen. Zuhören wollte ihm aber bisher kaum jemand, sagt er. Dabei klagte er auch öffentlich an.

Der 61-Jährige war von 1958 bis 1967 bei den Regensburger Domspatzen – auch von dort werden Missbrauchsfälle gemeldet. Wittenbrink ist nicht sexuell missbraucht worden, aber er hat die sadistischen Erniedrigungen, die einige Präfekten dort ausübten, am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Da gab es die Kopfnuss für falsche Noten. Die nächste Stufe war die Ohrwaschl-Massage, was zwar niedlich klingt, aber äußerst brutal ist. Den Kindern werden die Ohrmuscheln zusammengedreht, dann werden sie hoch gehoben, bis ihre Füße kurz über dem Boden schweben, erzählt Wittenbrink. Einem seiner Mitschüler ist dabei die Ohrmuschel eingerissen, erinnert er sich.

Ebenfalls bei Maischberger zu Gast ist Heiner Geißler. Das CDU-Urgestein tingelt ja schon seit längerer Zeit von Talkshow zu Talkshow. Und das Thema ist ihm ebenfalls geläufig, schließlich durfte er sich schon bei Frank Plasberg im gleichen Sender zu den Missbrauchsfällen äußern.

Geißler gehört vier Jahre dem St.-Blasien-Internat an, will sogar Priester werden. Mit 23 Jahren gibt er diesen Wunsch auf. Seine These heute: Das Zölibat muss abgeschafft werden, es ist Teil des Übels. Widerspruch bekommt er sofort vom Salzburger Weihbischof Dr. Andreas Laun: "Das ist doch Schmarn und das sagen Sie als ehemaliger Jesuiten-Novize", kanzelt der Theologe den Politiker mit erhobener Hand ab.

Dann ist da noch Gabriele Kuby. Die Schriftstellerin und überzeugte Katholikin sieht in dem aktuellen Skandal auch einen Angriff der Öffentlichkeit und der Medien auf die Kirche. Angesichts der Missbrauchsfälle hofft sie auf "eine Läuterung der Kirche, damit deren Botschaft wieder leuchten kann."

Außerdem hält es Kuby, die 1997 zum Katholizismus konvertierte mit dem Augsburger Weihbischof Walter Mixa: Die sexuelle Revolution der 68er-Generation habe dazu beigetragen, dass die Menschen ihre Triebe weniger unter Kontrolle haben. Dieses Argument ist für Komponist Wittenbrink "obszön", er ist empört. Denn als er 1958 ins Domspatzen-Internat kam, sei die Zeit der 68er noch weit weg gewesen, sagt er.

Doch auch Weihbischof Dr. Andreas Laun stößt in das Horn und fordert, dass die Menschen lernen, ihre Triebe unter Kontrolle zu halten. Es dürfe nicht sein, dass die Industrie auch noch "Kondömchen" für 12- bis 14-Jährige entwickele.

Geißler, der am Anfang der Sendung noch mit den Händen flach auf die Knie gelegt, wie ein braver Schulbub wirkte, wird ärgerlich: "Das ist doch Unsinn, wie Kirche mit Sexualität umgeht", sagt er, bekennt sich aber gleichzeitig ebenfalls zum Katholischen Glauben.

Offen bleibt an diesem Abend die Frage, wie die Kirche mit den Vorwürfen und dem Skandal umgeht. Missbrauchs-Opfer Benedikt Teimer hat wenig Hoffnung auf eine lückenlose Aufklärung. Er sagt: "Der externe Sonder-Ermittler Thomas Pfister ist gar kein Externer."

Der Sonderermittler, den die katholische Kirche beauftragt habe, sei noch vor einem Jahr für die Kirche angetreten. Benedikt hatte damals eine weitere Therapie beantragt, um die Folgen des Missbrauchs zu verarbeiten, erzählt er.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote