Filmkritik
"Zeit des Zorns" - ein Kandidat für einen Bären
Draußen im Wald vor der Stadt, da wird der Mann zum Jäger. Ali (Rafi Pitts) zündet sich dann ein Lagerfeuer an und zielt mit dem Gewehr Richtung Zuschauer. Eine archaische Lebensform, undomestiziert. Der berlinale-Wettbewerbsfilm "Zeit des Zorns" ist ein Bären-Kandidat.
Von Eberhard von Elterlein
Ein Stück persönliche Freiheit für diesen schweigsamen Mann mit den tief liegenden Augen und einer etwas schwierigen Vorgeschichte. Denn Ali war im Gefängnis; warum, erfahren wir nicht. Wegen dieser Vorgeschichte erhält er in der Fabrik nur den Job als Nachtwächter, weswegen er Frau und Tochter nur selten sieht. Die Momente, wo er mit seinen beiden Damen über den Jahrmarkt bummelt und seine Tochter ihn dort zwischen bunten Bällen selig anlächelt, sind also rar gesät.
Kurz und gut: Ali führt ein harmonisches, unauffälliges Leben in einer anonymen Neubausiedlung mitten in Teheran. Der Verkehr rauscht gnadenlos vorbei. Bis Ali eines Tages eine leere Wohnung vorfindet und zunächst seine Frau, dann seine Tochter im Leichenschauhaus identifizieren muss. Eine Schießerei, so heißt es, zwischen "Aufrührern" und Polizisten. Täter unklar. Nur eins ist offensichtlich: Es ist unruhig dieser Tage in Teheran. "Nieder mit dem Diktator" hört man im Radio und Fernsehen, und man muss beim Anblick der Kreidezeichnung von Alis Gattin auf dem Asphalt unweigerlich an Neda denken, die YouTube-Tote, mit der die Grüne Revolution ihr Märtyrer-Gesicht bekam.
Doch Rafi Pitts drehte seinen Film vor den Unruhen. Es geht ihm um kein dezidiert politisches Statement, sondern allgemein darum, wie lange ein Mensch gegen seine Natur leben kann. Und so zieht sich Ali, der Jäger ("Shekarchi" - "The Hunter" - heißt der Film nicht umsonst im Original), frustriert auf einen Berg in die Vorstadt zurück, wo die Zivilisation aufhört und erste Büsche und Bäume den urbanen Raum erobern. Wie der Sniper in Peter Bogdanovichs "Target" zielt Ali hier oben wahllos auf die Menschen da unten - und erschießt zwei Polizisten.
So wird der Jäger schließlich zum Gejagten. Nach einer langen Verfolgungsjagd, die immer tiefer in den Nebel des Waldes führt, gibt es mit zwei Uniformierten einen (viel zu langen) halbstündigen Showdown im dichten, undurchdringlichen Grün, wo der Wald zum Dschungel und der Mensch zum Wolf des Menschen wird. Und wieder brennt ein Lagerfeuer. Und wieder fällt ein Schuss.
Rafi Pitts ist ein Exil-Iraner. Er hat in England und Frankreich gearbeitet, was erklärt, dass er einen durchaus distanzierten Blick auf sein Heimatland wirft. In "Zemestan - Es ist Winter", der 2006 bei der Berlinale im Wettbewerb lief, warf er einen analytischen Blick auf den Arbeitsalltag in Teheran, was ungewohnte Bilder der iranischen Hauptstadt bedingte - von Bahnschienen, die im Weiß verschwinden, und von Herbergen, in denen sich Wanderarbeiter treffen.
In "Zeit des Zorns" nun entdecken wir Teheran wieder neu: Wir sehen Tunnel und Waschanlagen; Brücken, auf denen der Verkehr rollt und unter denen die wilde Natur ihre letzten Rückzugsgebiete findet. Es ist kein Iran der Nachrichtensender, die hohe Politik erscheint hier nur im Fernsehen und Radio. Sondern ein weitgehend schmuckloses Land, großstädtisch und anonym. Gleichförmig und still. So wie es sich die jetzigen Machthaber wünschen. Dass Rafi Pitts mit der von ihm gespielten Hauptfigur überhaupt einem unzufriedenen Menschen ein Gesicht gibt, macht diesen Film schon revolutionär genug. Die ökonomisch erzählte, politische Parabel überzeugt dabei insgesamt mit starken Bildern, verliert aber in der letzten halben Stunde an Intensität.
Wie gestern bekannt wurde, ist dem iranischen Regisseur und Berlinale-Ehrengast Jafar Panahi die Ausreise aus dem Iran verweigert worden. Bei der Berlinale sollte Panahi im Rahmen des World Cinema Fund Day an der Panel-Diskussion zum Thema "Iranisches Kino: Gegenwart und Zukunft, Erwartungen innerhalb und außerhalb des Landes" teilnehmen. Mit seinem Film "Offside" gewann Panahi 2006 den Silbernen Bären. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn die Internationale Jury nicht darauf reagiert und den immanent systemkritischen "Zeit des Zorns" im Gegenzug mit einem Regie- oder Großen Jury-Preis bedenkt. Zeit wäre es dafür.
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