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17.02.10

Filmkritik

"Der Räuber" - ein Adrenalinstoß für die Berlinale

Jetzt mal tief Luft holen. Ausatmen. Beine lockern. Noch mal Luft holen. Und los. Die Berlinale hat Halbzeit. Und steigt in die Olympischen Spiele ein. Allerdings gleich in die Sommerspiele. Disziplin: Marathon. Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag (an dem auch österreichisches Geld hängt) heißt "Der Räuber", könnte aber ebenso gut "Der Läufer" heißen.

Denn er handelt von einer exotischen Kombination: der Verknüpfung von Bankraub und Dauerlauf. Da läuft einer und läuft und läuft, und selbst "Lola rennt" sieht dagegen vergleichsweise lendenlahm aus.


"Der Räuber" handelt von dem realen Fall des Johann Kastenberger, der als Marathonläufer mehrere Volksläufe in Österreich gewann. Sein Rekord im Kainacher Bergmarathon (3 Stunden, 16 Minuten, sieben Sekunden) ist noch immer ungebrochen. In die Geschichte ging er jedoch ein als "Pumpgun-Ronny", als Bankräuber, der mit nämlichem Gewehr und einer Ronald-Reagan-Maske mehrere Banken überfiel.

Im Film, basierend auf dem Roman von Martin Prinz, heißt der Mann Johann Rettenberger, der Fall wird etwas variiert und in die Jetztzeit verlegt. Das ist ein wenig verwirrend. Heute würde man sich vielleicht andere Masken überstreifen. Vor allem gibt es aber heute kaum noch Banken, in denen man so einfach an Bargeld kommt. Diese Räuberromantik ist längst im Aussterben begriffen. Das ist aber auch das Einzige, was man dem Film vorwerfen könnte. Denn er lebt und besticht durch seine Rasanz, seine physische Präsenz. Selten geriet ein Film so buchstäblich atemberaubend; es ist, als bekäme man schon vom bloßen Zuschauen Seitenstechen.

Der Film beginnt erst mal im Knast. Da also, wo die meisten Wettbewerbsfilme irgendwann mal spielen. Es geht ja die Rede, dies sei die Berlinale der vielen Familienfilme. Aber mindestens ebenso oft geht es um Haft, Gefängnis, Weggesperrtsein. Und je jünger die Regisseure, desto mehr scheinen sie sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen. Johann Rettenberger "sitzt" also zu Beginn, doch selbst in seiner Zelle bleibt er nie regungslos. Die Gefängnisleitung hat ihm ein Laufband zugesprochen, auch auf den wenigen Quadratmetern seiner Zelle läuft er und läuft und läuft, dabei immer den Puls messend.

Man könnte fälschlich glauben, er würde sein Talent später einsetzen, um auf diversen Volksläufen Preisgeld einzustreichen. Aber das ist nur Nebensache. Kaum in Freiheit, schnappt er sich die Waffe, die Maske, klaut ein Auto und überfällt eine Bank. Klar: So jemand wird nicht nervös, der hat seinen Puls auch bei Überfällen unter Kontrolle. Und wenn mal was schief geht, dann streift er den Rucksack mit der Beute über und läuft und läuft und läuft. Der Mann braucht das Geld eigentlich gar nicht, er gibt es auch nie aus, verstaut es nur unterm Bett. Alles, was der Mann braucht, ist der Kick. Um die innere Leere aufzufüllen. Ein Endorphin-Junkie.

Es wird nichts erklärt in diesem Film. Und das ist seine Stärke. Man staunt über die Abgebrühtheit dieses Mannes, ist schockiert über seine Gewaltbereitschaft. Aber zunehmend ist man auch fasziniert, wie er gleichzeitig gefeiert wird als Rekorde brechender Läufer und gejagt wird als meistgesuchter Verbrecher Österreichs.

Andreas Lust spielt diesen Rettenberger nicht nur; er musste ihn sich wirklich antrainieren, erlaufen. Und das spürt man in jeder Fiber seines Körperspiels. Sein Ronnie will auch niemanden an sich heranlassen, weil er ihn nur ausbremsen würde. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Eine Jugendfreundin kommt ihm irgendwann doch bedrohlich nahe, doch bevor er sich wirklich auf sie einlassen kann, entdeckt sie das Geheimnis unter seinem Bett. Die Dinge verkomplizieren sich, der Mann wird geschnappt, der Film scheint schon zu Ende. Doch dann springt der Räuber auf dem Polizeirevier aus dem Fenster und setzt an zu einem phänomenalen, nicht enden wollenden Endspurt. Er rennt und rennt und rennt, durch die Stadt, übers Land, einen Berg hinauf. Verfolgt und gejagt von der halben Gendarmerie Österreichs. Immer wieder kann er gerade noch entwischen, bis ihn, das ist wohl die böseste Ironie des Films, ausgerechnet ein gehbehinderter Rentner verwundet. Doch wie ein wundes Tier geht die Bewegung immer weiter, bis sich dieser Rettenberger, diese Geschichte wörtlich ausläuft.

Wir schauen diesem Phänomen zu wie einer Laborratte. Immer auf Halbdistanz. Das ist kein Zufall. Benjamin Heisenberg hat zuvor "Schläfer" gedreht, einen Film, der an einem naturwissenschaftlichen Institut spielte. Ein Mitarbeiter wurde vom Geheimdienst angeworben, einen muslimischen Kollegen zu bespitzeln. Es ging um vermeintliche Schläfer, um die Hysterie und Xenophobie nach dem 11. September, vor allem aber um die Versuchsanordnung, das Elaborat, wie leicht man einen Verdacht steuern und lenken kann.

In dem Schauplatz mochte man damals keinen Zufall sehen: Heisenberg trägt einen berühmten Namen - sein Vater, seine Brüder sind Wissenschaftler, sein Großvater ist der Physik-Nobelpreisträger. Der Enkel hat deshalb vorübergehend seinen Namen abgewandelt in Eisenberg. Inzwischen steht er dazu, auch wenn er mehr nach dem anderen, musischen Zweig der Familie schlägt. Seine Mutter und Großmutter haben gemalt, er selbst hat Bildhauerei studiert. Und kam so, obwohl das paradox klingt, zum Film. Es ging hier nicht um einen Ausbruch aus der Statik hin zum bewegten, in diesem Film möchten wir sogar sagen: zum gehetzten Bild. Nein, klassische Bildhauerei hat er wenig betrieben. Er hat mehr mit Video, ausgestopften Tieren, geschmolzenen Plastikobjekten gearbeitet, hat damit Fabeln erzählt. Und aus diesem Wunsch heraus, zu erzählen, näherte er sich dem Medium Film.

"Schläfer", sein Regie-Debüt, heimste zahlreiche Auszeichnungen ein. Heisenberg hat aber keine "Hall of Fame" zu Hause, wie er uns in einem Gespräch in seinem Lieblingscafé, dem "Wohnzimmer" am Helmholtzplatz, erzählt: Sie liegen alle in einer Kiste im Keller - wie die Beute des Räubers unterm Bett. Preise sind nur Impulse, Anstöße, um das nächste Projekt zum Laufen zu bringen. Der Ruhm aber hat auch sein Gutes: Heisenberg wird nicht mehr nur auf den Nobelpreisträger angesprochen. Wenn der sein Großvater sei, so hört er jetzt immer öfter, dann müsse er ja auch mit dem Regisseur verwandt sein.

Mit dem "Räuber" ist Heisenberg das ultimative bewegte Bild gelungen. Alles hat er daran gesetzt, den Thrill des Laufens zu erzeugen, dessen Dynamik zu visualisieren, den physischen Moment bis zum Ende beizubehalten. Die Berlinale hat damit einen echten Adrenalin-Stoß gewonnen. Und wir haben gerade mal Halbzeit.

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