Interview
Warum Doris Dörrie Marzahn amerikanisch findet
Fast hätte sie abgesagt. Doris Dörrie ist schwer erkältet. Und will sich eigentlich noch schonen für die Premiere ihres neuen Films "Die Friseuse", am Sonntag auf der Berlinale. Aber dann schleppt sie sich doch zum Interview. Und muss zwischendurch immer mal wieder die Nase putzen. Peter Zander hat mit ihr gesprochen.
Morgenpost Online: Wie weit war der Weg für Sie von Japan, wo Ihr letzter Film "Hanami" spielte, nach Marzahn?
Doris Dörrie: Vom Fernen Osten in den nahen Osten.
Morgenpost Online: Wobei Ihnen der Ferne Osten viel vertrauter war als der nahe.
Dörrie: Das stimmt. In Japan war ich bestimmt öfter. Und von München aus ist Berlin seltsam weit weg. Für mich hat das auch eine biografische Komponente: Meine Tochter ist 1989 geboren, im Jahr des Mauerfalls. Eigentlich musste man um diese Zeit nach Berlin, aber das ging eben nicht, wegen des Kindes. Und später habe ich mich so in der Welt herumgetrieben, dass ich es nie wirklich geschafft habe, mir den Osten zu erobern. Ganz wichtig war dann meine erste Opernregie an der Staatsoper Berlin, für mich eins der wirklich einschneidenden Ost-Erlebnisse. Aber so wirklich hatte ich das andere Deutschland nie begriffen. Heute ist meine Tochter 20, und ich dachte, jetzt müssten alle Ost-West-Konflikte überwunden sein. Das hat mich beschäftigt: Wie weit ist es doch noch ein Thema?
Morgenpost Online: Und ist es noch ein Thema? Oder könnte der Film auch in Köln oder Hamburg spielen?
Dörrie: Ich glaube, es ist eher etwas Subkutanes. Es gibt keine große Ossi-Wessi-Problematik mehr, aber unter der Haut spielt es immer noch eine große Rolle. Es gibt halt doch viele Feinheiten, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht, die uns aber doch sehr voneinander unterscheiden.
Morgenpost Online: Als Sie in Marzahn drehten, waren Sie überrascht, dass es so schlimm gar nicht aussieht. Haben wir alle ein Klischee im Kopf?
Dörrie: Unbedingt. Natürlich war ich 1989 doch mal in Berlin, und mit das Erste war, mir diese Plattenbauten dort anzuschauen. Das war damals alles sehr viel grauer und bedrückender als heute. Diese Tristesse gibt es heute nicht mehr. Für mich, der ich ja ganz anders sozialisiert bin, hat das auch etwas ganz Amerikanisches.
Morgenpost Online: Marzahn, amerikanisch?
Dörrie: Natürlich hat es noch diese Grundtraurigkeit, durch die hohe Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen sozialen Probleme. Aber es gibt dort den doch recht undeutschen Pioniergeist, dieses Gefühl des zwar Krisengeschüttelten, aber doch Unbeugsamen. Das wusste ich nicht vom Osten. Und dann ist da diese Sehnsucht nach Farbe. Im Osten gab es lange keine klaren Primärfarben. Deshalb nach der Wende diese Farbenexplosion, die ja zu den irrwitzigsten Kombinationen führte, an den Wänden, in den Haaren. Mit dem Blick von außen kann man das sehr genau beobachten.
Morgenpost Online: Haben Sie gezögert, den Film zu inszenieren, weil Sie hier so fremd sind?
Dörrie: Ja. Ich habe immer wieder gefragt: Glaubt ihr wirklich, dass ich die Richtige bin? Ich hatte aber sehr viel mehr Bedenken als die Drehbuchautorin Leila Stieler. Die ist im Osten aufgewachsen, für die war das gar nicht so das Problem, wie es mir erschien.
Morgenpost Online: "Die Friseuse" ist der totale Bruch mit Ihrer Arbeitsweise. Sie haben erstmals ein fremdes Drehbuch verfilmt. War das schwierig?
Dörrie: Ja und nein. Als Arbeitsanforderung ist es ähnlich wie in der Oper. Da bin ich ja noch mehr eingezwängt, durch Libretto und Musik. Was ich durchaus auch als Befreiung empfinde, in etwas komplett Determiniertem meine Freiheiten zu suchen. Überraschend war die Feststellung, dass ich bei meinen eigenen Drehbüchern eine gewisse Grobheit an den Tag lege, dass ich auch mal beherzt eine Szene wegschmeiße oder komplett umschreibe. An dieses Buch habe ich mich dagegen recht genau gehalten.
Morgenpost Online: Ihr Film handelt von einer realen, übergewichtigen Frisörin aus Berlin. Sie zogen selber in einem sogenannten Fettanzug durch Berlin. Was waren Ihre Erfahrungen?
Dörrie: Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt, war aber schon nach wenigen Stunden deprimiert. Das Einschneidendste ist, dass man seine Anonymität komplett verliert. Alle starren dich an, die ganze Welt hält einen Kommentar bereit. Und auch wenn man dich nicht anspricht, gibt man dir unmissverständlich zu verstehen, dass du ein disziplinloses, unmoralisches, ja aosziales Ungeheuer bist. Ich bin mit Absicht in die schicken Kieze. Es gibt ja eine klare reziproke Relation zwischen Einkommen und Körpergewicht. Wer viel verdient, ist dünn. In Amerika ist das noch extremer.
Morgenpost Online: Was halten Sie vom Klischee der fröhlichen Dicken?
Dörrie: Die gibt es nicht. Es gibt nur die, die mit enormer Kraft versuchen, nicht zuzulassen, dass sie trotz ihrer Körperfülle innerlich immer kleiner und kümmerlicher werden. So ist es mir schon nach kurzer Zeit gegangen. Nicht Kathi König, meine Titelfigur: Die lässt es nicht zu. Dazu gehört eine ungeheuere Energie. Ich hätte die nicht.
Morgenpost Online: War es schwierig, dafür Darstellerinnen zu gewinnen?
Dörrie: Es gibt eine Reihe von Schauspielerinnen, die aufgrund ihres Gewichts schwer Rollen finden. Weil unser Ideal eben die ranke, schlanke Frau ist. Die waren sehr beglückt, dass es überhaupt mal eine Rolle gab für jemanden, der etwas mehr auf den Rippen hat. Ich hätte nicht mit einer Gwyneth Paltrow arbeiten wollen, die das ja auch schon mal gemacht hat mit Computereffekten. Das ist nicht so meins.
Morgenpost Online: Es gibt noch ein Marzahn-Klischee, Cindy aus Marzahn. Auch das eine füllige Figur. Hatten Sie Angst, mit dieser zu korrelieren?
Dörrie: Nun ist das ein Comedian, die macht genau, was dieser Film auslässt: Sie lädt den Zuschauer ein, über sie zu lachen. Das macht sie auch mit großem, erstaunlichem Masochismus. Und befindet sich dabei in einer Spirale, weil sie den Spott über sich immer mehr auf die Spitze treiben muss. Mit der "Friseuse" habe ich versucht, den umgekehrten Weg zu finden: Am Anfang lacht man vielleicht noch über diese Frau, aber dann kommt man immer mehr auf Augenhöhe und fühlt am Ende mit ihr.
Morgenpost Online: Sozialkomödien dieser Art kennen wir aus Großbritannien. Warum gibt es das so selten in Deutschland?
Dörrie: Ich glaube, wir haben größere Schwierigkeiten, auf Probleme zuzugeben und offensiv mit ihnen umzugehen. Das hat aber auch was mit dem Klassenbewusstsein zu tun, das in Großbritannien eine ganz andere Tradition hat. Dort werden derartige Geschichten auf Augenhöhe erzählt. Bei uns dagegen wird immer von oben herabgeblickt, mit scheinbarem Mitleid auf das Opfer. Im sogenannten Prekariatsfernsehen geht's gleich ins andere Extrem: Da werden Figuren regelrecht ausgeliefert. Für uns scheint es schwer, aus diesen beiden Haltungen herauszufinden.
Morgenpost Online: Was bedeutet es Ihnen, zwei Jahre nach "Hanami" wieder auf der Berlinale zu sein?
Dörrie: Ich bin froh, dass "Die Friseuse" nicht im Wettbewerb läuft. Das hätte ich nicht gewollt, das war auch ein so singuläres Erlebnis mit "Hanami", daran hätte ich nicht anknüpfen wollen. Dieses Gala-Special ist genau das Richtige. Natürlich muss der Film in Berlin laufen, auch der Friedrichstadtpalast ist da ein idealer Vorführort.
von Oskar Roehler (Deutschland), mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnanyi und Armin Rohde
von Burhan Qurbani (Deutschland)
von Benjamin Heisenberg (Deutschland), mit Andreas Lust und Franziska Weisz
von Roman Polanski (Frankreich/Polen), mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan und Kim Cattrall
von Noah Baumbach (USA), , mit Ben Stiller, Rhys Ifans und Jennifer Jason Leigh
von Rob Epstein und Jeffrey Friedman (USA)
von Michael Winterbottom (Großbritannien), mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson
von Benoît Delépine (Frankreich), mit Gérard Depardieu und Isabelle Adjani
von Pernille Fischer Christensen (Dänemark)
von Hans Petter Moland (Norwegen), mit Stellan Skarsgård
von Thomas Vinterberg (Dänemark)
von Zhang Yimou (China)
von Wang Quan'an (China)
von Koji Wakamatsu (Japan)
von Semih Kaplanoglu (Türkei)
von Jasmila Zbanic (Bosnien)
von Rafi Pitts (Iran)
von Florin Serban (Rumänien)
von Alexei Popogrebsky (Russland)
von Natalia Smirnoff (Argentinien)
von Martin Scorsese (USA), mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley und Max von Sydow
von Nicole Holofcener (USA), mit Amanda Peet
von Lisa Cholodenko (USA), mit Julianne Moore, Annette Benning und Mark Ruffalo
von Karan Johar (Indien), mit Kajol und Shah Rukh Khan
von Yoji Yamada (Japan)
von Banksy (Großbritannien)
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