24.01.14

Grammy Award

Wir sind die Roboter

Kraftwerk erhalten einen Grammy für ihr Lebenswerk. Wir spielen noch einmal die größten Hits.
So reagieren Altersgenossen der Band und Menschen, die wissen, was ein Lebenswerk ist.

Autobahn (1974)

Taschenrechner (1981)

Boing Boom Tschak (1986)

Die Mensch-Maschine (1978)

Die Roboter (1978)

Das Model (1978)

Der Geschäftsmann

Als Peter Janssen 28 ist, das war vor 37 Jahren, wird er im Wedding jüngster Geschäftsführer eines Altersheims. Gelernt hatte er Koch. Aber was hieß das schon damals in West-Berlin. In West-Berlin war alles möglich. Peter Janssens Lebenswerk war der Aufbau der Peter Janssen Gruppe. Zuletzt beschäftigte er in zehn Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland 635 Mitarbeiter und 68 Auszubildende. Die Gruppe hat er inzwischen verkauft. Aber in Berlin betreibt er auch noch Häuser. Seine Tochter, Johanna Hormann, ist letztes Jahr mit 28 auch Berlins jüngste Geschäftsführerin der Berliner Mana Residenz geworden. Jedenfalls kann sich Peter Janssen noch genau an Kraftwerk erinnern. Er wippt mit zu „Autobahn“. Und auf einmal ist er wieder in seinen Zwanzigern. Auch wenn er ein bisschen schief singt, man merkt, er hat Kraftwerk wirklich geschätzt.
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Die Tänzerin

Sie war ja Malerin, träumte aber auch davon, Ballerina zu sein. Die Künstlerin sieht man ihr immer noch an. Das Tuch, so elegant um den Hals gelegt. Jeden Abend ein Glas Wein und eine Zigarette, nicht mehr und nur Extra-Light, die Lady-Zigarette. Renate Schön-Kawetzki hört „Taschenrechner“. Der Song war damals revolutionär. Kraftwerk benutzten tatsächlich kleine Rechner, um Töne zu erzeugen. „Ich bin der Musikant / Mit dem Taschenrechner in der Hand / Ich addiere / und subtrahiere / Kontrolliere / Und komponiere“, heißt es im Text. Renate Schön-Kawetzki streckt die Zunge raus, wie Einstein. Dann will sie plötzlich tanzen. Das Aufstehen fällt ihr schon schwer, ein bisschen Hilfe braucht sie mittlerweile, aber nicht viel. Tanzen kann sie ganz alleine. „Das ist die Musik, die ihr braucht. Der Rhythmus ist entscheidend.“ Wir rufen: Musik ist dann gut, wenn jede Generation dazu tanzen kann.

Der Geograf

„Boing Boom Tschak“ ist die dadaistische Lyrik, die den Klang eines Schlagzeugs imitieren sollen. Kinderlaute, ein Singspiel für Erwachsene. Als „Boing Boom Tschack" 1986 erscheint, ist Gerhard Kemnitz Lehrer in Mirow, im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Er unterrichtet Geografie. Mit dem Zeigestab kann er über Karten und Ländergrenzen hinwegfahren. Weder er noch seine Schüler wissen zu diesem Zeitpunkt, dass in wenigen Jahren die Mauer fallen wird. Und dass es dann keinen Stab mehr braucht, um nach Frankreich, Amerika oder England zu reisen. Man muss nur ein Ticket lösen, und die Welt steht einem offen. Mit seiner Frau ist Gerhard Kemnitz dieses Jahr 70 Jahre verheiratet. Gnadenhochzeit sagen einige dazu. Aber Herr Kemnitz braucht keine Gnade. Er und seine Hanni sind zufrieden. „Boing Boom Tschack“, sagt er noch einmal.

Der Maurer

Wer heute an der Russischen Botschaft in Berlin vorübergeht, Unter den Linden, da, wo die Touristenströme sich vermengen wie Blut und Plasma und was alles in den Adern fließt, der sieht das Werk von Hans-Joachim Richter. Nach dem Krieg, er ist noch nicht mal 20 und trotzdem so erwachsen, baut er als Maurer im Ostsektor mit seinen Händen Stein auf Stein die Botschaft auf. 1953 flieht er in den Westen. Verdingt sich hier und dort. Auch im Ruhrgebiet. Vor 30 Jahren wird er als Schauspieler entdeckt, spielt einen Trinker im Schimanski-Tatort. Tanzt bei „My Fair Lady“ im Theater des Westens. Er lag so lange im Koma vor einiger Zeit. War angeschlossen an Maschinen, an unzählige Schläuche. „Die Roboter“ hört er. Er schließt die Augen, macht sie wieder auf. „Roboter sind so gut. Sie retten Leben. Maschinen sind unsere Zukunft.“ Die Operationen, es sind so viele, er kann sie nicht mehr zählen, hat er überlebt. Er hat einen künstlichen Darmausgang. Aber Herr Richter kann noch tanzen, er kann noch lachen. Er lebt noch. Er hat es den Robotern zu verdanken.

Der Gleichaltrige

Er wird im gleichen Jahr geboren wie Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter. Kammerer wächst bei Regensburg auf. Hütter in Krefeld. Er geht an die Akademie Remscheid. Kammerer studiert Architektur in München. Später wird er die Residenz bauen, in der unsere Senioren heute wohnen. Seine Augen beginnen zu leuchten, als er die ersten Takte von „Das Model“ hört. 1978 bringen Kraftwerk diesen Song heraus, Kammerer gründet mit Freunden das erste eigene Architekturbüro. Weniger als vier Minuten geht das Stück. Einfaches Schlagzeug. „Sie ist ein Model und sie sieht gut aus“, singt Kammerer jetzt mit. Er summt und denkt an früher. Wie kühl der Song doch ist, wie steril. So muss sich nicht erwiderte Liebe anfühlen. Der Text zu „Das Model“ wurde nicht von Kraftwerk geschrieben, sondern von Emil Schult, einem Beuys- und Richter-Schüler. Und der war damals wirklich in ein Model verliebt. „Das Model“ ist ein zeitloses Stück. Gesetzmäßigkeiten wie „Sie trinkt im Nachtklub immer Sekt, korrekt / Und hat hier alle Männer abgecheckt“, gelten auch noch dieses und die nächsten Jahre auf jeder Fashion Week. Das betrunken klingende, herrlich gelallte „korrekt“ auf der Aufnahme stammt übrigens von einem Düsseldorfer Kellner, der tatsächlich immer Sekt ausschenkte.

Die Reisende

Was für ein großer Song. So unterkühlt. So fröstelnd. „Mensch-Maschine/ Halb Wesen und halb Über-Ding“, wird der Text durch die Schaltkreise geschickt. Druiden-Pop, immer gleich, die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung. Was für die einen bedrohlich ist, wirkt für Margarete Klusemann entspannend. Fünf Jahre nach dem Erscheinen von Mensch-Maschine wird Margarete Klusemann ein Kulturzentrum in Graz leiten. Sie wird selber Kunst, wenn nicht machen, dann organisieren. So trägt jeder seinen Teil zum Lebenswerk bei.
Idee und Texte: Frédéric Schwilden, Videos: Reto Klar, Schnitt: Max Boenke, Interaktive Umsetzung: Julius Tröger, Hintergrund-Musik: Patrick Goldstein