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12.01.10

Schirrmacher-Debatte

Macht das Internet nun schlau oder dumm?

Zuletzt sorgte Frank Schirrmacher mit seinem Buch "Payback" für Aufsehen, in dem er das Internet als Gehirn zersetzende Erfindung geißelte. Einige Wissenschaftler widersprechen ihm. Manche glauben sogar, dass sich durch die Kraft des Internets Ayatollahs, Mullahs und Päpste stürzen lassen.

© dpa/AFP
Kann man per Internet Papst Benedikt XVI. oder Ayatollah Ali Khamenei stürzen? Manche glauben es
Kann man per Internet Papst Benedikt XVI. oder Ayatollah Ali Khamenei stürzen? Manche glauben es

Im Sommer 2008 veröffentlichte Nicholas Carr den Artikel "Is Google Making Us Stupid?" Seine These: "Ich denke nicht mehr so, wie ich früher dachte ...Das Internet erodiert meine Konzentrationsfähigkeit, meine Kontemplationsfähigkeit." Oder, wie es Frank Schirrmacher zwei Jahre später in dem auf Buchlänge aufgeblähten Remake des Artikels schrieb: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit."

Nun hat der geniale Literaturagent und Vernetzer John Brockman in seinem Online-Magazin "The Edge" seine Autoren, Freunde und Feinde auf das Problem losgelassen: "Wie verändert das Internet die Art, wie Sie denken?", lautete seine diesjährige Frage (2009 fragte er: "Was würde alles verändern?" 2008: "Worüber denken Sie inzwischen anders?" 2007: "Was stimmt Sie optimistisch?").

Unter den 114 Autoren (fast alle aus der angelsächsischen Welt), die auf Brockmans diesjährige Frage antworten, halten sich Optimisten und Pessimisten die Waage. Carr selbst wiederholt seine These, dass der Niedergang des Buchs zum Niedergang des Denkens führt: "Das Buch konzentriert die Aufmerksamkeit, isoliert uns von den tausendfachen Ablenkungen, die uns umgeben. Ein vernetzter Computer tut das genaue Gegenteil." Da tiefes Nachdenken Konzentration erfordert, müsse ständige Ablenkung zur Verflachung des Denkens führen.

Auch der Evolutionsbiologe Daniel C. Dennett gehört zu den Skeptikern. Er erinnert an das Diktum Lord Actons: Die Macht korrumpiert, die absolute Macht korrumpiert absolut. "Wir alle sind heute im Besitz fast absoluter Macht in vielen - aber nicht allen - Dimensionen des Denkens, und da dies das Verhältnis zwischen leicht und schwer immens verzerrt, kann uns das auf eine Weise korrumpieren, die wir nicht verhindern können."

Dennetts Kollege (und Mitkämpfer gegen den "Gotteswahn") Richard Dawkins hingegen sieht in der Ermächtigung der vielen durch das Netz ein Menetekel für die heute Mächtigen und hofft, "dass das schnellere, allgegenwärtige und vor allem billigere Internet der Zukunft den ersehnten Sturz der Ayatollahs, Mullahs, Päpste, Televangelisten und aller anderen befördern wird, die durch die (zynische oder ehrlich gemeinte) Kontrolle der Leichtgläubigen Macht ausüben."

Mehrere Autoren weisen aber darauf hin, dass der Aufstieg der Blogosphäre es Anhängern von Verschwörungstheorien, Sektierern, Klimaskeptikern und Radikalen aller Couleur ermöglicht, sich ausschließlich mit Informationen zu versorgen, die ihre spezifischen Überzeugungen verstärken. So sei "das Netz der Netze" genau das: gleichzeitig ein Instrument zur Verbindung und zur Fragmentierung der Weltgesellschaft.

Nassim Taleb, Investmentbanker, "Risikoingenieur" und Autor des Bestsellers "The Black Swan", glaubt, dass "Informationen die Menschen in Narren" verwandelten, die mehr zu wissen glauben, als sie wissen können; diese Hybris, gekoppelt mit globalen Informationsströmen, verwandelten die Welt in "Extremistan", wo "Moden wie Harry Potter oder das Misstrauen in Banken durch gegenseitige Abhängigkeit sich planetar verstärken". Hingegen betonen viele Naturwissenschaftler, dass - etwa - die auf "Wikipedia" zu findenden mathematischen oder medizinischen Informationen erstaunlich zuverlässig seien.

Was passiert also, wenn eine Technik es uns ermöglicht, "unser Gedächtnis zu outsourcen"? Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (das auf Englisch interessanterweise "Institute for Human Development heißt) weist darauf hin, dass die Menschheit etwas Ähnliches schon einmal erlebt hat: nämlich als die Erfindung der Schrift das Auswendiglernen und die entsprechenden Formen und Fertigkeiten des Tradierens (etwa das Versepos und die Barden) überflüssig machten.

"Das Internet ist eine Art kollektives Gedächtnis, an das wir uns gewöhnen werden, bis wir eine neue Technologie entwickeln, an die wir andere kognitive Fähigkeiten outsourcen und - hoffentlich - neue entwickeln werden."

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