Zehn Jahre Container-TV
Bei Big Brother träumte man sich zuerst zum Star
Vor zehn Jahren startete die Sendung "Big Brother" in Deutschland. Das Leben von zehn Menschen wurde drei Monate lang in einem abgeschotteten Haus 24 Stunden lang gefilmt und live übertragen. "BB" war der Vorläufer von Web 2.0, Twitter, Facebook. Also von allen Formaten, die die Masse selbst hervorbringt.
Von Torsten Thissen
Intrigen, Sex und Spielchen - das ist "Big Brother". Doch das auch "Container-TV" genannte Format hatte noch viel prominentere Bewohner.
Bart war der Erste. Nach drei Monaten in einem Wohncontainer am Rande der Stadt Almere in der niederländischen Provinz Polderland trat er ins Freie, er war um 250.000 Gulden reicher, 10.000 Gulden boten ihm Gastwirte in Amsterdam zudem an, wenn er einen Abend lang bei ihnen zapfen würde.
Von jetzt auf gleich war etwas Besonderes mit dem namenlosen 24-Jährigen geschehen: Er hatte einen Vornamen bekommen. Bart. Der arbeitslose Soldat war der Erste seiner Art, Tausende sollten ihm folgen in mehr als 70 Ländern, auf allen Kontinenten, Männer, Frauen, Muslime, Christen, Schwarze und Weiße.
Es war klar, dass früher oder später Big Brother, eine vom Niederländer John de Mol entwickelte Fernsehsendung, in der das Leben von zehn Menschen drei Monate lang, 24 Stunden am Tag von Fernsehkameras aufgezeichnet wird, auch nach Deutschland kommt. Die Kritiker rüsteten sich: "Im März startet auf RTL 2 die anspruchsloseste Sendung, die das Fernsehen je gebar, schrieb Ansgar Graw in der "Welt".
Dann schließlich lief diese Sendung an, und sie schäumten: "Kommt nach Big Brother noch Groteskeres? An den Medien ist es, dies zu verhindern." (Roger de Weck, "Die Zeit"). Am schlimmsten traf das Großkritikertum wohl ein Bewohner namens Zlatko, von seinen Fans respektvoll "The Brain" genannt.
Ein Mann der nach eigenem Bekunden noch nie ein Buch gelesen hatte, Shakespeare nicht kannte, aber von "Romeo und Julia" gehört hatte, es jedoch als "Deppengeschwätz" abtat. Als Tausende dem Kfz-Mechaniker bei seinem Auszug aus dem "Haus" im Kölner Vorort Hürth bejubelten, schrieb ein frustrierter "Pop-Literat" namens Eckhart Nickel in dieser Zeitung: "Die Masse vor den Toren fordert von den Teilnehmern "Vergewaltigungen". Warum nicht auch "Mord?" Und das alles nur, weil zehn auserwählte Menschen sich freiwillig in die Folter begeben haben. Die Gesetze der Straße, von der man den arbeitslosen Industriemechaniker aus der schwäbischen Provinz mitten in die Medienwelt geholt hat, gelten plötzlich auch für ganz Deutschland."
Zehn Jahre Big Brother, am 28. Februar 2000 startete die erste Staffel in Deutschland, morgen geht die Show in die zehnte Runde. Es ist ein Grund zu feiern, denn die Kultur des Abendlandes ist entgegen der Prognosen nicht untergegangen.
Im Gegenteil: Big Brother, das schlichte Konzept, erfunden in der künstlichen Umgebung einer niederländischen Reißbrettstadt, die unser Nachbarland erst ein paar Jahre zuvor dem Meer entrissen hatte, war das innovativste, interessanteste Medienformat der vergangenen Jahrzehnte. Vorbild und Vorlage für zahllose Fernsehsendungen, in denen Menschen von der Straße zu Protagonisten werden, für die "Super-Nanny", das "Dschungel-Camp" und "Raus aus den Schulden".
Ohne Big Brother auch kein "Deutschland sucht den Superstar", denn erst Big Brother machte klar, wie viel Potenzial in den Millionen von Namenlosen steckt. Selbst die viel geschmähten Call-In Shows können sich auf Big Brother berufen. Denn die Anrufe der Zuschauer, die bestimmen, wer den Container verlassen muss und wer bleiben darf, brachten genauso Geld wie die Werbeerlöse.
Nicht zuletzt war Big Brother Vorläufer des Webs 2.0, von Twitter und Facebook, wo Geniales, Belangloses und Geschmackloses frei publiziert werden kann, wo die Masse der Fans, Freunde, Leser entscheidet, was wert ist, angesehen zu werden und was nicht.
Big Brother warf die Show-Gesetze wie man sie bisher in Deutschland kannte über den Haufen. Bis Big Brother galt, dass alles vorherbestimmt sein musste, jeder Gag wurde geprobt, Ablaufpläne eingehalten und lediglich bereits bekannte Menschen oder welche, die etwas Außergewöhnliches konnten, durften ihre Gesichter in die Kameras halten.
Rudi Carrell der Beste während dieser Fernsehepoche in Deutschland sagte einmal: "Witze die man in der Sendung aus dem Ärmel schütteln will, muss man vorher hinein gesteckt haben". Vor Big Brother war Fernsehmacher nichts mehr verhasst als das Unerwartete, Unkalkulierbare.
Mit Big Brother änderte sich das. Fernsehmacher schufen zwar immer noch eigene Realitäten, doch sie ließen ihren Figuren Raum zur Improvisation, lediglich die Rahmenbedingungen wurden festgelegt. Big Brother war ein Tabubruch, nicht weil es die Kandidaten überforderte, den viel gescholtenen Medien ließ, sondern weil es Medien und Medienmacher überforderte, ganz ähnlich wie heute das Web 2.0. Big Brother sagte: Ihr seid jahrzehntelang aufwendiger geworden, habt Millionen investiert und Stars einfliegen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und all das hat euch wenig genützt, langweilig seid ihr, altbacken.
Und, was am wichtigsten ist, mit euch kann man kein Geld verdienen. Wir hingegen sind billig, wir sind dumm, aber selbst wenn wir Druckmaschinen hätten, könnten wir nicht mehr Geld haben. Ein Titel wie "Großer Bruder" mit Zlatko und Jürgen brachte es auf 850.000 verkaufte Kopien, "Ich vermiss’ dich wie die Hölle", von Zlatko war 15 Wochen lang Nummer Eins in Deutschland und Österreich. Damals stand in einer Zeitung, die Sendung sei lediglich gemacht, um Geld zu verdienen. Man möchte den Autor am liebsten umarmen, so naiv klingt das heute.
Das Fernsehen fand Antworten auf Big Brother. Und nicht nur Trash: Es ist kein Zufall, dass der Boom aufwendig und intelligent gemachter Fernsehserien auch zu dieser Zeit begann. Die "Sopranos" etwa starteten im gleichen Jahr. Und dass mag auch die Menschen trösten, die im Web 2.0 lediglich eine Bedrohung sehen.
Oder wie Jürgen, der Publikumsliebling der ersten Staffel heute sagt: "Ich danke Big Brother auf Knien, dass ich damals diese Chance bekommen habe." Jürgen hat inzwischen auch einen Nachnamen. Der lautet Milski. Jürgen Milski ist nun Sänger, Moderator und Millionär statt Feinblechner bei Ford.
Lesen Sie am 12. Januar die ausführliche Kritik zur Sendung "Big Brother" auf Morgenpost Online.
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