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Helge als Hitler – in einer neuen Version
Mit einem noch unbekannten Anfang entzückt Regisseur Dani Levy die Fans seines Films "Mein Führer". Für die DVD holte er eine Szene hervor, die für den Kinofilm gekappt wurde. Daraufhin hatte sich Darsteller Helge Schneider beschwert.
Ein Lachen, gackernd, und eine vom Verschleiß der Jahrzehnte verknarzte Stimme hebt an: "Ich glaube, ich muss mich vorstellen. Mein Name ist Adolf Hitler". Es ist eine Stimme der Vergangenheit und doch eine aus der Gegenwart: keine historische Aufnahme, sondern der mittlerweile 117 Jahre alte Diktator ("Ich habe lange geschwiegen") persönlich, der endlich die "Die wirklich wahrste Wahrheit" unter sein Volk bringen möchte.
So begann Dani Levys "Mein Führer", den im Frühjahr über 800.000 Menschen gesehen haben, und doch wird keiner diesen Anfang erinnern – er wurde vom Regisseur gekappt, bevor er das Kino erreichen konnte. Dass der Hausfrieden in der Reichskanzlei schief hing, war Anfang Januar publik geworden, als Helge Schneider sich beschwerte, seine Darstellung des Diktators sei "zerschnippelt" und reduziert: "Beim Schnitt ist die Aussage im Nachhinein verändert worden".
Produzent X-Filme zog ob dieser ziemlich einzigartigen Distanzierung des Titel-"Helden" sämtliche verfügbaren Abwiegelungsregister – und schaffte es, das PR-Desaster in zusätzliche Neugier zu verwandeln, wie man einen drohenden Flächenbrand zum nützlichen Lagerfeuer domestiziert.
Die Bonus-DVD des Levy-Films gestattet nun einen Blick auf den Schwelbrand, der lange vor der Schneiderschen Verpuffung am "Führer" fraß. Der Brandherd gründete – entgegen dem weitverbreiteten Eindruck – nicht in der gekränkten Eitelkeit eines Stars, dem man ein paar Szenen "gestohlen" hatte. Die Krise brach Monate vorher aus, als im Mai 2006 nach einer Testvorführung in München die Lichter angingen, der erste Probezuschauer "Scheißfilm" rief und das restliche Publikum über die Komödie auch nicht lachen mochte.
Die Fehlersuche konzentrierte sich bald auf die Struktur des Films. Im Prinzip handelte er von einem jüdischen Schauspieler Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe), der kurz vor Kriegsende aus dem KZ geholt wird, um den in Depressionen versunkenen Gröfaz für eine das Volk mitreißende Rede wieder in Form zu trimmen. Der Filmtitel jedoch gehörte Grünbaums Kontrahenten und nicht nur der Titel: Hitler trat auch zu Beginn und Ende als Rahmenerzähler auf und überlebte bis heute – im Gegensatz zum vorgesehenen Sympathieträger.
Stimmen im Hintergrund sind ein etabliertes Mittel des Erzählens, in der Literatur wie im Kino, bergen aber immer ein Risiko – vor allem, wenn die Person zur Stimme zusätzlich sichtbar in der Handlung auftaucht. Solch ein Erzähler – oft besetzt in gravitätisch tiefer Stimmlage – strahlt Autorität aus und lenkt Denken und Sympathie des Publikums.
Ein kluger Regisseur macht sich diese Konvention zunutze und kann durchaus kalkuliert dagegen verstoßen. In den "Üblichen Verdächtigen" etwa stellt sich heraus, dass der Erzähler Kevin Spacey nicht nur die Polizei, sondern auch das Publikum genarrt hat. In "Fight Club" entpuppt sich der Erzähler als in Edward Norton und Brad Pitt gespaltene Persönlichkeit. In "Rashomon" wiederum berichten gleich vier Erzähler vom gleichen Ereignis, was einerseits die Autorität des Stilmittels untergräbt und andererseits die Subjektivität von Wahrheit illustriert.
In all diesen Fällen erfüllte der Erzähler eine wohl definierte dramaturgische Funktion. Der Erzähler Hitler jedoch, gesteht Levy im Bonusmaterial zu, war "aus dem Bauch heraus" geschrieben. Und man kann sich sein Vergnügen beim Fabulieren vorstellen, wenn er den 117-Jährigen in einem Wellness-Hotel bei Berchtesgaden einquartiert, vor einer Staffelei mit einem Porträt von Hündin Blondi, mit neuem Kammerdiener (der alte wurde als "Hitlerleiche" verbrannt) – und ohne Reue die alten Phrasen von den Herrenmenschen und der jüdischen Weltverschwörung auf den Lippen, mit dem ominösen Schlusssatz: "Ich stehe jederzeit wieder als Reichskanzler zur Verfügung!"
Ein Widerspruch drohte "Mein Führer" zu zerreißen
Es gab in seinem Film also, dämmerte Levy nach der Testvorführung, eine Figur, mit der man sich emotional identifizieren sollte (Adolf Grünbaum), und eine, welche die besten Pointen für sich hatte (Adolf Hitler). Wem aber die Pointen gehören, der hat schon halb gewonnen, und dieser Widerspruch drohte "Mein Führer" zu zerreißen.
Nun vermag Widerspruch produktiv zu sein und Provokation zur Erkenntnis zu führen, immer vorausgesetzt, die Verunsicherung findet auf einigermaßen festem Boden statt. Die Ratlosigkeit des "Führer"-Publikums lässt sich daher nicht allein auf Levys dramaturgische Fehlkalkulation zurückführen, sondern auch auf eine Überschätzung der deutschen Rückkehr zur "Normalität".
Vor zehn Jahren hatte Armin Mueller-Stahl in "Gespräch mit dem Biest" Hitler schon einmal überdauern lassen, nicht im voralpinen Komfort, in einer düsteren Höhle unter der Berliner S-Bahn. Damals brachte sein Jetztzeitbesucher den Greis am Schluss noch um, gerechtigkeitshalber, sozusagen, und sicherheitshalber.
In der Zwischenzeit haben wir begonnen, über die Nazis zu lachen, und in der Tat, sogar deutsche Produktionen zupfen schon am Führerschnäuzer – aber anscheinend bedarf es weiterhin einer stabilen moralischen Reling, woran man sich mit einer Hand festhalten kann, während die andere Tränen des Gelächters von der Wange wischt.
Die Bonus-DVD erlaubt – obwohl bedauerlicherweise nicht die gesamte Fassung der Testvorführung zu sehen ist – Einblicke in den Entstehungsprozess dieses Films. Im Gegensatz zu vielen anderen von Anfang an strikt durchgeplanten DVD-
Produkten spürt man hier auch den Zweifel des Filmemachens. Dani Levy ist nicht der Monomane, der alles besser weiß, und wir bekommen eine Vorstellung davon, wie "Mein Führer" in dem halben Jahr von Testvorführung bis Premiere umgeformt worden ist; unter anderem ist auch ein Nebenstrang über eine Affäre von Joseph Goebbels mit Eva Braun zu sehen, der entfernt wurde, um den Fokus auf die beiden Adolfs zu konzentrieren. Somit dürften wir der wirklich wahrsten Wahrheit über "Mein Führer" ziemlich nahekommen.
Mein Führer (Warner). Zwei DVDs, ab 10.9. im Handel














