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05.12.09

Ost-Rapper

Sido hält "Popstars" für unmenschlich

Vor kurzem outete sich Sido als Ossi und geht jetzt damit hausieren: Der Rapper tut es also seinem ehemaligen "Popstars"-Kollegen Detlef D. Soost gleich. Doch auf die Castingshow ist Sido im Interview mit Morgenpost Online gar nicht mehr gut zu sprechen. Was dort passiert, hält er für "unmenschlich".

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"Pass auf, ich erzähl dir was / Damit du nicht mehr traurig bist / Etwas, das für dich bestimmt wirklich ziemlich unglaublich ist / Ich bin im Osten aufgewachsen - ja, du hörst richtig! / Doch dass es da 'ne Mauer gab, interessierte mich nicht / Ich war ein stolzer Pionier, obwohl eingesperrt wie ein Tier." (aus dem Song "Hey Du" von Sido)

Morgenpost Online: Was ist so unglaublich daran, im Osten aufgewachsen zu sein?

Sido: Es ist für alle unglaublich, die mich als denjenigen kennen, der West-Berlin feiert wie kein Zweiter. Ich habe Lieder gemacht über West-Berlin und T-Shirts mit "West-Berlin" drauf. Ich war der Anführer der West-Berlin-Welle in HipHop.

Morgenpost Online: Wann war das?

Sido: Zwischen 2000 und 2005. Da war West-Berlin eine Marke im deutschen HipHop.

Morgenpost Online: Warum wollte sich der Westen wieder vom Osten abgrenzen?

Sido: Weil es im Osten auch Rapper gab. Das war nichts Politisches, eine normale Rap-Geschichte. Unser nächster Feind war die Rap-Elite im Osten. Fanden wir einfach krass damals. Das ist nun Geschichte.

Morgenpost Online: Warum haben Sie Ihre Herkunft bis heute verheimlicht?

Sido: Als wir rübergegangen sind, bin ich erst ins Asylantenheim gekommen. So haben einen die Leute auf der Straße dann auch behandelt. Mit Schlägen. Ich musste mich behaupten, und um cool zu sein, habe ich mit den Jungs lieber Scheiße gebaut. Bei Aldi eingestiegen und so. Irgendwann sind wir umgezogen im Westen, und ich hab gesagt: So, jetzt erzähl ich's einfach keinem mehr. Ich hatte auch nicht mehr diese Ostler-Klamotten an.

Morgenpost Online: Was trug der Ostler seinerzeit?

Sido: Heute würde man Jogging sagen. Adidas-Jacken waren damals Ostler-Jacken. Mit komischen Mustern. Vielleicht aus Kuba.

Morgenpost Online: Wann sind sie ausgereist?

Sido: 1989. Kurz vor dem Mauerfall, unter Egon Krenz.

Morgenpost Online: Sie sind 1980 geboren. Sie waren neun. Worin unterschieden sich 1989 Grundschüler in Ost und West?

Sido: Die Schule. Die Erziehung. Alles war eben grundsätzlich verschieden. Kindern wurde das Sozialistische besonders eingepeitscht. Im Westen waren die Kinder größer. Als ich meinen ersten Döner gegessen habe, hat mich das Glutamat fast umgehauen. Ich dachte, ich bin im Himmel. Und erst das Spielzeug! Ich hatte Holzspielzeug im Osten.

Morgenpost Online: Wo hatten Sie in Ost-Berlin gelebt?

Sido: Zwei Minuten vom Alex. Im Plattenbau.

Morgenpost Online: Vom Asylantenheim zogen Sie ins Märkische Viertel, das sie in ihren Songs so malerisch bedichten als Plattenbau-Ghetto des Westens?

Sido: Nein. Vom Asylantenheim nach Lübeck zu Verwandten. Vorübergehend zurück in den Osten, 1990, als Deutschland Weltmeister wurde. Dann wieder nach Wedding. Ab der fünften Klasse lebten wir im Märkischen Viertel.

Morgenpost Online: Warum offenbaren Sie sich jetzt?

Sido: Es war an der Zeit. Ich wollte es loswerden. Wer mich jetzt noch deswegen diskriminiert, ist ein Idiot. Ich stehe da schon länger drüber, kam aber schlecht aus dem West-Berlin-Ding raus.

Morgenpost Online: Dafür gehen sie nun mit ihrer Herkunft hausieren.

Sido: Passt ja auch prima in die Zeit. 20 Jahre nach dem Mauerfall.

Morgenpost Online: Bei jeder neuen Platte haben Sie etwas gefunden, um auf sich aufmerksam zu machen. Bei der letzten Platte nahmen Sie die Maske ab, Ihr Markenzeichen. Heute demaskieren Sie sich als Ostler. Das sieht doch alles sehr nach Marketing aus.

Sido: Können Sie so schreiben. Ich unterschreibe.

Morgenpost Online: Zuletzt wirkten Sie in der Jury der Sendung "Popstars" mit. Da haben Sie heute einen Ruf zu retten.

Sido: Ich habe kein Image-Problem. Rüpel-Rapper, Maskenmann, Sozialarbeiter, so etwas entwirft die Presse, nie man selbst. Ich weiß nicht, ob mir "Popstars" geschadet hat. Ich hätte es nicht machen sollen. Ich war naiv. Ich dachte, es geht um Musik. Es geht aber darum, wessen Mutter Krebs hat. Wir wurden angehalten, jeden rauszuschmeißen, bei dem nichts Schlimmes los war. Heute sage ich: "Popstars" ist unmenschlich.

Morgenpost Online: Detlef D. Soost, der Oberjuror der Sendung, thematisiert seine schwierige Ost-Herkunft geradezu besessen.

Sido: Hätte ich auch machen können, wenn ich mich früher getraut hätte. Detlef macht schlaues Business.

Morgenpost Online: Womit kann man sich schmücken, wenn man in der DDR sozialisiert wurde?

Sido: Man war unterdrückt. Man hatte es schwer.

Morgenpost Online: War es wirklich so?

Sido: Ich war zu klein. Aber meine Mutter hatte es schwer. Sie ist dunkelhäutig wie Detlef von "Popstars". Unser Nachbar hat uns bespitzelt, er saß nachts auf meinem Fensterbrett. Ob man so etwas geträumt hatte oder nicht, spielte keine Rolle, wenn ein kleiner Junge solche Bilder mit sich herumtrug.

Morgenpost Online: Wodurch macht sich der Ossi in Ihnen bemerkbar?

Sido: Ich bin ein sehr fleißiger, gewissenhafter Mensch. Ich hasse Autoritäten, bin aber selbst sehr streng mit meinen Mitmenschen. Ich hasse es, Leute zu bezahlen, die faul sind und sich ins gemachte Netz setzen. Ich habe die Linke gewählt.

Morgenpost Online: Das klingt nicht unbedingt links.

Sido: Nö. Aber ich bin ein Linker. In meinem Umfeld gebe ich Leuten eine Chance, indem sie für mich arbeiten.

Morgenpost Online: Sie hatten einigen Ärger mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Darf sich der Staat in Musik einmischen? Fühlen Sie sich an die Zensur der DDR erinnert?

Sido: Der Staat muss ein Auge darauf haben. Es muss so eine Stelle gegeben, und es gibt Sachen, die verboten werden müssen. Pornografisches, Propaganda, Rechtes. Bei HipHop fühle ich mich allerdings ungerecht behandelt.

Morgenpost Online: Sie erklären sich heute gern. Sind sie pädagogischer geworden?

Sido: Ich habe ja Erzieher gelernt.

Morgenpost Online: Wer aus dem Osten kommt, muss sich seit 1989 fragen lassen, ob er im neuen Deutschland angekommen ist. Sind Sie?

Sido: Voll. Ich bin ja Westler, wenn man die Jahre miteinander verrechnet. 20 zu acht. Ich bin die gelebte Deutsche Einheit.

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