Schenkels Bestseller
"Tannöd"-Film verrauscht im deutschen Wald
Samstag, 8. Oktober 2011 11:04 - Von Peter ZanderEs ist neben der "Päpstin" die zweite große Bestseller-Verfilmung des Herbstes. Bettina Oberli hat aus Andrea Maria Schenkels Krimi "Tannöd" einen etwas anderen Heimatfilm gemacht. Obwohl darin Julia Jentsch zur Sympathieträgerin wird und Monica Bleibtreu groß aufspielt, bleibt das Werk einiges schuldig.
Hermann-Josef Emons hatte den „Tannöd“ schon mal auf seinem Schreibtisch. Als Andrea Maria Schenkel noch einen Verlag für ihren Roman suchte. Emons hat damals eine Woche zu lang gezögert und dürfte sich noch heute ärgern, dass der Bestseller, der sich allein in Deutschland 600.000 Mal verkauft hat, nicht in seinem Verlag erschien. Deshalb hat Emons bei den Filmrechten als Erster zugelangt und ist nun einer der Produzenten.
Dass Emons damals gezaudert hat, kann man verstehen. „Tannöd“ war ein Experiment. Kein klassischer Krimi, sondern ein Puzzle aus lauter Einzelteilen, die ein größeres Ganzes, aber auch keine Einheit ergaben. Lauter Verhöre von Zeugen (und potenziellen Verdächtigen), die ein Verbrechen aus diversen Perspektiven beleuchten und ständig anders erzählen. Der spröde Erzählstil versagt sich dabei alle Metaphern und literarischen Mittel.
Hätte Emons auch bei der Verfilmung gezögert, man hätte es wieder verstehen können. Die Unverfilmbarkeit eines Buches ist zwar ein Mythos, den es stets aufs Neue zu widerlegen gibt. Aber gerade „Tannöd“ sperrt sich konsequent einer adäquaten Umsetzung. Und so wurde, unter der Regie von Bettina Oberli, etwas ganz Anderes daraus. Ein neuer Heimatfilm.
Schon die Buchautorin hat den historisch belegten (und nie geklärten) Fall aus dem Jahr 1922 sinnig in die Fünfzigerjahre verlegt, in jene Nachkriegszeit, in der das Verschweigen jüngerer Verbrechen quasi zum Kitt einer ganzen Gesellschaft wurde. Das Drehbuch von Petra Lüschow erfindet aber neben all den finsteren Verdächtigen eine strahlende Sympathieträgerin: Kathrin (Julia Jentsch), eine Heimkehrerin, die aufs Land kommt und den starren Mikrokosmos Dorf empfindlich durcheinander bringt. Ein fester Bestandteil so vieler Heimatfilme der Fuffziger.
Eigentlich will Kathrin nur ihre Mutter beerdigen. Aber überall stößt sie auf die anderen Todesfälle, die sich zwei Jahre zuvor zugetragen haben, als sechs Menschen im Tannödhof bestialisch erschlagen wurden. Selbst beim Leichenschmaus kommt man immer wieder auf dieses eine Thema.
Die alte Traudl (Monica Bleibtreu), deren Schwester auch unter den Tannöd-Toten war, belästigt alle mit Verdächtigungen und Unterstellungen. Doch auch die Bauernfamilie, bei der Kathrin unterkommt, scheint mehr zu wissen, als sie preisgibt.
Bettina Oberli, die bislang nur mit der kleinen Schweizer Komödie „Die Herbstzeitlosen“ von sich reden machte, hat nun neben der „Päpstin“ die deutsche Bestsellerverfilmung des Herbstes zu stemmen. Und tut es in kräftigen Kontrasten. Hier der Mordwinter: fröstelnd inszeniert in kalten, dunklen Bildern, in denen der deutsche Wald bedeutungsschwer rauscht.
Da der Sommer zwei Jahre danach, der zunächst milderes Licht übers Dorf schimmern lässt. Wo die Geschehnisse von einst auch nachts als Lagerfeuergeschichte erzählt werden. Nur dass da immer mehr flackert als nur das Holz im Feuer.
Sie bürstet damit immerhin das Genre gegen den Strich: So viel ist im Heimatfilm noch nie über Schuld geredet worden. Was die Ursachenforschung über den Nährboden von Gewalt angeht – das ganze Dorf scheint irgendwie in die Untat verstrickt –, wirkt „Tannöd“, der Film manchmal fast wie der kleine Bruder von „Das weiße Band“.
Zuletzt freilich schrickt der Film vor dem bewusst offenen Ende des Buches zurück – und gönnt sich eine eindeutigere, aber auch nicht befriedigendere Auflösung. Schade. Eine adäquate, gar kongeniale Adaption ist dabei nicht herausgekommen. Zweierlei wird dem Film dennoch seine Aufmerksamkeit sichern: Erstens wurde pünktlich zur Filmpremiere am Wochenende ein Rechtsstreit in zweiter Instanz beigelegt, demzufolge Schenkels Roman kein Plagiat ist.
Und zweitens spielt die jüngst verstorbene Monica Bleibtreu hier ihre letzte große Kinorolle (ein kleiner Auftritt wird noch folgen in Akins „Soul Kitchen“). Ihr Sohn Moritz beschwor bei der Premiere alle, den Film nicht als Vermächtnis zu sehen, sondern als das, was er ist. Der Rat wird wohl verhallen. Alle wollen noch einmal die große Monica Bleibtreu erleben. Und kein Film wäre dabei passender als „Tannöd“, hat sie den Roman doch auch schon als Hörbuch gelesen.
Erschienen am 18.11.2009







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