Musical "Hairspray"
Der Verstörer John Waters wird familientauglich
Mittwoch, 18. November 2009 15:44 - Von Harald PetersEinst war er ein Bürgerschreck. Mittlerweile hat sich John Waters zu einer kulturellen Instanz entwickelt. Denn in seinen vergangenen Kinofilmen ging es weniger um jugendfreie Themen als um gutes Benehmen. Jetzt kommt sein erfolgreiches Musical "Hairspray" nach Deutschland.

John Waters ist hochzufrieden. Am Vorabend hat der 63-jährige Regisseur sich im Londoner Shaftesbury Theatre zum ungezählten Mal die Musicalversion seines "Hairspray"-Films angesehen und eine Feinheit entdeckt, die er noch nicht kannte. An einer Stelle schnäuzte eine Schauspielerin in ihr Taschentuch, um anschließend den Ertrag versonnen zu verspeisen. „Das kannte ich noch nicht“, sagt Waters. „Das muss eine britische Spezialität sein. Aber es fängt exakt den Geist meines Films ein.“
Für John Waters war "Hairspray" der erste überschaubare Mainstream-Erfolg. Fünf Kinofilme lang hatte er sich mit wenig jugendfreien Themen wie Inzest, Serienmord und Vergewaltigung den Ruf als König des schlechten Geschmacks erworben. In "Hairspray" näherte er sich dem schlechten Geschmack dann eher von der familientauglichen Seite. Das kam bei vielen Familien gut an. Eine dieser Familien lieh sich vor wenigen Jahren das Video von Waters’ empörendem Frühwerk „Pink Flamingos“ aus und fühlte sich derart von dem Film traumatisiert, dass sie Anzeige erstattete. John Waters musste ein Bußgeld von 5.000 Dollar zahlen.
Doch seit „Hairspray“ 2002 die Vorlage für ein Musical wurde, dürften Waters solche Kleinigkeiten kaum noch kümmern. Das Stück lief sieben Jahre lang am Broadway und wurde über 2.500 Mal zur Aufführung gebracht. In acht Kategorien wurde „Hairspray“ mit den Bühnen-Oscar Tony bedacht, unter anderem als bestes Musical. In London läuft das Musical seit 2007 vor ausverkauftem Haus, in Deutschland wird es ab Anfang Dezember in Köln zu sehen sein.
Und während „Hairspray“ auf den Musicalbühnen Triumphe feierte, wurde der einstige Bürgerschreck Waters ohne eigenes Zutun zu einer kulturellen Instanz. Inzwischen ist er ein gern gesehener Talkshowgast und ein gefragter Experte für alle denkbaren Randgebiete der Unterhaltungsindustrie. Selbst in der TV-Serie „Die Simpsons“ hatte er einen Auftritt.Daran war 1970, als er seinen ersten abendfüllenden Film „Multiple Maniacs“ drehte, noch nicht zu denken. Das Werk handelt von Lady Divine, die einem Wanderzirkus vorsteht, der als Tarnung für Gewaltverbrecher dient. Es kommt zu Mord und Totschlag, irgendwann wird Lady Divine dann unter viel Geschrei von einem gigantischen Hummer vergewaltigt.
Weil auch Anfang der 70er-Jahre für Filme mit derartiger Handlung nur schwer Geldgeber zu finden waren, wurden die Dreharbeiten vor allem mittels Ladendiebstahl finanziert. „Das waren andere Zeiten. Damals war es ja völlig in Ordnung zu klauen. Und ich war ziemlich gut darin, ich wurde nie erwischt“, sagt Waters, was allerdings nur zur Hälfte stimmt.
Einmal wurde er beim Stehlen beobachtet, was Waters allerdings bemerkte und deshalb unbemerkt vom Kaufhausdetektiv die Ware zurücklegte. Als er festgehalten wurde und man nichts bei ihm fand, verklagte Waters das Geschäft und gewann. „Ich weiß, ich war damals wohl ein bisschen gemein.“
Und er war wütend. Die Nachfolgewerke „Pink Flamingos“ (1972), „Female Trouble“ (1974) und „Desperate Living“ (1977) sind ein filmischer Tritt gegen das Schienbein des guten Geschmacks, gegen den Gemeinsinn, gegen alles, was vernünftigerweise unter einem gelungenen Film verstanden wird. Alle Darsteller sehen auf eine interessante Art unmöglich aus, benehmen sich furchtbar und rücksichtslos und spielen einfach grauenhaft.
Aber man merkt ihrem Spiel an, dass sie etwas Besonderes sind und sich selbst für etwas Besonderes halten. Wahrscheinlich waren sie die ganze Zeit auf Drogen. „Ja, tatsächlich spielten Drogen eine große Rolle“, sagt Waters. „Aber das ist längst vorbei. Und ich kann sagen, dass ich Glück hatte. Fast alle Leute, mit denen ich angefangen habe, sind ja längst verstorben.“
Der übergewichtige Transvestit Divine, das bekannteste Mitglied aus Waters’ Filmfamilie, starb 1988 im Alter von 42 Jahren an vergrößertem Herzen. David Lochary, der für Waters meist exotisch gekleidete Perverse spielen musste, starb 1977 mit 32 Jahren, nachdem er unter Einfluss von PCP auf ein Glas fiel und verblutete. Und Cookie Mueller, die in allen Frühwerken von Waters mitspielte, starb 1989 mit 50 Jahren an Aids.
Wie hat John Waters überlebt? „Ich bin wahrscheinlich früher aufgestanden. Jeden Morgen um sieben beginnt mein Tag, das diszipliniert.“
Die LIebe und Baltimore
Doch noch mehr als Wut, Irrsinn und Drogen sind Waters’ Filme von Liebe geprägt, von der Liebe zu seiner Heimatstadt Baltimore, in der alle seine Filme spielen. Warum? „Weil es die extremste Stadt ist, die ich kenne. Sie ist hauptsächlich arm und völlig kaputt, die Leute sind alle verrückt, sie tragen die schlimmsten Frisuren der Welt. Ich würde nirgendwo sonst leben wollen.“ Wenn John Waters Inspiration sucht, geht er einfach nur auf die Straße und schaut sich um.
Angeblich sehen die Frauen dort heute noch so aus wie Divine in den 70er-Jahren. „Eine Barfrau, die ich kenne, sie dürfte inzwischen sechzig sein, trägt heute noch diese extrem kurzen Minikleider aus den Sechzigern“, erzählt Waters. „Sie sagt immer: Wenn du deinen Stil gefunden hast, bleib dabei. Es gibt auch niemanden, der aus Baltimore fortzieht, meistens wohnen die Leute ihr ganzes Leben bei den Eltern.“ John Waters denkt jetzt kurz nach: „Im Grunde sind meine Filme alle Dokumentationen.“
Waters war es auch, der dem Bürgermeister vorschlug, mit dem Aufkleber „Come to Baltimore and be shocked!“ („Besuchen Sie Baltimore und seien Sie schockiert!“) Gäste in die Stadt zu locken. Inzwischen wird Baltimore ganz offiziell damit beworben. John Waters: „Können Sie sich das vorstellen?“ Wenn Baltimore tatsächlich so verrückt ist, wie er behauptet: Sehr gut. Aber hat John Waters eine Vorstellung, wie er über die Jahre zu einem angesehenen Künstler wurde?
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich mich kaum verändert habe. Aber wahrscheinlich hat sich die Zeit verändert. Die Welt ist mir entgegengekommen.“ Reality-TV, Krawall-Talkshows und Prominente, die nur wegen schlechten Benehmens zu Ruhm gekommen sind – im Grunde lassen sich all diese Phänomene bereits in Waters’ alten Filmen entdecken. Damit ist er nicht nur ein Dokumentarfilmer, sondern wohl auch ein Visionär.
Und wie sieht es mit Musicals aus? Kann John Waters damit überhaupt etwas anfangen? „Natürlich, ich habe schon als kleiner Junge welche gesehen. Allerdings hab ich sie damals gehasst, weil meine Mutter mich gezwungen hat, mir welche anzuschauen. Außerdem finde ich süßliche Kraftballaden entsetzlich, und Musicals, die sich anfühlen wie ein Spaziergang durch Disneyland, kann ich einfach nicht ausstehen.“Wie gut, dass von all dem in „Hairspray“ nichts zu finden ist.
„Hairspray“ ist ab dem 6. Dezember im Kölner Musical Dome zu sehen. Die Hauptrollen spielen Maite Kelly als Tracy Turnblad und Uwe Ochsenknecht als ihre Mutter Edna. Weitere Infos unter www.hairspray.de






















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