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16.11.09

"Tannöd"-Macher

"Quentin Tarantino ist die totale Postmoderne"

Mit "Tannöd" stürmte Andrea Maria Schenkel die Bestsellerlisten. Jetzt kommt die Verfilmung ihres Romans ins Kino. Morgenpost Online sprach mit Regisseurin Bettina Oberli und Projekt-Begleiter Bernd Eichinger über Dorftrottel, 1:1-Filmen und die Relevanz von Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds".

constantin

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Morgenpost Online: Die gleiche Frage an beide: In welches Genre gehört "Tannöd"?

Bettina Oberli: Für mich ist es ein psychologisches Drama mit kriminalistischen Elementen.

Bernd Eichinger: Ich würde eher sagen, es ist ein Thriller.

Oberli: Ein Thriller kann all das beinhalten.

Eichinger: Ich wollte nicht widersprechen. Ein Genrefilm jedenfalls.

Morgenpost Online: "Tannöd" verfilmt einen Mordfall in einem kleinen bayerischen Dorf aus den Zwanzigern. Der Film verlegt das in die Fünfziger. Warum?

Oberli: Schon der Roman von Andrea Maria Schenkel hat ihn klugerweise dahin verlegt, weil er auch von der Wunde nach dem Krieg und kollektiver Schuld handelt.

Morgenpost Online: Sie stammen beide aus Dörfern...

Oberli: ... aus Meiringen im Berner Oberland...

Eichinger: ... und ich aus einem Bergbauerndorf in den bayerischen Alpen. Ich weiß, wie es da zugeht.

Morgenpost Online: Wie geht es da zu?

Eichinger: Durch die Abgelegenheit bedeuteten alle Wege, die man zurücklegte, eine Anstrengung. Man machte sie nur, wenn man sie machen musste. Und am Sonntag ging man in die Kirche und putzte sich heraus, wie in "Tannöd". Und es gab die unausgesprochene Regel, dass Leute, die im einen Tal wohnten, nicht ins andere Tal heirateten. Das hat zu "Verfallserscheinungen" geführt, die ich beobachten konnte, weil mein Vater Landarzt war.

Oberli: Meiner auch!

Eichinger: Jedes Dorf hat ja seinen Dorftrottel. Wir hatten mindestens fünfe. (Gelächter) Man denkt immer, das Leben dort sei so idyllisch. Das ist es für einen kleinen Jungen auch, die Grundschule machst du mit links, dann hast du den ganzen Tag frei zum Baden und Herumtreiben. Alles ist sehr locker, aber nur so lange, wie man sich anpasst. Sobald sich der geringste Non-Konformismus zeigt, wird man ausgestoßen. Noch herber habe ich das nur im mittleren Westen in Amerika erlebt. Die Leute sind freundlich und helfen sich, aber wehe, du lässt dir die Haare länger wachsen.

Morgenpost Online: An was erinnern Sie sich vom Berner Oberland?

Oberli: Diese Art der sozialen Kontrolle ist mir sehr bekannt, und als Kind des Lehrers oder Arztes wurde man doppelt beobachtet. Mich interessiert diese Spannung zwischen der Sehnsucht nach Verwurzelung und der nach Weggehen.

Morgenpost Online: Sie haben den Film nicht produziert. Was genau haben Sie getan?

Eichinger: Ich habe das Projekt sporadisch begleitet, weil ich den Roman kannte und weil mir gefiel, wie Bettina ihn angegangen ist.

Oberli: Du hast mir gesagt "Ich helfe dir, aber darin liegt auch ein Risiko, musst du wissen. Ich habe nicht nur einen guten Ruf - bei gewissen Leuten". Aber das habe ich in Kauf genommen. Was mir bei ihm gefällt, ist seine Leidenschaft.

Eichinger: In seinen besten Momenten erinnert mich ihr Film an Italiens Neorealismus, der zuerst minimalistisch daherkommt und dann herausbricht wie eine Oper. Bettina geht eins zu eins an ihren Stoff heran. Sie macht sich keine komplizierten Gedanken. Wo könnte ich das hinversetzen, damit es am gruseligsten wird, und welche zweite Ebene könnte man einziehen?

Morgenpost Online: Sie sind ein großer Vertreter des 1:1-Filmens.

Eichinger: Es geht mir um den Willen, etwas 1:1 umzusetzen. Wenn es misslingt, ist es eben Mist geworden - aber ich habe keine Ausflucht. Ich kann nicht sagen: Es sollte ja langweilig sein! Kein Netz, kein doppelter Boden. Georg Tressler hat solche Filme gedreht.

Morgenpost Online: "Die Halbstarken" etwa.

Eichinger: Oder den "Weibsteufel", ein Dreiecksdrama auf dem Lande. Total 1:1! Leider trifft man das im europäischen Kino immer seltener. Was man findet, ist ein zweiter, ein postmoderner Blick. Tarantino ist die totale Postmoderne. Fast jeder Dialog ist ein Zitat, und ich weiß genau, wo das herkommt. Das ist ziemlich genialisch gemacht - genialisch, nicht genial! -, aber so sehr dafür begeistern wie viele kann ich mich nicht.

Morgenpost Online: Welche Art Kino hat Sie geprägt?

Eichinger: In Reinertshofen, meinem 1000-Seelen-Dorf, gab es früher zwei Kinos und jetzt noch eins, weiter ganz gut besucht. Ich war ein Filmallesfresser, aber was mich tief beeindruckte, war "Ben Hur". Später, beim Studium, waren Ford und Hawks und Sirk die Offenbarung.

Oberli: Was mir gut gefällt, sind die jungen Südamerikaner wie Alejandro González Iñárritu. Und natürlich Ang Lee, von dem jeder Film gut ist, trotz ihrer Verschiedenheit.

Morgenpost Online: Er könnte also auch einen Film in den Schweizer Bergen machen.

Oberli: Ganz sicher.

Eichinger: "Brokeback Mountain" spielt in den Bergen.

Oberli: Der hätte auch in der Schweiz spielen können.

Eichinger: Sydney Pollack konnte das auch, die Verschiedenheit. "Jeremiah Johnson", der im Winter in den Bergen spielt, ist einer der besten Western, die je gedreht wurden.

Morgenpost Online: Erklären Sie 1:1 doch mal an Hand der Karriere von Fellini.

Eichinger: "La Strada", "Dolce Vita" - total 1:1. Dann kommt "Achteinhalb", einer meiner Lieblingsfilme, der genau die Balance hält. Er weiß, dass ihm nichts einfällt - und macht das zum Thema. Aber danach kriegt er das nicht mehr richtig hin.

Morgenpost Online: Was sind für Sie neue, gute 1:1-Filme? Die eigenen bitte weglassen.

Eichinger: Das ist aber schwer. "Der Untergang", das ist 1:1.

Oberli: Es gibt immer wieder solche dänische Filme, Susanne Biers "Zwischen Brüdern" zum Beispiel ...

Eichinger: Aber wenn du Lars von Triers "Antichrist" ansiehst, das ist zwar ein super Film...

Oberli: ... Susanne Bier transportiert archaische Tragödien ins Heute. Ihre Filme haben etwas sehr Direktes.

Morgenpost Online: Ist "Die Päpstin" ein 1:1-Film?

Eichinger: Er gilt als solcher. Ob es der beste Film ist, kann man sich durchaus fragen. Er ist schon o.k., aber 1:1 bedeutet noch keine Qualität, nur den Ausdruck eines Willens ... Jetzt fällt mir ein neuer 1:1-ein: "Wolfsburg" von Petzold!

Morgenpost Online: Wann kommt das Angebot von Eichinger an Christian Petzold?

Eichinger: Das gibt es. Wir sind im Prinzip längst verabredet. Das weiß er auch. Er versucht sich nur noch wegzudrücken. Wir lachen darüber, es ist eine Art Running Gag zwischen uns. Er deckt sich ja mit Arbeit ein, damit er das Unausweichliche vorläufig vermeidet. Er weicht noch dem Satan.

Oberli: Aber Petzolds "Innere Sicherheit" war auch toll.

Eichinger: "Die innere Sicherheit" war cool. Der kann das schon.

Morgenpost Online: Was hat Sie geprägt, Frau Oberli?

Oberli: Kaurismäki, Almodóvar, Jarmusch, die üblichen Verdächtigen. Ich habe auch eine Affinität zu alten Schweizer Filmen, etwa zu den "Uelis" von Franz Schnyder. Wir hatten in unserem Dorf ein Landkino, und ich habe dort alles gesehen.

Eichinger: Du hast erzählt, dass dich abgründige Themen interessieren. Was mich sehr gewundert hat.

Oberli: Wirklich?

Eichinger: Hast du. Als wir über deine mittelfristige Zukunft sprachen.

Oberli: Das ist eine Richtung. Mich interessiert nicht der Abgrund an sich. Ich habe "Tannöd" nicht gedreht, weil sechs Menschen umgebracht werden. Das Wahnsinnige an dem Ereignis ist auch, dass man den Mörder nie gefunden - und den Hof kurz danach platt gemacht hat.

Morgenpost Online: In unseren Kinos läuft gerade noch ein Film über eine verschworene Dorfgemeinschaft, mysteriöse Todesfälle und nie ermittelte Täter...

Eichinger: "Das weiße Band". Ich habe den Haneke gesehen, er ist herausragend, nur plötzlich hört er auf.

Oberli: Sozusagen eher 2:1.

Morgenpost Online: Für einen Haneke geht er aber weit in der Aufklärung. Weiter jedenfalls als sein "Caché".

Eichinger: Das mag auch nicht jeder, zwei Stunden im Kino darauf zu warten, dass jemandem die Schlagader aufgeschlitzt wird. Der Haneke hat mich zwar beschimpft, dass ich immer die gleichen Schauspieler benutze, aber ich finde "Das weiße Band" außergewöhnlich gut. Ich war nur frustriert, als der Film plötzlich zu Ende war. Ich dachte, ich spinne, als die Endtitel kamen.

Oberli: Ich war bis vor kurzem so mit "Tannöd" beschäftigt, dass ich ihn noch nicht sehen konnte. Aber mit hat ein Kritiker gesagt, für ihn zeige das "Band" den Anfang und "Tannöd" das Ende einer Epoche.

Eichinger: Haneke wird dir schon gefallen. Er wird dir wahrscheinlich zu gut gefallen. (Gelächter)

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