05.09.13

Konzertkritik

Elton John erntet verliebte Blicke in der Waldbühne

66 Jahre ist Elton John alt - für manche fängt das Leben da an. Und auch der britische Künstler hat nichts von seinem Schwung verloren. Die Besucher in der Waldbühne macht er richtig glücklich.

Von Frederic Schwilden
Foto: dpa

I’m a rocket man – Sir Elton John bringt die Waldbühne in Schwung. 12.000 Besucher feierten den 66-Jährigen bei seinem Auftritt.
I'm a rocket man – Sir Elton John bringt die Waldbühne in Schwung. 12.000 Besucher feierten den 66-Jährigen bei seinem Auftritt.

Natürlich glaubt er an die Liebe. "I believe in love, that's all we got", singt er ein letztes Mal. Als der Schlussakkord von "Believe" erklingt, schaut Elton John durch seine lila getönten Brillengläser in die Gesichter der ersten Reihe. Da stehen Männer mit ebenso getönten Brillengläser, einige haben Blumen mitgebracht, andere Luftballons und sie halten sich an den Händen und schauen so verliebt, wie man lange keinen mehr verliebt schauen gesehen hat. Mit einer absoluten Hingabe nämlich. Und ihre verliebten Blick werden von den Pailletten auf Eltons blauem Jackett reflektiert und fliegen wie kleine Glühwürmchen durch die ganze Waldbühne. Das kann man wirklich sehen.

Sechsundsechzig ist Elton John jetzt. Er hat diese knuffigen Bernhardiner-Backen, genau wie unsere Kanzlerin Angela Merkel, die dafür gemacht sind, von einem jungen Kind, das die Welt gerade erst entdeckt, gekniffen zu werden, auf das sich ein unendlich heiteres Lachen von Kneifer und Gekniffenem zu einem ganzen Großen vereinen.

Wenn Elton John eines hat, dann Spielfreude. Obwohl er am Yamaha-Flügel sitzt, er tanzt. "Philadelphia Freedom" von 1975. Er hebt den Arm, Zeigefinger raus, Eltons Spielmannzug ist in der Stadt. Seine Background-Sängerinnen wiederholen das glasklare "Freedom" und das "Love, Love, Love".

Eine der größten Stimmen, die unser Planet noch hat

Sein Bariton, es ist eine der größten Stimmen, die unser Planet noch hat. Dabei sind seinen Rachen alle Substanzen dieser Welt hinunter geronnen. Elton John, der Junkie, es ist unvorstellbar, dass er noch lebt und so gesund ist. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren ist er jetzt clean. 1986 wurde er am Kehlkopf operiert, Koks und werweißdasschon waren daran schuld. Seine Kopfstimme verlor er dadurch. Aber jetzt sitzt er da wie ein quietschfideler schwuler Gott im pinken Hemd und singt "Candle In The Wind". Wo er wohl am 31. August 1997 gewesen ist? In der Nacht als Diana, die Prinzessin von Wales auf dem Rücksitz einer Limousine sitzend mit voller Wucht gegen einen Brückenpfeiler gefahren wurde. Am 6. September 1997 jedenfalls spielte er "Candle In The Wind" in einer neuen Version, mit einem umgeschrieben Text auf deren Beerdigung in der Westminster Abbey, um sich von seiner Freundin zu verabschieden.

"Rocket Man" spielt er ganz alleine. Der Bühnenvorhang ist ein Sternenmeer, und Elton ist der am meisten strahlende Planet am Firmament. Die Band setzt ein. Ein heiliges "Ooh" aus dem Hintergrund, die kondensstreifigen Synthesizer, und gravitätisch nachschwingenden Becken. "I'm a rocket man", ja, er fliegt rauf zu den Sternen, der kleine Mann, und oben trifft er bestimmt Bowies Major Tom, und weil Elton John, der wirklich liebenswürdigste 66-jährige der ganzen Welt ist, weil er so formvollendeter Gentleman ist, holt er Major Tom bestimmt zurück zur Erde. Elton John hat ein Herz für Menschen, die ins Unendliche abdriften wollen. Tom Chaplin von Keane, Eminem, Donatella Versace, vielen Freunden half er beim Entzug. Nur Peter Doherty konnte er nicht retten, der kreist immer noch in unstetigen Bahnen durch die Galaxien up und down.

Irgendwann muss Elton John heilig gesprochen werden

Eigentlich müsste er kein einziges Konzert mehr geben. Wer mehr als 900 Millionen Platten verkauft, muss gar nichts mehr. Nicht singen, nicht auftreten, nicht dies, nicht das. Aber Elton will. Und wie er will. Nach jedem Stück, nach "Love Lies Bleeding", nach dem neuen "Oscar Wilde Gets Out", in zehn Tagen erscheint mit "The Diving Board" seine gefühlt hundertste Platte, steht er auf und bedankt sich so ehrlich, so aus tiefem Herzen dankbar.

Und sein Dank klingt so boogiewoogie-großartig. Auf "Don't Let The Sun Go Down On Me" folgt "I'm Still Standing", das ausufernd dirty-dancing-like "Crocodile Rock". 12.000 singen La-La-La-La-La. Irgendwann muss Elton John heilig gesprochen werden. Denn würde jeder seine Songs hören, wirklich, das ist garantiert, die Welt wäre ein besserer Ort. Zwischen dem Glitzer, zwischen der Treue seiner Band, mit seinem Drummer spielt er schon seit 1969, da ist kein Platz für Feindseligkeiten. Elton John ist der Messias, der Friedensfürst, der jivende Jerry Lee Lewis aus Great Britain. Zum Schluss spielt er sein Vater Unser. "Your Song", und er widmet es tatsächlich Angela Merkel. Und das kleine Kind, jetzt kneift es beide Bernhardiner-Backen, und ganz Berlin, es lacht und gluckst.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Premiere Hollywoodstars bringen "Spiderman" nach…
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
Schiffsunglück Fähre mit fast 500 Menschen gekentert
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fernsehprogramm

Von Jesus Christus bis Hitler – Das läuft über…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote