Late Night: Maybrit Illner
Stell Dir vor, es gibt Impfungen und keiner geht hin
Samstag, 24. Oktober 2009 22:30 - Von Jens SteffenhagenMontag beginnen viele Massen-Impfungen gegen die Schweinegrippe. Doch sollte man sich überhaupt impfen lassen? Oder fällt man damit nur auf eine weitere Kampagne der Pharmakonzerne rein? Darüber diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen. Das Vertrauen in die Redlichkeit der Branche ist gering.
Stell Dir vor es gibt Impfungen – und keiner geht hin... Dieses Szenario könnte jüngsten Umfragen zufolge in der nächsten Woche durchaus eintreten: Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung hält es nicht für nötig, sich gegen das H1N1-Virus impfen zu lassen.Und das trotz einer gewaltigen PR-Offensive seitens der Politik und der Arzneimittelindustrie. Denn spätestens seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die höchste Pandemie-Warnstufe ausgerufen hat, stellen die Behörden in vielen Ländern Hunderte von Millionen Euro für Medikamente bereit.
Dazu überbieten sich die Boulevardzeitungen beinahe täglich mit neuen Horror-Zahlen: Bis zu 35.000 Menschen könnten in diesem Winter allein in Deutschland an der Schweinegrippe sterben, verkünden Experten – und sorgen mit solch düsteren Prophezeiungen für gesteigerte Auflagen und gigantische Umsätze der Pharmafirmen.
„Impfen. Spritzen. Schröpfen. Geht's ums Geschäft oder unsere Gesundheit?“ fragte Maybrit Illner folgerichtig ihre Gäste. So ausladend wie der Titel es suggerierte wurden die Praktiken im Gesundheitswesen allerdings nicht unter die Lupe genommen – man blieb im Wesentlichen bei der Diskussion um die größte Massenimpfung in der Geschichte der Bundesrepublik.
Die stößt in den letzten Tagen auf immer offenere Kritik. Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr einen anderen Impfstoff bekommen sollen als Otto Normalverbraucher – der Tropfen, der die Kanüle zum Überlaufen brachte.
Das Misstrauen der Bürger ist dabei durchaus berechtigt, denn die Medikamente, die ab Montag eingesetzt werden, sind neu entwickelt worden. Eine Pharmakovigilanz, eine laufende und systematische Überwachung der Arzneimittel konnte nicht stattfinden. „Ein Medikament wird vor der Zulassung lediglich von einigen hundert Personen getestet. Ob die Impfstoffe sicher sind, wissen wir derzeit nicht.
Das Gegenteil zu behaupten, wie es einige Politiker jetzt tun, ist unseriös“, meinte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Die ersten Patienten dürfen sich durchaus als Versuchskaninchen fühlen, wenn auch das Risiko schwerer unerwünschter Nebenwirkungen sehr gering ist.Ludwig, der in Illners Runde die Fahne der Skeptiker hochhielt, wies zurecht darauf hin, dass der Krankheitsverlauf der Schweinegrippe ungefährlicher ist, als der einer normalen Influenza: Lediglich zwei der 23.000 erkrankten Deutschen starben schließlich an dem Virus.
Dass der medizinische Fortschritt unser Leben entscheidend verbessert, ist unbestritten. Diesen Industriezweig als karitative Vereinigung darzustellen, verklärt die Realität allerdings ganz gewaltig. Schließlich handeln die Firmen nach den gleichen Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage wie jeder andere Wirtschaftszweig. Inwieweit sie diese sogar selber forcieren, verdeutlichte ein Einspieler, der das Budget der Pharmakonzerne anschaulich aufsplittete: Vierzig Prozent der aufgewandten Kosten gehen ins Marketing, lediglich zehn Prozent in die Forschung.
Kritik an der Geschäftspolitik der Arzneimittelhersteller gibt es seit vielen Jahren. Ebenso den Vorwurf, sie bringe aus ökonomischen Erwägungen Medikamente mit schweren Nebenwirkungen auf den Markt. Spektakuläre Fälle wie Contergan oder Lipobay sind noch jedem in Erinnerung. Den betroffenen Konzernen wohl auch: Die Bayer-Aktien sanken um fünf Milliarden Euro, nachdem man verkünden musste, dass der Blutdrucksenker Lipobay vom Markt genommen wird.Laut Wolf-Dieter Ludwig liegt hier ein „Systemfehler“ vor: Neue Medikamente würden oftmals extrem teuer angeboten, bevor ihre Verträglichkeit und Wirksamkeit in langen klinischen Studien bewiesen wurde. Die Firmen verdienen also besonders in den ersten Jahren an den Mitteln, bevor Konkurrenzprodukte die Preise verderben – ein riskanter Anreiz.
Auch jetzt macht die Branche ein ausgezeichnetes Geschäft mit der Unsicherheit: Insgesamt kosten die bestellten 50 Millionen Dosen Impfstoff rund eine Milliarde Euro. Der Umsatz mit Grippemitteln hat sich etwa beim Pharmariesen Roche in den letzten fünf Jahren verzehnfacht, wie eine Grafik der Illner-Redaktion verdeutlichte.
Die Frage, ob man sich nun gegen die Schweinegrippe impfen lassen soll oder nicht, konnte die Runde erwartungsgemäß nicht abschließend klären. Eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera, wie es scheint – auch wenn wohl weder die Hysterie um eine bevorstehende Pandemie noch die übertriebene Angst vor einem neuen Contergan-Skandal berechtigt sind. .Erschienen am 23.10.2009







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