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Frankfurter Buchmesse

Das elektronische Buch ist kein Rohrkrepierer

Techniken, Produkte, Verhaltensweisen sind überholt, wenn sie immer weniger Menschen haben wollen. Wer braucht eigentlich ein Faksimile? Kommt endlich das digitale Buch? Warum schreiben die Menschen nur? Sechs Beobachtungen von der Frankfurter Buchmesse von Matthias Wulff.

Frankfurter Buchmesse 2009
Foto: ddp/DDP

Der Weitsichtige

Alexander Schimmelbusch ist Jahrgang 1975 und war fünf Jahre Investmentbanker. Sein struppiger Bart verrät, dass die Karriere ein paar Jahre zurückliegt. Er war schlau genug, die Branche zu wechseln, bevor die Banken zu einer Krisenindustrie wurden. „Blut im Wasser“ heißt sein zweiter Roman und ist ein gut platzierter Schlag in die Magengrube, bei dem man sich noch Tage später fragt: Was ist hier eigentlich passiert?

Erzählt wird das Leben von Pia und Alex, in der Kindheit und Jugend ein Liebespaar, die beide in großem Reichtum aufwuchsen und nun, voneinander entfernt, ein sehr unterschiedliches Leben führen. Die Frau weiß, dass sie sterbenskrank ist, und will ihn ein letztes Mal treffen, ihr Denken kreist um ihre große Liebe. Alex hingegen erinnert sich kaum noch an sie und führt ein Dasein mit erlesenen Produkten, Häusern und Frauen. Seine Lebensführung ist eine ziemlich radikale Antwort auf die Frage, was passiert, wenn all die Überlegungen über Arbeit, Familie, Geld, mit denen sich Normalsterbliche so rumschlagen, wegfallen.

Ob Alex nun ein Dreckskerl ist oder nicht, das vermag Alexander Schimmelbusch nicht recht zu beantworten. Er sei zwar ein Arschloch, aber er empfinde eine Grundsympathie für ihn. Nicht mehr „Schriftsteller in die Produktion“, sondern „Schriftsteller in die Finanzindustrie“ sollte es heißen. Er habe erlebt, wie „armselig“ Menschen sind, die sich nur über ihren Beruf definieren, bei denen das Selbstbewusstsein linear mit der Karriere verläuft. Als er eine Auszeit haben wollte, um seine kranke Mutter zu pflegen, zeigte ein Vorgesetzter ein Familienbild und deutete auf seine Tochter: „Sie ist seit einem Jahr tot. Weißt du, was ich gemacht habe am Tag nach ihrem Tod? Ich war hier im Büro.“

Die Zukunft (I)

Wenige Tage vor der Buchmesse riet ein früherer Kollege, ich solle bei Textunes am Messestand vorbeischauen. Die Firma bringe sein neues Buch heraus. Hm, war er im vergangenen Jahr nicht noch bei Campus? Jaja, aber der Verlag wollte warten und sein Buch erst im Frühjahr herausbringen, „das Thema passe nicht ins Herbstprogramm“ – eine der beliebtesten Absagefloskeln der Verlage. Nun ist es bei Textunes zu haben.

Volker Oppmann hat Textunes mitgegründet. Textunes sorge für den digitalen Vertrieb für Verlagsinhalte, sagt er, und das ist vielleicht etwas zu technisch, heißt aber nichts anderes, als dass seine Softwareapplikation dafür sorgt, ein Buch auf das iPhone zu bringen. Das Lesen ist eine ziemliche Umstellung, und wahrscheinlich bekommt man irgendwann einen wunden Zeigefinger. Aber es soll Leute geben, die behaupten von sich, sie hätten den „Faust“ auf dem iPhone gelesen, erzählt der Suhrkamp-Geschäftsführer Jonathan Landgrebe mit einem leichten Grinsen. Nick Cave behauptet sogar von sich, er habe seinen neuen Roman „Der Tod des Bunny Munro“ auf dem iPhone geschrieben, was zumindest eine Erklärung ist, warum er so lau geworden ist. Insgesamt mag das alles die übliche Prahlerei der Oberschnellen sein, aber es zeigt, wohin die Reise geht.

150 Bücher kann man auf Textunes kaufen; angesichts der 70.000 Neuerscheinungen im Jahr kaum erwähnenswert, wenn nicht in den vergangenen Monaten eine Reihe größerer Verlage Partner von Textunes geworden wären. Bastei Lübbe, Random House, Rowohlt und andere sind darunter. Alle arbeiten daran, ihre Bücher auf iTunes verfügbar zu machen.

Der Held der Saison

Warum schreiben nur die Menschen? Alexander Schimmelbusch sagt, es mache ihm Spaß (und zwar entschieden mehr als das Investmentbanking), aber das kann wirklich nicht die ganze Erklärung sein. Für ihn sei das Schreiben „das Paradigma der sinnvoll verbrauchten Zeit“, sagt Stephan Thome, der studierte Philosoph.

Stephan Thome hat wahlweise „das Buch des Herbstes“ („Zeit“) oder das „Buch des Sommers“ (ich am Strand im August) geschrieben; „Grenzgang“ wurde mit dem „aspekte“-Literaturpreis ausgezeichnet, das Buch stand auf der Short List des Deutschen Buchpreises. Ausgezeichnet wurde Kathrin Schmidt für „Du stirbst nicht“, was angesichts der Flut an Leidens- und Todbüchern in diesem Jahr konsequent erscheinen mag, aber der Stempel „selbst erlebt“ ist noch keine literarische Kategorie.

Stephan Thome ist milde enttäuscht über die Jury-Entscheidung, deutlich überwiegt die Zufriedenheit: „Ein Glücksfall“ war es, dass sein Buch überhaupt veröffentlicht wurde, und dann auch noch bei Suhrkamp. „Mit Bedauern“ oder „sehr entschieden“ hatten einige Verlage sein Manuskript abgelehnt. Es sei „wahnsinnig schwer, als Debütant in den Kreis der Schriftsteller reinzukommen“, vor allem wenn sich auch noch die Handlung des Romans auf der allerersten Ebene – ein Roman über zwei recht verzweifelte Menschen in der hessischen Provinz in Zeiten des Volksfestes – denkbar lahm anhört. Beide sind Mitte vierzig, vertraut mit Enttäuschungen, dem Schwinden der Optionen und, wie es in dem Buch heißt, dem „unabweisbaren Bewusstsein der eigenen Jämmerlichkeit“. Den „Umgang mit dem Scheitern“ wollte er schildern, sagt Stephan Thome. Die Gefühlsschwankungen, die Unentschlossenheit, die Suche nach Perspektive beschreibt Stephan Thome so, als blicke ein erfahrender Romancier zurück. Doch er ist Jahrgang 1972, wäre da nicht die Zeit reif für einen Kopfschuss? „Wieso denn? Ich habe mir mit Literatur und Philosophie zwei Felder ausgesucht, auf denen man mit dem Alter immer besser werden kann.“

Die Zukunft (II)

Die Pressefrau von Amazon hat ihren Stand in einem Café auf dem Messegelände. Dort zeigt sie das Lesegerät Kindle. 259 Gramm schwer ist es, und ein Gramm kostet weniger als ein Euro, rund 240 Euro alles in allem. Ab kommender Woche kann man ihn kaufen, nur Englisch sollte der Kunde können. Denn deutsche Bücher sind noch nicht erhältlich; die Verhandlungen mit den deutschen Verlagen laufen, und es ist der Mimik der PR-Frau abzulesen, dass sie nicht leicht sind.

Es geht, wie so häufig, ums Geld. Amazon möchte für das elektronische Buch einen niedrigeren Endpreis als für das gebundene Buch verlangen; die meisten Verlage denken gar nicht daran. Zu erklären, warum trotz wegfallender Druckkosten und Lagerkosten und Transportkosten und Remissionen das E-Book nicht günstiger sein darf, wird die Verlage noch einige Überzeugungsleistung kosten. Mit der Buchpreisbindung hat das nichts zu tun. Sie garantiert den gleichen Preis für das gleiche Produkt, aber Buch und E-Book ähneln sich zwar, dennoch gleichen sich nicht. Bei Kein & Aber, dem Schweizer Verlag, sind einige Bücher auf Textunes schon billiger als die gedruckten.

Was die Messe lehrt: Nach all dem jahrelangen Gerede über das digitale Buch (und gleichbedeutend dem Niedergang des gedruckten Buchs, weil ohne Todesprophezeiung wäre die Debatte nur halb so schmissig) hat man in diesem Jahr in Frankfurt ein neues Stadium erreicht: Das elektronische Buch ist da und kein Traumgespinst; kein Rohrkrepierer mit Ansage wie die Lesegeräte Newton oder das Rocketbook es waren.

Die Vergangenheit

Techniken, Produkte, Verhaltensweisen sind überholt, wenn sie immer weniger Menschen haben wollen. Das wissen wir vom Kutscher, vom Schreibmaschinenhersteller und von den Schlumperhosen. Nichts erscheint auf der Buchmesse so anachronistisch wie Verlage, die sich auf Faksimile spezialisieren. Auf Peter Teichers Stirn verstärken sich hingegen die Falten, wenn man suggeriert, er sei ein Auslaufmodell. Im Gegenteil: Er ist einer der wenigen Menschen, die man auf der Messe getroffen hat, der so frei von Klagen und Zukunftssorgen ist. Seine Firma Edition Libri Illustri ist auf Raritäten früherer Buchkunst spezialisiert, am erfolgreichsten war die „Schedelsche Weltchronik“, ein Blick auf die Welt aus dem 15. Jahrhundert. 800 Stück gab es davon, 4800 Euro kostet ein Exemplar, acht Weltschauen sind noch zu haben. So seltsam es klingt: Das Geschäft mit Faksimiles wächst, können doch Bibliotheken auf diese Weise wertvolle Bücher vor der Abnutzung bewahren und Interessierten den Zugang zu den Zeugnissen der Vergangenheit ermöglichen.

Der Aufbruch

Zum Jahreswechsel zieht Suhrkamp nach Berlin; es ist das letzte Heimspiel in der Klettenbergstraße. Doch den Empfang in der Unseld-Villa werde es auch künftig geben, versicherte Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Und so trübte nicht Melancholie die unterhaltsame Veranstaltung, obwohl die Lesung von Oswald Egger, der acht Seiten aus seinem Achthundert-Seiten-Manuskript vortrug, ein wunderliches Erlebnis war.

Die Textgestalt werde aus der Probe noch nicht recht deutlich, schrieb verwirrt die „FAZ“. Alles drehte sich um Zerkleinern, Zerfleischen, Abnagen; der „Lebensbericht einer geschlachteten Kuh“ sei das, sagte mir ein Kollege nach der Lesung. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob er einen Witz gemacht hatte.



Erschienen am 18.10.2009

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