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16.10.09

Theater Leipzig

Jimmy Hartwig als Woyzeck ist gar nicht schlecht

Jimmy Hartwig war erst Fußballspieler beim HSV. Dann Trainer bei Sachsen Leipzig. Nun ist er in die Sachsenmetropole zurückgekehrt, um dort im Centraltheater Büchners Woyzeck in dem Stück "Büchner/Leipzig/Revolte" zu spielen. Und siehe da: Hartwig ist nicht das Schlimmste an dieser Aufführung.

© dpa/DPA
Jimmy Hartwig als Woyzeck

Jimmy Hartwig war vor 30 Jahren mal ein berühmter Fußballer beim HSV. Und er war einer der ersten deutschen Bundesligaprofis mit dunkler Hautfarbe. Sein Vater war ein US-Soldat. Logischerweise wurde Hartwig geboren in Hessen, wo viele GIs stationiert sind. Das hört man noch, wenn Hartwig jetzt in Leipzig den Woyzeck aus Georg Büchners Drama spielt. Er "babbelt" so mundartlich, wie es vermutlich auch der Hesse Büchner tat.

Der Dialekt ist eine kluge Maßnahme. Er bewahrt den Amateurschauspieler Hartwig davor, so zu klingen wie ein darstellerischer Dilettant, der die Profis nachahmt. Stattdessen verleiht sie ihm eine angenehme Natürlichkeit, die paradoxerweise noch dadurch verstärkt wird, dass Hartwig meist steif mit dem Gesicht zum Publikum an der Rampe des Leipziger Centraltheaters steht. Man erkennt die Amateure auf der Bühne meist ja auch an der Art, wie sie sich bewegen. Diese Gefahr ist ausgeschaltet.

Sowohl Jimmy Hartwig als auch Woyzeck sind Leipzig verbunden. Der Fußballspieler war 1990 kurz Trainer des FC Sachsen Leipzig. Und der Soldat Johann Christian Woyzeck, das Vorbild für Büchners Dramenheld, wurde 1824 auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet.

Das alles muss man gelesen haben, um der Aufführung namens "Büchner/Leipzig/Revolte", bei der der Schauspieler Thomas Thieme Regie führte, wenigstens den Spaß eines Insiderwitzes abgewinnen zu können. Denn die Inszenierung erschöpft sich in einem frechen Regieminimalismus, der niemals wie gewollt wirkt, sondern einfach nur wie nicht gekonnt.

Zu Beginn sieht man nur einen ca. viertelstündigen Schwarzweißfilm, in dem ein junges Paar sich entschließt, mit Waffengewalt gegen das System vorzugehen. Es wird aus Büchners revolutionärem Pamphlet "Der Hessische Landbote" zitiert. Dann betritt ein Chor aus älteren Herren, die DDR-Lieder singen, die Bühne. Lustig ist, wenn sie schmettern: "Wir wurden früh schon alt."

Das Drama beginnt, als nach einer halben Stunde endlich Jimmy Hartwig kommt. Er ist Woyzeck, der getretene Proletarier, an dem sich die gesellschaftlichen Autoritäten austoben. Der Hauptmann und der Arzt beschimpfen ihn als "Presskohle". Sie geben sich als Vertreter der DDR zu erkennen, deren Ende von den Leipziger Montagsdemonstrationen eingeleitet wurde. Irgendwann liest noch einer der Chorherren eine Erklärung, in der 1989 "Keine Gewalt!" gefordert wurde. Es geht, so belehrt uns der Programmzettel, ganz allgemein um den "Mensch in der Revolte". Die Montagsdemonstranten werden sich freuen, mit einem tragisch irren Eifersuchtsmörder in einen Topf geworfen zu werden.

Nach nur einer Stunde und 15 Minuten ist schon alles vorbei, und man kann sagen: Jimmy Hartwig ist nicht das Problem des Abends. Der Ex-Fußballer hat unter Thomas Thiemes Regie ja schon häufiger Theater gespielt. Sein Woyzeck ist nicht schlechter als die vielen von echten Schauspielern verkörperten, die unsereiner schon gesehen hat. Auch das aus herabhängenden Glitzergirlanden bestehende Bühnenbild von Katrin Brack ist schön – obwohl man es so ähnlich schon mal gesehen hat. Nur sein Regiehonorar sollte Thieme lieber für verarmte Stasiopfer spenden oder davon Waffen für Rebellen kaufen. Es zu behalten wäre – um es in der Sprache der Revolte zu sagen – eine Systemschweinerei.

Termine: Heute, 23. und 29. Oktober, 13. und 23. November

Karten: (0341) 12 68 168 oder www.schauspiel-leipzig.de

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