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Interview

Max Herre ist als Musiker angekommen

Vor sieben Jahren zog der Freundeskreis-Gründer Max Herre von Stuttgart nach Berlin. Damals noch als Hip-Hopper. Doch nun steckt er mit seinem neuen Album "Ein geschenkter Tag" mitten im Deutschrock und Folk. Claudia Schumacher sprach mit Max Herre über das Verfallsdatum von Rappern, Kitsch und Politik.

Max Herre
Foto: ddp
Max Herre will keine Bewegung führen - er weiß ja selbst nicht, wo es lang geht

Morgenpost Online: Wegweisende deutsche HipHopper wie Jan Delay und Denyo wandeln sich von Rappern zu Sängern. Du auch. Kann man jenseits der 30 nicht mehr würdevoll rappen?

Max Herre: Weiß ich nicht. Ich kann nur für mich sprechen, nicht für eine ganze Szene.

Morgenpost Online: Und? Hast Du wegen Deines Alters mit dem Rappen aufgehört?

Herre: Nein, ich hab ja vorher schon gesungen. Meine erste Band war eine Gesangsband. Rap kam erst, als ich 19 war. Ich hab mich darin gefunden und ausprobiert. Aber auch zu Freundeskreiszeiten gab es Lieder wie „Halt dich fest“ oder „Mit dir“. Außerdem war ich bei meinem letzten HipHop-Album schon über 30. Wenn das der Beweis ist, hab ich ihn erbracht.

Morgenpost Online: Trotzdem hast Du das Genre gewechselt.

Herre: Das ist für mich kein Genrewechsel. Es ist eigentlich nur eine Entscheidung für ein konsequentes Album. Meine Texte wurden bildlicher, lyrischer. Dafür eignet sich Gesang besser als Rap.

Morgenpost Online: Schon der HipHop von Freundeskreis war melodiös, teils gut instrumentiert, häufig mit Gitarre. Kann man sagen, was Du jetzt machst ist ein Substrat deiner früheren Musik, glatter ohne die Beats und Kanten?

Herre: Die Kanten sind auf dieser Platte mehr denn je zu hören. Weil alle Songs in einer Bandbesetzung live eingespielt wurden. Was da passiert ist eine Momentaufnahme. Da wurde nachträglich nicht mehr viel gemacht. Kein Glattbügeln.

Morgenpost Online: Mit glatt meine ich harmonisch, ohne die für HipHop typische Provokation. Du warst früher politischer.

Herre: Welcher Song war so provokant und politisch in meinem Rap? Durch die Schublade, die für Freundeskreis gebaut wurde, galten wir plötzlich als politisch. Sie hat aber von Anfang an nicht gepasst. Da waren Songs über Liebe, Rapsongs und politische Songs. Mit den gleichen Zutaten mache ich immer noch Musik und mich interessieren dieselben Leute: Stevie Wonder, Bob Dylan, James Taylor. Was sich geändert hat: Es geht mir nicht mehr um Antworten. Aber ich werfe Fragen auf. Es sind einige politische Songs auf diesem Album, „Wo rennen wir hin“ und das Cover von Udo Lindenbergs „Mädchen aus Ostberlin“ etwa.

Morgenpost Online: Inwiefern ist es politisch, heute einen Lindenberg-Song über das geteilte Berlin aufzunehmen? Als Beitrag zum Mauerfall-Gedenken?

Herre: Musik muss man doch gar nicht erklären. Musik ist eine Emotion. Aber ja, das ist mein Beitrag und das ist der richtige Zeitpunkt. Ich habe das Lied schon als Kind geliebt. Und ich dachte, wenn es verstanden wird, dann jetzt. Ich stell mich nicht vor irgendeine Bewegung und sag: „Kommt alle mir nach, ich weiß wo’s langgeht“. Weiß ich ja nicht.

Morgenpost Online: Hast Du das Gefühl, dass Du mit der Musik, die Du jetzt machst, andere Themen besser ausdrücken kannst?

Herre: Es geht weniger um Themen, es geht um Inneres. Es interessiert mich momentan wenig, ob ich in dem und dem Club war, so und so viele Drinks genommen und mit 17 Frauen getanzt habe. Es interessiert mich aber, was ich fühle, wenn ich nach Hause komme und mein Leben immer noch so ist wie zuvor. Und den Text schreib ich dann an der Gitarre.

Morgenpost Online: Das Lied „Scherben“ ist das emotionalste und persönlichste Lied deines Albums, mit sehr schönen Textzeilen. Es klingt aber auch ein wenig nach Lionel Richie…

Herre: Ohoh!

Morgenpost Online: Ist das Leben einfach manchmal kitschig?

Herre: Das Leben ist immer echt. Für mich ist Kitsch eine geliehene Emotion. Kitsch ist, wenn man dem Erzähler nicht glaubt und spürt: Er will einen glauben machen, dass er wahnsinnig emotional ist, aber er ist es nicht. Für mich kann Wahrhaftigkeit nie kitschig sein.

Morgenpost Online: Max Herre hat auch einen Twitter-Account. Bisher wurde er zu Promozwecken genutzt. Wirst Du Deine Followers künftig auch ganz persönlich wissen lassen, wie es dir geht?

Herre: Nein, diese Art von Nähe suche ich nicht. Oder zumindest nicht über diese Kanäle. Dafür gibt es meine Platten und das live Spielen. Alles andere ist meins.

Morgenpost Online: Welche Musik hören eigentlich Deine Kinder?

Herre: Viele verschiedene Lieder, sie haben natürlich auch ihre Lieblinge auf dieser Platte. Ansonsten finden sie Peter Fox und Marteria toll. Michael Jackson finden sie super, vor allem Jackson Five.

Morgenpost Online: Hat der Musikgeschmack Deiner Kinder Einfluss auf dich?

Herre: Kinder sind so direkt, ohne Filter, ohne zu werten. Ihr Interesse an bestimmten Liedern ist für mich spannend. Auch immer gut zu wissen, was ihnen nicht gefällt. Klar, sie sagen mal über meine Musik: Papa, das gefällt mir jetzt nicht so. Aber das kommt zum Glück nicht so häufig vor.

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